Schwimmerin im Fehmarnbelt: 15 Stunden gegen die Strömung - dann kam die Panik

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Frachter, Fähren, Quallen und eine mörderische Strömung: Für Extremschwimmer sind die 21 Kilometer über den Fehmarnbelt eine Herausforderung, größer noch als die Ärmelkanal-Querung. Eine Dresdnerin wollte als erste Frau die doppelte Distanz zurücklegen.

Doppelte Beltquerung: 15 Stunden Kampf gegen die Strömung Fotos
Eva-Maria Träger

Am Anfang ist Dunkelheit. Als Kirsten Seidel um 3.58 Uhr in die Ostsee vor Puttgarden watet, ist das Wasser vor ihr so schwarz wie der Himmel darüber. Für Sekunden bringt eine Leuchtrakete Licht, ein Geschenk der Seenotretter, die Schwimmerin und Begleitboot in den ersten Stunden im Fehmarnbelt zur Seite stehen.

Dann ist die Finsternis zurück und sorgt sogleich für Verwirrung. Das Knicklicht an der Badekappe, ohne das die Dresdnerin nicht zu sehen ist, funktioniert nicht. Und auch sie selbst sieht schlecht: Die ersten Kraulzüge in der 17 Grad kalten Ostsee bringen sie zum falschen Schiff. Doch Seidel lässt sich von den Startschwierigkeiten nicht schrecken.

Die 48-Jährige hat sich für diesen Tag nicht weniger vorgenommen, als zwei Rekorde aufzustellen. Sie will die Strecke von Puttgarden auf Fehmarn nach Rødby auf Lolland unter sechs Stunden und 25 Minuten schwimmen. Und sie will als erste Frau überhaupt auch so zurückkehren. Etwa 42 Kilometer sind das, auf geradem Weg von Küste zu Küste. "Aber das schafft keiner", sagt Wolfgang Schlosser vom Begleitboot.

Die Beltquerung, wie das Schwimmen zwischen den Küsten am Fehmarnbelt genannt wird, mag nicht so bekannt sein wie das Channel Swimming durch den Ärmelkanal, doch die starke Strömung, die Drift, macht sie "noch tückischer", sagt Schlosser. Bruno Dobelmann, der Einzige, der die doppelte Distanz bislang geschafft hat, hatte am Ende rund 50 Kilometer zurückgelegt - in 19 Stunden und 13 Minuten.

Von Dresden nach Hamburg und quer über die Müritz

Schlosser und Dieter Lorenzen, sein Partner und Kapitän auf der "Rochen", haben schon etliche Beltquerungsversuche miterlebt. Die meisten der 20 Schwimmer, die die Strecke seit 1998 angegangen sind, dem Jahr des ersten organisierten Marathonschwimmens an dieser Stelle, sind neben einem von beiden durchs Wasser geglitten. Auch Kirsten Seidel ist für sie keine Unbekannte: Auf den Tag genau zehn Jahre liegt ihre Beltquerung zurück. Sie war die erste deutsche Frau, die sie bewältigte.

"Deutschlands bekannteste Extremschwimmerin", wie sie sich selber nennt, ist seither die Elbe von Dresden nach Hamburg entlang geschwommen, sie hat die Müritz in ihrer kompletten Länge überwunden und den Bodensee. Warum sie nun wieder in der Ostsee krault, knapp drei Meter neben der Bordwand der "Rochen", mit einem Ersatz-Knicklicht auf dem Kopf, ist einfach erklärt: "Ich wollte mal wieder was machen."

In der dunklen Nacht verrät vor allem das stete Plitschplatsch ihrer Arme im Wasser, dass sie da ist. In der Ferne kreisen die Lichtkegel der Leuchttürme über die Landschaft. Seidel geben die Scheinwerfer des Bootes Orientierung und die an einem Stab befestigte Lampe, die ihr Betreuer Ingo Schoffer auf das Wasser vor ihr richtet oder gar hinein, wenn ein Schwarm Quallen ihren Kurs kreuzt.

Quallen gibt es hier viele, die Schwimmerin fürchtet sie - zu Recht. Die Regeln des Veranstalters schreiben vor, dass man das Wasser nicht verlassen, ein Boot weder berühren, noch sich daran festhalten darf - ein Kontakt mit einer Feuerqualle, und alles könnte vorbei sein, bevor es überhaupt richtig angefangen hat. Dafür ist sie nicht angetreten, dafür hat sie nicht mehr als 2000 Euro für Boot und Anmeldung bezahlt.

"Alle haben ein kleines Handicap"

Wie jeder Sportler mit einem Ziel wie ihrem will sie sich etwas beweisen. "Für so was musst du trainieren wie jeck", sagt Lorenzen und schüttelt den Kopf, während er durch das rechte Fenster des Steuerhauses auf die Schwimmerin blickt, um die Geschwindigkeit des Bootes laufend an ihre anzupassen. "Die haben eigentlich alle ein kleines Handicap", sagt Schlosser. Eine überwundene Krankheit, ein steifer Fuß, eine Lebenskrise - "und viele sind älter, 40 oder sogar über 50 Jahre alt".

Auch Seidel trieb vor zehn Jahren ein persönlicher Einschnitt in die Wellen, sagt sie, ohne darüber sprechen zu wollen. Beim Fehmarnbelt scheint die zweifache Mutter aber noch mehr anzutreiben: Ihre Schwester hält den aktuellen Frauen-Rekord bei der einfachen Querung, den sie heute brechen will. Sportsgeist liegt offenbar in der Familie. Oder ist es doch etwas anderes?

Die Konkurrenz auf der Strecke ist groß: Der Fehmarnbelt ist eine der am stärksten befahrenen Wasserstraßen Europas. Aus dem Funkgerät der "Rochen" tönen englische Ansagen mit Akzenten aus aller Welt. Frachter kreuzen, parallel ziehen die Fähren der Vogelfluglinie ihre Bahn. Wenn ein größeres Containerschiff kommt, muss Seidel warten - Schwimmer haben keine Vorfahrt. Minuten später dann erreichen die Wellen der großen Schiffe den Kutter und werfen die Passagiere von einer Seite zur anderen.

Seidel bekommt von der Schaukelei nichts mit, nichts von den Gesprächen an Bord. Nur alle halbe Stunde kommt sie näher ans Boot, für ein paar Schlucke Tee, Wasser, oder um eines der 120 Päckchen mit süßlich schmeckendem Spezial-Gel auszusaugen, die Betreuer Schoffer, selbst Extremsportler, ihr besorgt hat.

Sonst ist von ihr meist nur der mit Melkfett eingecremte Rücken zu sehen, der Kopf mit der pinkfarbenen Badekappe und die Arme, die mit gleichmäßigen 55 bis 65 Schlägen pro Minute das Wasser teilen. Und doch kommt sie selbst unter größten Mühen manchmal nicht voran. Wind und Strömung halten gegen.

"Mir ist schlecht, mir ist schwarz vor Augen"

"Komm, Mädel, komm! Mach!", murmelt Schlosser immer wieder, wenn Seidel auf der Stelle tritt. Manchmal kommt sie länger als eine Stunde nicht vom Fleck und macht doch weiter. Sie glaubt an die Kraft der Gedanken: Die Maschinenbau-Ingenieurin arbeitet mittlerweile hauptberuflich als Mental-Coach. Sie ist körperlich trainiert, natürlich, aber wichtiger ist der Kopf, sagt sie. Er bestimmt, was der Körper leisten kann.

Wenn sie schwimmt, denkt sie an nichts: "Nur ans Ankommen. Dass ich es schaffe." Auf dem Hinweg klappt das gut. "Ich schaffe es auch zurück", sagt sie am dänischen Ufer, "egal wann ich ankomme." Und dann versagen ihre Kräfte doch. Sie friert, die Schulter schmerzt, häufige Pausen lassen jeden Fortschritt sofort wieder schwinden. Die teuflische Strömung.

Knapp neun Kilometer vor der deutschen Küste gibt sie auf. Mehr als 15 Stunden ist sie da schon im Wasser. 55 Kilometer Strecke liegen hinter ihr. "Mir ist schlecht, mir ist schwarz vor Augen, und mir ist schwindelig", sagt sie, als sie zitternd an Bord kommt.

Immer wieder hat sie vorher an die Britin denken müssen, die im Juli bei dem Versuch, den Ärmelkanal zu durchschwimmen, kollabierte und starb. Da kam die Panik: "Ich hatte Angst um mein Leben." Vor drei Jahren war Seidel selbst mal im Ärmelkanal, vielleicht deshalb, auch dort stimmte das Gefühl nicht, und sie brach ab. "Das ist Extremschwimmen", sagt sie jetzt. "Man weiß vorher nie, wie es ausgehen wird."

Im nächsten Jahr will sie wieder nach Fehmarn kommen, für einen neuen Versuch. Schlosser und Lorenzen wissen schon Bescheid. Die beiden gehen noch in dieser Woche wieder aufs Wasser: Zwei Schwimmer soll die "Rochen" in den kommenden Tagen begleiten. Fünf weitere folgen in den Wochen danach. Sie alle haben sich die einfache Beltquerung vorgenommen. Doppelt wagt keiner.

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insgesamt 20 Beiträge
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1. Zeit für die Quote...
dendrocopos 19.08.2013
Zitat von sysopEva-Maria TrägerFrachter, Fähren, Quallen und eine mörderische Strömung: Für Extremschwimmer sind die 21 Kilometer über den Fehmarnbelt eine Herausforderung, größer noch als die Ärmelkanal-Querung. Eine Dresdnerin wollte als erste Frau die doppelte Distanz zurücklegen. http://www.spiegel.de/reise/deutschland/extremschwimmerin-im-fehmarnbelt-a-917300.html
... da muss man doch mit einer Frauenquote was machen können. Auf, auf, Claudia und Co.!
2. Frauen
edgarzander 19.08.2013
Schön, dass spon mal etwas über Frau Seidel schreibt. Da spon - wie auch andere Medien - vor einigen Wochen die erfolgreiche Bodenseequerung eines (männlichen) Schwimmers gefeiert hat (http://m.spiegel.de/panorama/a-912641.html), habe ich schon gemutmaßt, dass auch in Deutschland, ähnlich wie im Iran (http://m.spiegel.de/politik/ausland/a-909763.html), Leistungen von Schwimmerinnen konsequent ignoriert werden. Frau Seidel ist die Bodenseequerung schon vor ihren männlichen "Kontrahenten" geglückt. Medial gefeiert wurden aber nur die Männer.
3. Quantentransformation versagt?
agnostikerin 19.08.2013
Woran hat es gelegen? Zitat aus der Homepage der Schwimmerin: "Jeder kann Opfer von negativen energetischen Kräften werden, sei es durch „schwarze Magie“, Besetzungen oder unbewussten Energievampirismus. ...Eide, Flüche, Schwüre, oft Überbleibsel aus vergangenen Inkarnationen." Oder wars doch was anderes?
4. Go for it!!!
zufriedener_single 19.08.2013
Auch, wenn es reißerisch aufgemacht ist: Klasse Aktion! Mein Ziel in diesem Jahr: 300km am Stück mit dem Rad :-)
5. Wie ich´s mir dachte:
aschu0959 19.08.2013
Zitat von agnostikerinWoran hat es gelegen? Zitat aus der Homepage der Schwimmerin: "Jeder kann Opfer von negativen energetischen Kräften werden, sei es durch „schwarze Magie“, Besetzungen oder unbewussten Energievampirismus. ...Eide, Flüche, Schwüre, oft Überbleibsel aus vergangenen Inkarnationen." Oder wars doch was anderes?
Da ist wohl doch weniger der sportliche Ehrgeiz die treibende Kraft als der weiche Keks.....
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