Schwimmen bei Extremkälte "Heute ist's echt frisch"

Schwimmen in Eiswasser - unter den Extremsportarten eine der extremsten. Der Kreislauf ist am Limit, jeder Armzug fällt schwer. Und vor dem Wettkampf muss erst mal die Motorsäge ran.

Ram Barkai

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Nur in Badehose und Schwimmkappe steigt der Mann ins eiskalte Wasser des Wöhrsees. Das dünne Eis bricht, die abgetrennte 25-Meter-Bahn muss er sich erst mit einem Schwimmbrett freiräumen. Minus sieben Grad Celsius Lufttemperatur zeigt das Thermometer an, das Wasser ist null Grad kalt.

"Heute ist's echt frisch", sagt Christof Wandratsch. Nasser Schnee bedeckt das Eis neben ihm. Wandratsch schwimmt los. Ein untrainierter Mensch hätte in dem eiskalten Wasser sofort Atemnot.

Aber der 48-Jährige zieht ungerührt seine Bahn - der Lehrer aus dem ostbayrischen Burghausen ist einer der schnellsten Eisschwimmer der Welt. Im Dezember hat Wandratsch als erster Deutscher die Eismeile geschafft - knapp über 1600 Meter unter 22 Minuten und zugleich Weltrekord.

Zuvor hatte sich Wandratsch schon etliche extreme Rekorde erschwommen, ist etwa über 60 Kilometer durch den Bodensee gekrault oder hat den Ärmelkanal durchquert. Seit 2013 schwimmt er gerne in kaltem Wasser. Am 19. März will er bei der ersten Weltmeisterschaft der Eisschwimmer über 1000 Meter im russischen Murmansk antreten.

Beim Eisschwimmen muss das Wasser kälter als fünf Grad sein, das schreiben die Richtlinien der International Ice Swimming Association (IISA) vor. Neopren ist verboten - die Strecke muss in normaler Badekleidung zurückgelegt werden.

Erst fünf Deutsche haben die Eismeile geschafft. Ende Januar auch Steffi Praher als erste Frau. Sie legte die Strecke im schwäbischen Schorndorf in der Nähe von Stuttgart zurück. "Beim Eisschwimmen kommt es sehr auf die mentalen Fähigkeiten an. Da hat mir meine Erfahrung als Langstreckenläuferin sehr geholfen", sagt die Ultraläuferin.

"Man merkt nicht, dass man sich kaum noch bewegt"

Vor allem der Kreislauf gerät in der Kälte an seine Grenzen. "Der ist am Limit. Im schlimmsten Fall versagt das Herz. Ich bin im Training einmal mit Unterkühlung dritten Grades aus dem Wasser", erklärt die 32-Jährige, die als Schwimmtrainerin für Kinder arbeitet.

Eisschwimmer trainieren vor allem, den Körper an das kalte Wasser anzupassen - die Distanzen sind für trainierte Athleten nicht das Problem. Aber durch die Kälte verlieren sie die Koordination, es wird mit zunehmender Dauer im Wasser immer schwerer möglich, einen technisch sauberen Armzug durchzuführen. "Man merkt nicht mehr, dass man kaum noch eine Bewegungen ausführt. ", sagt Praher. Auf ihrer Eismeile ist sie Brust geschwommen. Aber irgendwann konnte sie den Kopf nicht mehr unter Wasser bringen.

Christof Wandratsch im Ärmelkanal (2005): Futtern für die Isolierung
DPA

Christof Wandratsch im Ärmelkanal (2005): Futtern für die Isolierung

Wandratsch bereitet sich auf seine Wettkämpfe neben dem Training auch mit guter Hausmannskost vor - er futtert sich eine Fettschicht an, die ihn vor der Kälte schützt. Er liegt dann bei 1,81 Metern Körpergröße etwa bei 95 Kilogramm, das sind 20 mehr, als er normalerweise wiegen würde. Die Extrakilos bremsen im Wasser nicht sonderlich - er muss ja nicht sein Körpergewicht schleppen. "Weihnachten kann ich das Essen immer sehr genießen. Jedes Kilo mehr isoliert gegen die Kälte", sagt er.

Rund um die Welt ist Eisbaden eine Tradition - Bilder von vergnügten Menschen, die bei Neujahrsschwimmen kurz ins Wasser springen, erscheinen jährlich in der Presse. Auch sportliche Wettkämpfe über kürzere Distanzen gab es schon häufiger - etwa Weltmeisterschaften in Finnland.

Die Eisschwimmerszene für Langstrecken ist dagegen noch nicht so lange organisiert. Inzwischen finden aber immer mehr Wettkämpfe statt. Wandratsch hat in Burghausen im Januar selbst ein internationales Eisschwimmen im Wöhrsee veranstaltet. Er reist aber auch zu Meisterschaften nach Estland, Finnland oder England. Und bald zur WM nach Russland.

Kraulen in der Antarktis

Die richtet die IISA aus, der Verband wurde 2009 vom südafrikanischen Freiwasserschwimmer Ram Barkai und einigen Kumpels gegründet. Barkai hatte schon immer ein Faible für kaltes Wasser: 2008 ging er in der Antarktis schwimmen - er kraulte einen Kilometer durch ein Grad kaltes Wasser, hinter ihm ragten die Eisberge aus dem Wasser.

"Wir haben den Verband vor allem gegründet, um Rekorde verifizieren zu können, aber auch um Sicherheit zu gewährleisten", sagt der 57-Jährige. Inzwischen hat die IISA über hundert Mitglieder. "Eisschwimmen ist ein Sport, der langsam wächst - vor allem in letzter Zeit sind die Rekorde immer wieder gebrochen worden."

Wandratsch hatte sich im Kampf über die 1000 Meter ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem Esten Henri Kaarma geliefert, der Rekord ging hin und her, aktuell hält ihn der Deutsche. Bei der WM in Murmansk will Wandratsch ihn verteidigen. Für die Wettkämpfe werden per Motorsäge einige 25-Meter-Bahnen in einen zugefrorenen See gesägt und die riesigen Blöcke aus dem See gezogen.

Gleich mehrere Ärzteteams sorgen vor Ort für die Sicherheit der Athleten und stehen neben dem Becken bereit. Jeder Schwimmer zieht eine Boje hinter sich her - so kann er immer geortet werden und sich zur Not festhalten.

Und wer sich nach der Strapaze im Eiswasser aufwärmen will, kann das ausnahmsweise mal in warmem Wasser tun. Neben dem Becken wartet ein Bottich mit heißem Wasser auf die Schwimmer.

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