Fiktiver Tag auf dem Oktoberfest: Endlich wieder Wiesn!

Von Achim Wigand (Text) und Sabine Hanel (Illustrationen)

Die Welt ist ab morgen im Wiesn-Modus. Zumindest in München. Dort treffen Bayern in Hirschlederner auf Australier mit Sepplhüten. Abgebrannte Touristen schaffen es nicht in die Festzelte. Und manch ein Single wäre lieber allein geblieben. Ein fiktiver Oktoberfest-Auftakt.

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Sabine Hanel

Die Kapelle haut einen vergangenen Wiesn-Hit nach dem anderen durch die Lautsprecher. Die Gäste befolgen brav die Anweisungen des Kapellmeisters, recken also wahlweise die "Hände zum Himmel", segeln mit ausgebreiteten Armen "wia Fliaga", holen "das Lasso raus" und spielen "Cowboy und Indianer". Auf den Bänken sitzen nur noch diejenigen, denen der Alkohol das Gleichgewicht aus dem Kleinhirn gespült hat.

Ein ganz normaler Wiesn-Abend im Winzerer Fähndl, dem größten Festzelt auf dem größten Volksfest der Welt. Und mittendrin geben sich der Luggi, der Ben, die Natalie, der Josef und der Christian alle Mühe, voll auf der Höhe der guten Festlaune zu bleiben. Sie sind frei erfunden, aber jeder, der dieses Jahr aufs Oktoberfest geht, wird sie wiedererkennen.

Für Luggi war es kein richtig guter Tag. Er heißt eigentlich Marcel, aber zur Oktoberfestzeit vollzieht sich an ihm ein Wandel, von dem auch sein Vorname nicht verschont bleibt. Luggi reist am ersten Festtag mit seinen Spezln (ortstüblich für: Deppen, mit denen man leider seit Kindesbeinen befreundet ist) aus Miesbach an.

Eigentlich wohnt er seit acht Jahren in Schwabing, doch er musste sich von der Mutti - Verzeihung: d'Muatta - noch das karierte Hemd bügeln lassen und in das Familienerbstück von Hirschlederner schlüpfen. So alt ist die zwar gar nicht, aber der Papa - Verzeihung: d'Vatta - passt mit seinem Weißbierfriedhof einfach nicht mehr hinein. Gut für Luggi, er liebt die alten Bräuche. Nicht müde wird er, von der Thronfolgerhochzeit 1810 zu schwärmen, vom Reinheitsgebot und von Heldentaten auf vergangenen Oktoberfesten ("… da hob i eahm sauba oane eigschenkt!").

Eigentlich wollten Luggi und seine Spezln ja im Augustinerzelt ganz griabig abfeiern - wegen der Tradition: nur da gibt es das Bier noch aus dem Holzfass. Aber leider kommen sie da nicht rein, denn es ist Samstag und da hätten sie schon um sieben in der Schlange stehen müssen. Spätestens um zehn nach neun Uhr morgens heißt es "wegen Überfüllung geschlossen". Aber der Luggi als alter Veteran hat natürlich einen Spezl bei der Zeltwache, der ihm gesteckt hat, dass man "da hintn oiwei" noch hineinkäme.

Leider ist der Trick schon mehrere Dekaden alt und die Security findet die oberländisch vorgetragene Entschlossenheit gar nicht so witzig und übergibt den Schorschi, den Wiggerl und den Hannes der Festwache. Der Edi und der Fonse hauen sich dann auf dem Teufelsrad bei einem Boxkampf dermaßen auf die Zwölf, dass alles zu spät ist. Und nun amüsiert sich der Luggi eben allein.

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Sabine Hanel

Ben kriegt von diesen Ereignissen wenig mit. Er kommt aus Australien, versteht kein Deutsch, und sein eigentümlicher Akzent überfordert jeden, der nur Schulenglisch beherrscht. Ohnehin ist Ben ziemlich hinüber. In der Früh schon haben er und ein paar andere Backpacker auf dem Campingplatz Thalkirchen mit einem "Centurion" angefangen: Hundert Schnapsglaserl Bier in hundert Minuten - wer das für eine leichte Übung hält, irrt fundamental. Weil man dabei jede Menge Luft schluckt, kann man das bestenfalls überleben, keinesfalls aber genießen.

Dann sind sie auf die Wiesn. Zwar sind sie in allen Zelten abgewiesen worden, aber in den Biergärten ist es trotz des Nieselregens total "awesome". Ben trägt keine Tracht, aber wenn er das nächste Mal kommt, kauft er sich vorher im Internet auch ein paar dieser scharfen "leatherpants". Für heute muss es der Sepplfilzhut ("hilarious") tun, den tragen hier schließlich alle Münchner. Dass die dermaßen bekränzten alle Sächsisch oder Schwäbisch sprechen, ist nun wirklich nicht so leicht herauszuhören.

Ben hat sich fest vorgenommen, eins dieser hübschen deutschen Mädchen in den ulkigen Röcken aufzugabeln. Da steht doch neben ihm diese putzige Natalie. Auch wenn er im Bett neben ihr wohl bloß schnell wegdämmern wird, immerhin: ein Bett! Zelten findet er nicht so gemütlich. Und auch eine Dusche wäre super, denn spätestens nach dem Nachmittagsschläfchen auf dem Rasenhang neben der Bavaria, auf dem täglich geschätzte 50.000 Liter Bier ihr natürlich prozessiertes Ende finden, riecht Ben etwas streng. Er bestellt erst mal eine Maß und prostet Natalie aufmunternd zu.

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Natalie hat nun wirklich die Nase voll. Erst stand sie ewig vor der Käferschenke herum, weil doch heute nach dem Spiel die Bayernprofis kommen sollten. Aber leider haben die verloren und der fiese Hoeneß hat die Sause abgesagt. Außerdem waren die Türsteher aber sowas von spaßbefreite Lackl. Die haben doch tatsächlich nach einem Altersnachweis gefragt! Dabei hat die Natalie ihr Mieder bis zum Bersten hochgespannt, ihre Brüste stehen bis kurz unter das Kinn und sie sieht ja mal mindestens aus wie 19.

Aber es half nichts. Also kein Champagner aus dem Maßkrug und keine Bildschirmpräsenz auf RTL II. Vor dem Hippodrom lief es kein bisschen besser, der Schweighöfer hat sie zwar ganz deutlich angelächelt, als sie mit 120 anderen kreischenden Mädels am Seiteneingang wartete, aber mitgenommen hat er sie doch nicht.

Keck hat Natalie die Schleife ihres Dirndls links gebunden. Der Fachmann erkennt daran das paarungswillige Weibchen. Der Australier mit seinen lustigen roten Haaren ist zwar niedlich, aber er muffelt schon sehr. Und der fast einstündige Vortrag vom Luggi über die richtige Bordüre am mittleren Dirndlsaum klingt ihr auch noch arg in den Ohren. Natalie schließt die Augen und singt inbrünstig "Angels" und träumt von Robbie Williams, den sie nachher noch - ganz bestimmt! - im Käferbiergarten, der Resterampe des Heiratsmarkts, treffen wird.

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Sabine Hanel

Auch Christian röhrt eifrig mit, auch wenn die Engel bei ihm verdächtig nach "Ännschells" klingen. Aber erstens ist das der einzige elementare Textfetzen, den er überhaupt versteht und außerdem kommt er aus Dortmund, da spricht man das halt so aus.

Mehr als einen Engel bräuchte er jetzt allerdings einen Goldesel. Ist doch ganz schön teuer, so ein Oktoberfesttrip. Für das mit "Mittelklasse" doch sehr wohlwollend umschriebene Hotel im Bahnhofsviertel haben sie ihm 320 Euro abgeknöpft. Und zwar nicht, wie er bei der Buchung dachte, für das ganze Wochenende, sondern pro Nacht.

Dann war der Superdeal mit der Tischreservierung auf Ebay doch eher superfies: Der Verkäufer hatte ihm mit der Hand auf dem Bild von Lothar Emmerich versprochen, dass die Namen auf dem Zettel so gar keine Rolle spielten. Taten sie aber doch, die 650 Euro waren weg, die Zelte zu und so hat sich der Christian mit seinen Stammtischfreunden durch die Cocktailstandl getrunken.

Die Mischgetränke haben seine Jungs erst mehrfach an den Geldautomaten gezwungen und dann einen nach dem anderen umgekegelt. Den ganzen Zuckeralkoholschlabber hat sich Christian noch auf seine Lederhosen gereihert und da hat er doch bedauert, die Wildledervariante gewählt zu haben. Wunderbarerweise schafft er es dann doch noch in eines der Zelte. In vollen Zügen saugt er die Atmosphäre ein, bis er merkt, dass seinen Lungen noch etwas fehlt. Ja hömma! Hier ist doch tatsächlich Rauchverbot, und diese Spießerbajuvaren halten sich auch noch daran.

Da der Wiedereinlass nach einer Raucherpause draußen ausdrücklich nicht garantiert ist, geht Christian lieber drei Stunden auf Nikotinentzug. Die immer wieder hastig hinunter gespülten Schnäpse bringen zwar nur kurzzeitig Linderung von den Qualen. Aber er ist dabei. Mittendrin. Und das würde er den Kumpels noch jahrelang unter die Nase reiben können. Inklusive der Geschichte, wie er noch den feschen Dirndlhasen rumgekriegt hat. Und dann hat auch noch der FC Bayern verloren - was für ein Festtag!

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Ein richtig perfekter Tag ist es auch für den Josef. Anfangs hatte er ja so gar keine Lust, mit der Johanna und den Kindern auf die Wiesn zu gehen, zumal es da auch noch eine Reservierung auf der Oiden Wiesn gab: traditionelle Blasmusik, Kinderkarussells, Ponyreiten und dazu noch die Trottel aus Johannas Büro. Aber schon allein wegen der Kinder musste er mit. Aber dann wurde es recht schnell ganz lustig, schon allein weil die Johanna bald mit den Kindern in den Wickelraum des Servicezentrums verschwinden musste.

Das ist seine Chance. Josef verlässt die Oide Wiesn, schmeißt vorsichtshalber noch sein Wiedereinlassbandl weg - "auf die lumperten drei Euro is dann a glei gschissn" - und drängelt sich zum Winzerer Fähndl durch. Da sind nämlich die ganzen alten Spezln, und der Harry hat immer einen Tisch von seinem Arbeitgeber und jede Menge Bier- und Hendlmarken. Also schmeißt Christian fröhlich den Kellnerinnen das Trinkgeld hinterher, fährt Fünfer-Looping, klatscht den dummen Hühnern, die ihr Dirndlschleiferl links gebunden haben, auf den Hintern, und zeigt dann mit Unschuldsmiene auf den nebenstehenen Italiener.

Es ist wie früher, es ist wie immer: laut, ein bisschen dreckig und eigentlich zu teuer. Es ist durch und durch barbarisch, aber spätestens nach der vierten Maß großartig. Auch die Clowns, mit denen er jetzt noch an einem Tisch gestrandet ist, haben ihren ganz eigenen Reiz. Mit ein bisschen Glück lässt sich der Trachtenpfau vielleicht auch noch so provozieren, dass Josef einen Vorwand findet, um dem Kerl noch ordentlich eine zu betonieren. So ganz ohne Schlägerei sind die Wiesn doch nichts.

Sie sind aber dann doch alle ganz friedlich beieinander gesessen, bis schließlich die Kapelle keine Wiesn-Hits mehr spielte, die Bänke hochgestapelt wurden und die Zeltwache sie ins Freie schob. Der Luggi ist noch ins Lindwurmstüberl, um sich a hoiberts Hendl einzupfeifen - das war nämlich Tradition. Der Christian ist zum nächsten Geldautomaten und hat dann im Löwenbräukeller noch weiter geschunkelt. Die Natalie und der Ben sind auf der Hackerbrücke bei der Party mit den Polizei-DJs hängen geblieben. Der Josef schließlich hat sich eine glaubwürdige Geschichte für die Johanna ausgedacht. Und die Johanna hat sie ihm, wie jedes Jahr, auch ein bisschen geglaubt.


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DPA

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insgesamt 33 Beiträge
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    Seite 1    
1. brüülllend komisch ...
Just4fun 20.09.2013
Zitat von sysopDie Welt ist ab morgen im Wiesnmodus. Zumindest in München. Dort treffen Bayern in Hirschlederner auf Australier mit Sepplhüten. Abgebrannte Touristen schaffen es nicht in die Festzelte. Und manch ein Single wäre lieber allein geblieben. Ein fiktiver Oktoberfest-Auftakt in Zeichnungen. Fiktiver Tag auf dem Oktoberfest: Endlich wieder Wiesn! - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/deutschland/fiktiver-tag-auf-dem-oktoberfest-endlich-wieder-wiesn-a-923001.html)
wenn es für Sie dort so unerträglich ist, warum tun Sie's sich dann an? Gehen Sie doch zur After-Wahl-Party der Grünen - da wird's richtig lustig!
2. Und ich denk mir jedes mal ...
kumi-ori 20.09.2013
... sind doch nur zwei Wochen.
3. Dusseliges, touristisches...
Watchtower 20.09.2013
Kampfsaufen mit bajuwarischem "Flair", mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Schön ist anders...
4. Oktoberfest Artikel
Thomas aus München 20.09.2013
Servus Gemeinde, was für ein saublöder Redakteur nimmt sich das Recht raus und bezeichnet Spezln als Deppen? Das kann doch nur ein Preiß sein der von nichts eine Ahnung hat - aber davon ganz viel. Sowas dummblödes wie diesen Artikel zu veröffentlichen ist der Wahnsinn. Aber man wird es wieder merken wie dieses Preißngschwerl das Oktoberfest als Modenschau an sich reißt. Furchtbar und traurig.
5. Na,na,na
auweia 20.09.2013
Zitat von Just4funwenn es für Sie dort so unerträglich ist, warum tun Sie's sich dann an? Gehen Sie doch zur After-Wahl-Party der Grünen - da wird's richtig lustig!
Aber aber, Herr Seehofer, Sie haben gewonnen und brauchen nicht so grantlig sein. Ich fand den Beitrag sehr sympathisch.
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