Bremerhaven - Hockenheim ist 512 Kilometer von Hansis Eckkneipe in Bremerhaven entfernt. Silverstone 666 Kilometer. Doch abgesehen vom fehlenden Motorenlärm bietet sie jede Menge Rennstreckenatmosphäre. Exakt 6978 Ferrari- und Formel-1-Artikel vom Poster bis zum Modellauto hat Hansi Schulz nach eigenen Angaben zusammengetragen. Der 55-Jährige führt, wie er sagt, weltweit die größte Ferrari-Kneipe.
Schon beim Betreten des Lokals sieht der Gast nur noch rot: Die Wände sind über und über mit Ferrari-Postern bedeckt. Rote Kappen und T-Shirts baumeln an Leinen von der ebenfalls mit Bildern beklebten Decke. Jede nur denkbare Abstellfläche quillt über von Ferrrari-Devotionalien, darunter unzählige Modellautos aus verschiedenen Jahrzehnten sowie ein original batteriebetriebener Kinder-Ferrari.
"Der hat mal meinem jüngsten Sohn gehört", erzählt Hansi. Er zapft gerade Bier hinter dem Tresen, der von fünf sich aufbäumenden schwarzen Pferden geziert wird. Sie sind das Logo des italienischen Autobauers. Hansi hat sie zusammen mit seinem Freund Rolf selbst aus Holz gefertigt.
"Ferrari ist einfach ein Mythos, weil sich erstens kaum einer ein solches Auto leisten kann und wenn, dann ist das mit einem hohen Neidfaktor verbunden", sagt der 55-Jährige. Er selbst fährt einen 24 Jahre alten VW-Pritschenwagen. Der ist allerdings rot, versteht sich. "Mit dem war ich schon am Nürburgring, in Spa, in Monza und nächstes Jahr will ich mit ihm nach Silverstone", sagt der Kneipier mit leuchtenden Augen.
Früher Dachdecker, heute Kneipenbetreiber
Das schnelle Autofahren ist seine Welt, seit seine Mutter vor 37 Jahren mit dem Modell des ersten Ferrari von 1947 nach Hause kam. "Ich weiß gar nicht mehr, warum, aber damals hat sie angefangen zu sammeln", erinnert sich Hansi.
Jetzt steht das Modell im Maßstab 1:16 auf einem Flaschenhals aufgebockt auf der Fensterbank, gleich neben einem Pokal. "Den können Sie sich ruhig angucken", fordert der gebürtige Berliner seine Gäste auf. "Beste Dame, Lübecker ADAC-Auto-Slalom, 1991", steht darauf. Den habe seine Mutter gewonnen und "hier", sagt er stolz, "ist noch eine Urkunde. Da hat sie 1984 mit einem Formel-1-Wagen auf dem Kurs von Brands Hatch (England) an einem 3-Runden-Ausscheidungsrennen einer Zeitung teilgenommen." Er selbst habe früher lediglich Kartsport betrieben, berichtet der 55-jährige frühere Dachdecker, während er die Urkunde zurück in ihren Rahmen schiebt.
Seit 13 Jahren betreibt Hansi Schulz nun seine Ferrari-Kneipe im Bremerhavener Stadtteil Lehe. "Ich hatte keinen Bock mehr auf'n Bau und jemand sagte zu mir, 'mach doch dein Hobby in die Kneipe rin'", erzählt er mit Berliner Zungenschlag, den er nicht verloren hat, seit er 1978 der Liebe wegen nach Bremerhaven kam.
So hat er die über Jahre gesammelten und bis dahin in Garagen und Kellern aufbewahrten Ferrari- und Formel-1-Exponate entstaubt und damit die rund 120 Quadratmeter große Gaststätte dekoriert. Zu seinen Gästen zählen zum größten Teil Touristen, die von seiner Kneipe gehört haben, oder die im gegenüberliegenden Hotel übernachten, ehe sie am nächsten Tag an der Columbuskaje an Bord eines Kreuzfahrtschiffes gehen.
Sein exotischster Gast sei ein Mann aus Tasmanien gewesen, sagt der 55-Jährige, der nach eigenen Worten kaum etwas anderes als seine roten Ferrari-Hemden trägt, obwohl er als Farbe eigentlich lieber gelb mag. Vor allem an Renntagen der Formel 1 gesellten sich zu den Touristen Gäste aus Bremerhaven, die das Geschehen auf bis zu sieben Fernsehbildschirmen verfolgen können. "Die Deutschen sind alle fahrerbezogen", betont Hansi. Er selbst diskutiere lieber über die Autos. "Natürlich freue ich mich, wenn Michael Schumacher gewinnt, aber in erster Linie freue ich mich, wenn Ferrari gewinnt", gibt er zu.
Manuela Ellmers/dapd/sto
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