Film "Die Nordsee von oben": Kunstwerke auf dem Wattboden

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Schiffswracks, einsame Inseln und endlose Dünen: Wer sich den Nationalpark Wattenmeer aus Möwenperspektive ansieht, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Nun kommen die Stars der Nordsee auf die Kinoleinwand - aufwendig aus dem Helikopter in HD-Qualität gefilmt.

Kinofilm "Die Nordsee von oben": 90 Minuten Möwenperspektive Fotos
Vidicom

Wenn die Priele bei Flut mit Wasser voll laufen und wie blaue Äderchen unter blasser Haut schimmern, ist das ein beeindruckendes Naturereignis. Zu sehen kriegen es nur die Möwen. Auch die Schiffswracks am Meeresboden, wandernde Dünen und unbewohnte Inseln, auf denen nur Kormorane, Eiderenten und Austernfischer leben, beeindrucken besonders aus der Vogelperspektive. Was die Nordsee zu bieten hat, ist filmreif: Nun kommt sie mit dem Kinofilm "Die Nordsee von oben" auf die große Leinwand.

Die Idee zu diesem Heimatfilm in HD-Qualität kam den Regisseuren Silke Schranz und Christian Wüstenberg nicht etwa bei einer Portion Krabben in Büsum oder beim Kitesurfen am endlosen Strand von St. Peter-Ording: "Wir haben das Bildmaterial beim Fernsehgucken entdeckt - zumindest einen Teil davon", sagt der 41-jährige Filmemacher.

Der Sender Arte hatte im vergangenen Jahr die zehnteilige Dokumentation "Deutschlands Küsten" ausgestrahlt, die Menschen und Orte an Nord- und Ostsee porträtierte. Das Besondere an den gestochen scharfen Luftaufnahmen: Sie wurden mit einer Hightech-Kamera vom Helikopter aus aufgezeichnet. Nur selten zuvor wurden Deutschlands Strände, Molen und Deiche derart kunstvoll in Szene gesetzt.

Als Schranz und Wüstenberg erfuhren, dass Arte nur einen Bruchteil des gedrehten Filmmaterials für seine zehn Küstenporträts benutzt hatte, griffen sie zu: Sie erwarben die Lizenz für vier Terabyte Bildmaterial auf einer Festplatte, sahen sich an nur einem Tag 40 Stunden Nordseeküste im Zeitraffer an und machten sich an die Arbeit: sichten, schneiden, sichten, verdichten. Aus 40 Stunden Material wurden sieben und aus sieben Stunden 90 Minuten.

"Wir sind hin und wech"

Ein Abklatsch von der TV-Dokumentation ist "Die Nordsee von oben" jedoch nicht. Zwar sind die Schauplätze dieselben: Wie die Arte-Serie starten Wüstenberg und Schranz an der Ems, zeigen die Landschaft der ostfriesischen Inseln bis nach Sylt. Doch anders als in der Fernsehdokumentation machen sie nie Rast an Land, sondern zeigen die Welt des Watts ausschließlich von oben.

Den Grund dafür erfährt der Zuschauer gleich zu Beginn des Films: "Zum ersten Mal sehen wir die Nordsee aus der Vogelperspektive - und sind hin und wech", sagt Wüstenberg, der die Bilder in breitem Norddeutsch kommentiert. Ursprünglich wollte er die Textpassagen des Films auf Plattdeutsch sprechen, doch die Idee hat er erst einmal auf Eis gelegt, "schließlich ist unser Film auch in Ammergau zu sehen".

Als "Nordmensch, der am Deich groß geworden ist", habe Wüstenberg möglichst viel über seine Heimat erzählen wollen. "Ich bin zwischen Salzwiesen und Schleusen aufgewachsen", sagt der 41-Jährige, "musste mir für den Film aber eine Menge Wissen aneignen." Ein Dreivierteljahr recherchierten die Regisseure Fakten über die Küste und den Nationalpark Wattenmeer: Wie sind die ostfriesischen Inseln entstanden? Welche Bedeutung haben Sandbänke und Salzwiesen für das Watt? Wie schnell fahren die Containerschiffe die Elbe hoch?

Zu ihren Gesprächspartnern gehörten auch Experten deutscher Naturschutzorganisationen wie BUND, WWF oder Nabu. "Wir wollen keinen Umweltpathos versprühen", sagt Wüstenberg. "Aber die Bohrinsel Mittelplate des Energiekonzerns RWE Dea ist nun mal ein Fremdkörper in der Nordsee. Davor können wir nicht die Augen verschließen."

Genauso wenig wie vor den Folgen der Elbvertiefung, den 20.000 Tonnen Müll, die jedes Jahr in der Nordsee landen, oder dem vom Flugzeugbauer Airbus zugeschütteten Mühlenberger Loch in Hamburg-Finkenwerder. "Die Nordsee von oben" könne nicht nur "die Kunstwerke zeigen, die von den Gezeiten auf den Wattboden gemalt werden", so Wüstenberg, "sondern thematisiert auch, was der Mensch dem Meer antut".

Aufgenommen wurden die spektakulären Bilder mit einer sogenannten Cineflex-Kamera. Ursprünglich zu Spionagezwecken des amerikanischen Geheimdienstes CIA entwickelt, erzielt man damit ruckelfreie und gestochen scharfe Bilder aus der Luft - selbst wenn der Helikopter 100 Kilometer pro Stunde in 1000 Metern Höhe fliegt.

"Die Nordsee von oben", ab dem 9. Juni 2011 im Kino

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AP
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