Von Holger Dambeck
Radfahren boomt. In Deutschlands Städten treten immer mehr Menschen in die Pedale, und die Vielfalt der Radtypen nimmt zu. Ob E-Bike, Hollandrad oder aufgemöbelter Achtziger-Jahre-Flitzer - die Radfahrer werden anspruchsvoller, wollen mehr Individualität und schönes Design.
Die neuesten Trends kann man in Friedrichshafen auf der Eurobike besichtigen, der größten Fahrradmesse der Welt. Dort zeigen Hersteller vom 29. August bis zum 1. September ihre Kollektionen für 2013. Natürlich gibt es sie nach wie vor: die City- und Trekkingbikes im 08/15-Look. Doch selbst in der Einsteigerpreisklasse von 500 bis 800 Euro wird Originalität immer wichtiger.
Ein Beispiel dafür ist das City Classic von Kalkhoff. Es schwimmt voll auf der Retrowelle und verzichtet ganz bewusst auf eine Federgabel. Für Fahrkomfort sorgen stattdessen die aufrechte Sitzposition wie auf einem Hollandrad und die breiten Ballonreifen.
Das Stadtrad ist für den täglichen Einsatz bei Wind und Wetter konzipiert. Nabendynamo und ausfallsichere LED-Beleuchtung vorne und hinten sind mittlerweile Standard bei Neurädern - zum Glück. Im Hinterrad steckt die robuste Nexus-Nabenschaltung mit acht Gängen - und gebremst wird das Bike von wartungsarmen Rollenbremsen. Das nervige Wechseln und Einstellen der Bremsklötze ist kein Thema mehr. Eine Werkstatt soll das City Classic nur möglichst selten von innen sehen müssen.
Puristisches Design
Schön und praktisch zugleich sind auch viele der neuen Fahrrad-Accessoires. Vaude präsentiert eine Regenhose im Look einer Jeans, Racktime einen Weidenkorb für den Gepäckträger, der wetterfest ist, weil er aus Kunststoff besteht. Ortlieb zeigt mit der Seatpost-Bag eine leicht abnehmbare, wasserdichte Tasche für die Sattelstütze, in der Regenjacke, Handy und das Notwerkzeug für eine Tagestour Platz finden.
Schlichtheit - das ist ein weiterer Trend auf der Eurobike. Man kennt das ja von Fixies beziehungsweise Singlespeed-Rädern. Drahtesel mit nur einem Gang sind wie geschaffen für hügelfreie Städte wie Berlin, Köln oder Hamburg. Sie sind extrem leicht, der Verschleiß an der Kette ist gering - und sie sehen einfach gut aus.
Der taiwanische Hersteller Giant geht mit seinem Modell Triple X genau in diese Richtung: puristischer Alu-Rahmen in schwarz, keine Schutzbleche. Statt auf dünnen Rennradschlappen rollt das Giant-Rad jedoch auf Ballonreifen - gut für den Fahrkomfort. Einziger Farbtupfer ist der braune Sattel. Und das Triple X ist sogar mit einer Zweigang-Nabe ausgestattet: ein Gang zum zügigen Anfahren oder für leichte Hügel, der andere zum flotten Cruisen über den Asphalt.
Im Einsteigerbereich sind die harten, oft etwas klobigen Aluminiumrahmen nach wie vor Standard. Doch mancher Hersteller entdeckt das altbewährte Material Stahl wieder, mit dem filigranere und elegantere Designs möglich sind. Stahlrahmen sind in der Regel weicher und deshalb angenehmer zu fahren - eine Federgabel ist kaum nötig.
Teures Hightech fürs Rad
Wer etwas mehr in sein neues Rad investieren möchte, hat bei Stahlrädern inzwischen eine große Auswahl - Modelle gibt es zum Beispiel von Fahrradmanufaktur oder Viva Bikes. Hercules zeigt auf der Eurobike das Alassio Comp - ein Trekkingrad mit dezentem Stahlrahmen. Zur klassischen Optik passen die Starrgabel und der Ledersattel. Dank 20-Gang-Kettenschaltung (Sram Via GT) und leicht laufenden Marathon-Racer-Reifen ist man auf dem Alassio Comp auch schnell unterwegs.
Auf der Messe in Friedrichshafen geht es jedoch nicht allein um schöne, alltagstaugliche Räder, sondern natürlich auch um technische Innovationen. Bei E-Bikes gibt es naturgemäß besonders viele Neuerungen. Nach Bosch steigt mit AEG eine weitere große Elektromarke neu in das Geschäft ein. Panasonic, Spezialist für im Tretlager integrierte Mittelmotoren (unter anderem von Flyer), zeigt einen gemeinsam mit KTM entwickelten Heckmotor für die Hinterradnabe. Und auch Derby Cycle (Marken: Kalkhoff, Focus, Raleigh, Rixe) hat mit Xion einen neuen Heckantrieb im Programm, der wegen der besseren Kraftumsetzung vor allem für sportliche Fahrer interessant sein soll.
Mountainbiker könnten sich für das vollautomatische Dämpfungssystem "e:ishock" von Haibike interessieren. Nicht mehr der Fahrer muss dann die Federung des Hinterrades je nach Untergrund hart oder weich stellen. Dies übernimmt beim Modell "Sleek RC 29", einem Karbon-Fully mit 29-Zoll-Reifen, die eingebaute Elektronik. Sensoren messen die Intensität der Schläge auf die Federung - die Elektronik steuert dann, wie stark der Dämpfer geöffnet wird.
Für einige Diskussionen dürfte in Friedrichshafen die neue Mountainbike-Reifengröße 650B sorgen. Geländeräder wurden ja ursprünglich ausschließlich mit 26-Zoll-Rädern bestückt. Vor einigen Jahren kam dann 29 Zoll hinzu. Die größeren Räder sollen besser über Hindernisse rollen und auch eine bessere Traktion bieten. 29 Zoll sind aber eben auch sehr groß - zu groß für kleingewachsene Biker und auch für lange Federwege. Und so hat die Branche eine alte Felgengröße neu entdeckt. 650B liegt etwa in der Mitte zwischen 26 und 29 Zoll Reifengröße - mal abwarten, ob sie sich durchsetzt.
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