Festival-Hopping für Fortgeschrittene: Drei Monate Wahnsinn

Von Oliver Lück

Neun Monate studieren, drei Monate rocken: Der Musikfan Anders Mogensen hat zwei Leben, die Festivalsaison ist für ihn die beste Zeit des Jahres. Per Anhalter reist er dann von einer Veranstaltung zur anderen - das nächste Ticket finanziert er mit eingesammelten Pfanddosen.

Festivalmarathon: Anders' Reisen Fotos
Oliver Lück

Speckig und zerfranst baumeln die bunten Eintrittsbänder an den Handgelenken von Anders Mogensen. Elf Stück hat er dieses Jahr gesammelt, elf Musikfestivals in drei Monaten: "Das war mein Sommer", sagt er, setzt die Schere an und schneidet die Bändchen ab. Er hortet sie wie Trophäen, legt sie zu den anderen in eine Schublade an seinem Schreibtisch. Bis oben hin voll ist die, so voll, dass Anders sie kaum zukriegt.

Erst seit wenigen Stunden ist er zurück in seiner kleinen Wohnung im Frankfurter Westend. Hier lebt der 29-Jährige, hier studiert er neun Monate im Jahr. Den Rest ist er irgendwo in Europa unterwegs - wenn er losfährt, weiß er selbst noch nicht, wo genau es diesmal hingehen wird. Nun sitzt er an seinem Küchentisch und sieht sehr müde aus. Es ist Anfang Oktober, in einigen Tagen sind die Semesterferien vorbei. Er sagt: "Ich komme gerade aus meinem anderen Leben und muss nun erst einmal ankommen."

Von Ende Juni an war der gebürtige Däne mehr als drei Monate lang unterwegs. Fast 12.000 Kilometer trampte er durch Dänemark, Norwegen, Schweden, Deutschland, Frankreich und Spanien. Zuletzt war er auf einem kleinen spanischen Open Air in Tobarra südlich von Albacete, hat dann noch ein paar Tage im Zelt am Strand verbracht, sich Valencia angesehen und einen Zwischenstopp in Barcelona eingelegt, ehe er es in vier Tagen per Anhalter nach Hause schaffte.

Diese Art von Tour macht Anders jeden Sommer. Ein kleiner Rucksack für seine Klamotten, Zelt und Schlafsack, dazu sein Tagebuch, in das er Hunderte Events mit Datum eingetragen hat - das ist alles, was er dabeihaben muss.

Grölen und vergessen

Anders sieht aus, wie man sich einen freundlichen Wikinger vorstellt. Blonde Haare, blaue Augen, Bart. Groß und kräftig, dazu einen gemütlichen Bauch. Wenn sein Handy klingelt, ist der Song "Nothing Else Matters" von Metallica zu hören. Anders hat eine gewisse Ähnlichkeit mit James Hetfield, dem Sänger der Metalband.

Auf einem Foto, das auf einem der Festivals entstanden ist, trägt Anders eine schwere Metallkette um den Hals. Er schreit, als ob es kein Morgen gäbe. Seine schulterlangen Haare fliegen wild durcheinander, seine Hände zeigen das bei Festivalbesuchern beliebte Zeichen des Gehörnten: ausgestreckter Zeigefinger mit ausgestrecktem kleinen Finger.

Ungläubig betrachtet er die Aufnahme, ein bisschen, als schäme er sich dafür. Vom entschlossenen Anders, der sich im Sommer wochenlang selbst vergisst, ist im Herbst kaum noch etwas übrig. "Wahnsinn", sagt er und grinst, "das bin ich? An diesen Moment kann ich mich gar nicht wirklich erinnern. Manchmal ist das alles ein bisschen unberechenbar, was auf Festivals so passiert."

Der Geruch von Grillwurst, Bier und verschwitzten Menschen. Der Gestank von Urin, Müll und frisch Erbrochenem. Staubgeschmack im Mund, lange Schlangen vor den Festival-Toiletten. Das Essen kommt aus der Dose. "Und überall sieht man glückliche Gesichter", sagt Anders. "Die Leute lieben diesen Ausnahmezustand, weil sie wissen, dass er nicht von Dauer sein wird." Doch Anders reichen ein paar Tage ohne Tabus nicht. Seit 2006 reist er mindestens zwei Monate im Jahr von Festival zu Festival. Zehn schafft er immer. In einem Jahr waren es sogar 14.

Rocken am Polarkreis

Meist sehen seine Touren wie die Drehbücher eines wirren Roadmovies aus - einmal quer durch Europa bitte. "Oft muss ich spontan entscheiden, wo es als Nächstes hingehen soll und welches Open Air zu erreichen ist", erklärt er. Für gewöhnlich wartet er bis zum Ende des Sommersemesters, ehe er aufbricht, in diesem Jahr aber hat er wieder einmal sein Heimat-Open-Air im dänischen Roskilde besuchen wollen - mit knapp 115.000 Menschen eines der größten europäischen Festivals, rund 40 Kilometer westlich der dänischen Hauptstadt. Dort hat er viele Freunde getroffen, ganz in der Nähe leben seine Eltern.

Es folgten das Norway Rock Festival im südnorwegischen Kvinesdal und das Tromsø Open Air, 350 Kilometer nördlich des Polarkreises. "Ich hatte großes Glück, im Süden lernte ich jemanden kennen, der bis Trondheim fuhr und dort jemanden kannte, der mich bis Tromsø mitnehmen konnte. 2200 Kilometer in zwei Tagen."

Vom Polarmeer ging es weiter nach Schweden zum Storsjöyran, einem Open Air mit 30.000 Menschen in Östersund, Anfang August dann nach Uppsala zu einem Reggae-Festival. Nach dem Oya-Festival in Oslo, dem Highfield südlich von Erfurt und dem Chiemsee Reggae Summer legte Anders eine Woche Pause bei Freunden in Freiburg ein, ehe er nach Straßburg zum Interferences, zu zwei Festivals in Spanien und schließlich nach Hause trampte.

Couch-Surfing und Trampen mit Truckern

Wenn er erzählt, wie er einmal sechs Stunden in einem Kofferraum mitfuhr, weil vorne kein Platz mehr war, dass er ständig Menschen kennenlernt, die ihn nicht nur mitnehmen, sondern auch bei sich auf dem Sofa übernachten lassen und das Abendessen und das Frühstück teilen, klingt das völlig gewöhnlich, wie Dinge, die jeden Tag passieren. "Diese Hilfsbereitschaft ist aber natürlich etwas Besonderes", betont er, "ohne sie würde ich meine beiden Hobbys, Musik und Reisen, nicht verbinden können." Meist halte er sich an Lkws, "so schaffe ich mehrere hundert Kilometer am Stück und die Fahrer freuen sich über Gesellschaft".

Für Essen oder Fährtickets hat er in den letzten drei Monaten rund 1300 Euro seines Ersparten ausgegeben. "Das hätte ich auch zu Hause gebraucht", sagt er, "doch skandinavische Festivals sind teurer als anderswo - ich musste viel arbeiten." Um sich das Ticket für das nächste Open Air zu verdienen, sammelt er am letzten Festivaltag immer Dosen und Flaschen. "Es ist ganz einfach", sagt Anders, "je mehr Menschen, desto mehr Pfand."

In Roskilde hat er in diesem Jahr an nur einem Tag 250 Euro kassiert. Eine Dose bringt dort eine Krone. Sieben Kronen sind ein Euro. Auf den großen Veranstaltungen bleibt er auch immer einen Tag länger. Am Abreisetag lassen die erschöpften Besucher viel Pfandgut zwischen den Zelten liegen, dann braucht er nur wenige Stunden, um sich auch noch das übernächste Festival zu finanzieren.

Dosenpfand als Zahlungsmittel

Oft, erzählt er, sei es allerdings nicht ganz einfach, sich nach mehreren Tagen des Rausches selbst zu disziplinieren und mit dem Sammeln zu beginnen. "Nach der ersten Stunde läuft es dann meist ganz gut, ich versuche, einen sportlichen Ehrgeiz zu entwickeln und an das nächste Festival zu denken - das hilft."

Doch auch die Konkurrenz unter den Pfandsammlern ist groß. "Es gibt eine gewisse Rivalität ", sagt er, "und es gibt auch einige, die es so ähnlich machen wie ich, die auf diese Weise durch Europa reisen - man trifft sich, man kennt sich, man grüßt sich." Nur einmal, vor drei Jahren in Ungarn, habe es eine Rangelei mit zwei anderen Sammlern gegeben, die ihn vertreiben wollten. "Die wollten auch meine Dosen", sagt Anders. Doch er ließ sich nicht vertreiben. Anders ist kräftig.

Zu Hause ist er anders, sagen seine Freunde. Da ist er eher zielgerichtet, fast schon strebsam und verbissen, wenn es um das Schreiben einer Hausarbeit oder das Bestehen einer Prüfung geht. Auch Essen aus Dosen wird man bei ihm vergeblich suchen. "Drei Viertel des Jahres bin ich ordentlich und sehr ehrgeizig, drei Monate lasse ich mich treiben", erzählt er, "es ist ein bisschen so, als ob ich zwei Leben hätte." Die Festivalzeit koste unglaublich viel Kraft, sagt Anders, aber sie gebe ihm trotzdem für den Rest des Jahres Energie. "Ich brauche diesen Kontrast - sonst wäre das Leben zu langweilig."

Nun hat er nur noch wenige Tage, bis das Semester wieder beginnt. Er braucht immer eine Woche, "um in die normale Welt zurückzukehren", wie er es nennt. Ob er im nächsten Jahr wieder so ausgiebig unterwegs sein wird, weiß er noch nicht. "Ganz ohne wird es wohl nicht gehen", sagt er, "vielleicht werden es aber auch nur vier oder fünf Festivals."

Im Studium gehe es so langsam auf die Zielgerade, und er wolle ja nicht ewig studieren. Auf die Frage nach seiner Fachrichtung überlegt er kurz. Dann runzelt er die Stirn, schüttelt leicht den Kopf und sagt: "Frag' mich das nächste Woche noch mal, daran will ich jetzt noch nicht denken."

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insgesamt 3 Beiträge
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1. kuerbis hoch
brain_in_a_tank, 01.11.2011
Der Autor hat sich wohl noch nicht von der Halloweenparty erholt, wenn er in der Bilderserie zu den Sommerfestivals schreibt 'Kuebis hoch' - es ist Sommer und eine Melone ...
2. Berufschancen
wolltsnursagen 01.11.2011
Ich würde viel eher Ihn einstellen als eine/n 22 Jährige/n der/die ihr/seinen Abschluss durchgezogen haben.
3. Fetzt!
abby_thur 01.11.2011
Coole Sache. Student müsste man sein ;-)
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Zur Person
Nadide Fuchs

Oliver Lück, Jahrgang 1973, lebt als freier Journalist und Fotograf zwischen den Meeren in Schleswig-Holstein. Für die SPIEGEL-ONLINE-Serie "Lück und Locke" war er mit Hund und Wohnmobil in Europa unterwegs.

Für "16 Länder, 16 Leben" wird Lück jeden Monat aus einem anderen deutschen Bundesland berichten.

Webseite Lück und Locke


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