"Work and Travel" auf Hallig Hooge: Schuften bei den Schafen

Rasen mähen, Bänke streichen, Kurtaxe kassieren: Auf Hallig Hooge gibt es viel zu tun. Doch die Marschinsel in der Nordsee leidet unter Bevölkerungsschwund und hohen Schulden. Mit einem Ferienprojekt will die Gemeinde Touristen anlocken, die hier arbeiten - und am besten auch bleiben sollen.

"Hand gegen Koje": Arbeitsurlaub auf Hallig Hooge Fotos
DPA

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Hallig Hooge - Der Motor brummt monoton, die Fähre schiebt sich durch die stockdunkle Nordsee. Es ist eiskalt an Deck, die Temperatur liegt um den Gefrierpunkt. In wenigen Minuten wird das Schiff den Anleger erreichen, der von Scheinwerfern angestrahlt wird und das Tor zur Hallig Hooge ist. Die Marschinsel ist nicht einmal sechs Quadratkilometer groß, zu Fuß ist sie in drei Stunden umrundet. Dauerhaft leben 100 Menschen hier, verteilt auf zehn Warften - jenen künstlichen Erdhügeln, die Häuser und Menschen bei Sturmflut und "Landunter" schützen.

Eine freundliche Frau mit Brille hat mich schon auf der Fähre begrüßt und mit drei weiteren Halligbewohnern sowie einem Hund bekannt gemacht, während die Mannschaft das Anlegemanöver vorbereitet. Die Dame vom Touristikbüro wird während meines "Hand gegen Koje"-Aufenthalts meine Kollegin sein. Das Ferienprojekt gibt es seit vier Jahren. Rund 250 Menschen haben bisher daran teilgenommen. Mindestens zwei Wochen müssen sie bleiben.

So lange werde auch ich auf der Hallig wohnen - und arbeiten. Meine Unterkunft ist eine Dachgeschosswohnung auf der Hanswarft. Die Idee zu dem Projekt "Hand gegen Koje" hatte Hooges Bürgermeister Matthias Piepgras. "Wir haben gemeindeeigene Wohnungen, die wir aus verschiedenen Gründen nicht dauerhaft vermieten wollen", so Piepgras. Da man diese aber auch nicht leerstehen lassen wollte, sei die Idee entstanden, ehrenamtliche Mitarbeiter darin wohnen zu lassen.

Am Morgen nach der Ankunft trete ich um 10 Uhr meinen Dienst im Touristikbüro an. "Im Sommer sind die Einsatzmöglichkeiten vielfältiger", erklärt mir Gemeindemitarbeiter Erco Jacobsen, "Rasen mähen, Bänke streichen, Zäune reparieren, Unkraut zupfen". Im Winter sei wohl eher Büroarbeit angesagt. Angesichts der Schneeflocken, die waagerecht über die Hallig stürmen, eine gute Idee.

Ein Dutzend Bewerbungen pro Monat

Täglich sitze ich nun vier Stunden ehrenamtlich am Schreibtisch, mache Pressearbeit für die Gemeinde, Telefondienst, koche Kaffee. Der Rest des Tages ist für lange Spaziergänge da, bei denen man mehr Schafe als Menschen trifft, für gute Bücher und Schlaf. Das Freizeitangebot auf Hooge ist begrenzt - die Infrastruktur auch: Es gibt eine Schule mit vier Schülern, eine Kirche, einen Kaufmannsladen und einen Krankenpfleger. Wird ein Arzt benötigt, kommt der per Rettungshubschrauber oder Seenotkreuzer.

"10 bis 15 Bewerbungen gehen jeden Monat ein", sagt Erco Jacobsen über das Ferienprojekt. Drei "Hand gegen Koje"-Plätze könnten parallel vergeben werden, außerdem werde genau geschaut, womit der Bewerber das Halligleben bereichern könne. "Durch das Projekt profitieren wir von den unterschiedlichsten Fähigkeiten, wir können nur lernen von den Teilnehmern." Nicht alle Interessenten bekämen einen Platz, so der Gemeindemitarbeiter. Entscheidend seien Kapazität und Qualifikation.

Die Teilnehmer würden mehr als Kollege denn als Gast aufgenommen, erklärt Erco Jacobsen. "Es ist ein Geben und Nehmen, die Besucher können hinter die Kulissen des Halliglebens blicken." Auch Freundschaften seien schon entstanden.

Umzug von Baden-Württemberg auf die Hallig

Die bisherigen "Hand gegen Koje"-Teilnehmer waren zwischen 18 und 80 Jahre alt. "Bei dem 80-Jährigen fragte ich mich erst, was das soll", sagt Piepgras und schmunzelt, "aber der Mann war jahrzehntelang Bausachverständiger, und er hat uns mit einem Mängelbericht zum Schulbau sehr geholfen."

"Durch die ehrenamtlichen Helfer können wir Leistungen erbringen, die wir sonst nicht erbringen könnten", erklärt Bürgermeister Piepgras, "wir sind nämlich die verschuldetste Gemeinde in Schleswig-Holstein." Außerdem hat Hooge ein Demografieproblem, viele junge Leute verlassen die Hallig. Durch "Hand gegen Koje" sind neue hinzugekommen. "Wir bieten Orientierung, haben vier Neubürger gewinnen können, was sehr positiv ist für die Hallig", so der Bürgermeister.

Eine der Zugereisten ist Sandra Weber. Die 32-Jährige ist hörbar keine Nordfriesin: "Ich bin eine kleine Reisetante", erzählt Weber mit schwäbischem Dialekt. "Zur Nordsee hatte ich immer eine besondere Verbundenheit, und das Projekt fand ich witzig." Also kam Sandra Weber erstmals 2011 für zwei Wochen "Hand gegen Koje" auf die Hallig, es folgten drei weitere Aufenthalte und dann - im März 2012 - der Umzug.

Ihre Stelle als Buchhalterin bei der Kreisverwaltung Calw in Baden-Württemberg hat sie dafür aufgegeben. Auf Hooge arbeitet sie nun für die Gemeinde, kassiert den sogenannten Hallig-Taler, also die Kurtaxe, von den Tagesgästen. Und sie arbeitet gelegentlich in einem Restaurant. Nach gut einem Jahr auf der Hallig zieht sie eine positive Bilanz: "Ich komme gut mit den Leuten klar, und man findet schnell Anschluss." Was sie vermisst? "Meine Eisdiele", sagt Sandra Weber lachend, "der habe ich ein wenig nachgetrauert."

Martin Klostermann/dpa/jus

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insgesamt 11 Beiträge
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1. Zum nachahmen
salledu 10.02.2013
Sehr schön. Bin begeistert. Nicht den Kopf in den Sand stecken sondern selbst aus dem Sand noch etwas machen. Tolle Idee. Wünsche euch viel Erfolg und hoffe, dass viele in Not geratene Kommunen euch als Vorbild nehmen.
2. Wieso
schweineigel 10.02.2013
gibt es denn überhaupt noch Halligen? Woanders werden Fabriken zugemacht, wenn sie nicht die erforderliche Rendite bringen. Früher waren Halligen wahrscheinlich praktisch: Fischerei, Krabbenfang, und ein paar Schafe. Aber was treibt heutzutage Menschen dort hin, um ihr hochsubventioniertes Leben dort zu fristen? Sicherlich ist das dort ganz heimelig, aber was soll die Kommune diese Luxusimmobilie mit Schulden finanzieren, um Telefon, Rettungsdienste, Häfen dort hin zu legen?
3.
ukijai 10.02.2013
die halligen sind deutsches kulturgut, insofern absolut erhaltenswert. das unter einem kostenfaktor zu betrachten ist angesichts der anmassenden verschwendung wie sie sonst allenthalben in diesem land stattfindet unverschämt und lässt doch ne menge neid erkennen auf ein selbstbestimmtes leben, wie es nicht jedem vergönnt ist. abgesehen davon kann es bestimmt nicht schaden, wenn heutzutage wenigstens ein paar menschen in der lage sind ein leben unter solchen bedingen zu meistern, was angesichts des klimawandels nicht zu unterschätzen ist.
4. Dann können Sie auch gleich fragen...
greentiger 10.02.2013
Zitat von schweineigelWozu gibt es denn überhaupt noch Halligen?
..., wozu es Nordfriesland noch gibt. Abgesehen von Ihnen wahrscheinlich unwesentlichen Kleinigkeiten, sollten Sie vielleicht einmal eine Suchmaschine Ihrer Wahl zum Thema Küstenschutz konsultieren.
5.
Olaf 11.02.2013
Zitat von schweineigelgibt es denn überhaupt noch Halligen? Woanders werden Fabriken zugemacht, wenn sie nicht die erforderliche Rendite bringen. Früher waren Halligen wahrscheinlich praktisch: Fischerei, Krabbenfang, und ein paar Schafe. Aber was treibt heutzutage Menschen dort hin, um ihr hochsubventioniertes Leben dort zu fristen? Sicherlich ist das dort ganz heimelig, aber was soll die Kommune diese Luxusimmobilie mit Schulden finanzieren, um Telefon, Rettungsdienste, Häfen dort hin zu legen?
So gesehen könnte man auch fragen, warum es Berlin gibt. Zumal ich den Eindruck habe, dass es auf der Hallig Hooge mehr Initiative gibt aus den Schulden raus zukommen, als in Berlin.
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