Dorf Berge in der Prignitz Hier gibt es Nichts zu sehen

Das Örtchen Berge in der Prignitz ist einer der am wenigsten fotografierten Plätze Deutschlands, von Flickr-Nutzern hartnäckig verschmäht. Stimmt mit dem Dorf etwas nicht? Ein Besuch.

Aus Berge berichtet


SPIEGEL ONLINE

Der Ort ohne Fotos hat die Koordinaten 53°14'12'' Nord, 11°50'30'' Ost. Berge in der Prignitz. 757 Einwohner. Ein weißer Fleck auf der SPIEGEL-ONLINE-Flickr-Karte. Das Brandenburger Tor wird tausendfach fotografiert, ebenso der Frankfurter Flughafen, sogar die Brücken entlang der Autobahn 8. Warum fotografiert kaum jemand Berge? Gibt es hier denn gar nichts zu sehen?

53°13'19'' Nord, 11°50'31'' Ost: Das Nichts

Die Luft im fotografischen Nichts ist an diesem Montag fünf Grad kalt. Bis Weihnachten musste man den Mantel nicht mal zuknöpfen, aber jetzt bindet man lieber noch einen Schal zusätzlich um. Es ist kein vorteilhafter Tag für eine Reportage. Es ist sehr grau. Das sieht auf Fotos immer doof aus.

Würde man die Straße auf dem Foto eine halbe Stunde weiter entlangfahren, man wäre in der Brandenburgischen Elbtalaue, einem beliebten Touristenziel. Berge liegt irgendwo im Nirgendwo zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Ziemlich genau auf der Hälfte zwischen Hamburg und Berlin, zu weit im Norden für die Touristen an der Elbe, zu weit im Süden für die Urlauber an der Müritz und der Mecklenburgischen Seenplatte.

SPIEGEL ONLINE

"Normale" Tagestouristen seien noch nie vorbeigekommen, sagt Peter Küsell. Küsell betreibt das Schloss Neuhausen, einen Steinwurf von Berge entfernt. Hier feiern Großstädter aus Hamburg und Berlin ihre Hochzeit im Grünen, hier treffen sich Projektteams für ungestörte Sitzungen. Jetzt, im Winter, wird renoviert. Nur ein paar Musiker nutzen die Abgeschiedenheit für eine Probe.

Küsell trägt eine Brille mit Goldrand und eine dunkelbraune Steppweste. Die Bitte des Reporters, ein Foto vom Schloss für Flickr machen zu dürfen, lehnt Küsell freundlich, aber bestimmt ab. Bevor das Gebäude grau und traurig bei SPIEGEL ONLINE zu sehen ist - dann lieber gar nicht.

Wer kann es ihm verübeln? 1993 haben seine Eltern das Gebäude, damals mehr eine Ruine als ein Schloss, gekauft und anschließend mühsam, aber erfolgreich saniert. Jetzt, 20 Jahre später, sind sie ein Jahr im Voraus ausgebucht.

Auf Vorbuchungen seien sie angewiesen, erklärt Küsell. Einfach mal so komme eben niemand vorbei. Und wo niemand vorbeikomme, da gebe es wohl auch keine Fotos, mutmaßt er. Aber wenn man etwas für Flickr fotografieren wolle, dann vielleicht die Kirche?

53°13'23'' Nord, 11°50'34'' Ost: Die Kirche

SPIEGEL ONLINE

Die Kirche steht direkt gegenüber vom Schloss. Mit einem riesigen Schlüssel schließt Küsell die breite Holztür auf. Es gibt weiße Bänke und eine kleine Kanzel. Rote Ziegel als Fußboden. Der Pastor und seine Frau haben viel zu tun. Neben dieser betreuen sie noch rund 30 andere Kirchen. Der Gottesdienst an Heiligabend war nach einer halben Stunde vorbei.

Es ist eine Gegend mit stark heimatverbundenen Menschen. Die einzelnen Ortsteile haben trotz zahlreicher Verwaltungsreformen ihre eigene Identität bewahrt. In Berge selbst gibt es noch immer drei Maibäume - denn Berge selbst wurde aus drei Orten zusammengelegt. 1938 war das, doch einen gemeinsamen Baum gebe es bis heute nicht, erzählen die Gemeinderatsmitglieder Thomas Glass und Sybille Viereck bei Kaffee und Keksen.

53°14'21'' Nord, 11°52'16'' Ost: Der Dorfring

SPIEGEL ONLINE

Wer genau hinschaut, kann die ursprüngliche Struktur der Orte noch heute erkennen. Die damalige Bevölkerung slawischen Ursprungs legte die Dörfer vor einigen Hundert Jahren als sogenannte Rundlinge an. Die Häuser wurden im Kreis gebaut, der Dorfplatz in der Mitte, sagt Thomas Glass. Eine einzige Lücke im Kreis diente als Zugang zum Ort. Wie Fäden verbinden heute Straßen diese Dorfringe.

Die ganze Gegend ist von der Landwirtschaft geprägt. Industrie gibt es kaum. Weite Äcker füllen die Flächen zwischen den kleinen Ortschaften. Starke Steigungen: Fehlanzeige.

53°15'56'' Nord, 11°54'25'' Ost: Die Knotenpunktwegweisung

SPIEGEL ONLINE

Eigentlich perfekt zum Fahrradfahren, dachte sich wohl auch der Tourismusverband Prignitz und erklärte die Region zum "Radlerparadies". Radwege wurden ausgebaut und die Beschilderung verbessert. Tatsächlich: Wer Weite und Abgeschiedenheit sucht, hat rund um Berge mehr als genug Auswahl.

Wer Ziele sucht, hat es schon etwas schwerer. Gleich um die Ecke von der Knotenpunktwegweisung empfängt das Café "Op'n Snak" Besucher in einem alten Schweinestall. Es hat allerdings an diesem Montag geschlossen. Es ist schließlich auch niemand unterwegs, der hier Kaffee trinken könnte. Das dürfte in anderen Touristengegenden zu dieser Jahreszeit allerdings auch kaum anders sein.

53°15'39'' Nord, 11°54'10'' Ost: Die Ziegelei

SPIEGEL ONLINE

Folgt man dem Wegweiser in Richtung Platschow, stößt man nach einigen Hundert Metern auf das einzige Stück ehemaliger Industrie in Berge. Der rote Turm der Brandenburgischen Ziegel-Werke ist bereits von Weitem zu sehen. Die ganze Anlage lädt zum Fotografieren geradezu ein - doch das Gelände darf man nicht betreten. Seit der Stilllegung im Jahr 1991 haben Investoren mehrfach erfolglos versucht, die alte Fabrik als produzierendes Denkmal zu betreiben. So bleibt nur das Foto durch den Zaun.

Direkt gegenüber erzählt ein alter Bahnhof von vergangenen Zeiten. 1911 wurde hier eine Eisenbahn eingeweiht. Die Wagen transportierten Zuckerrüben, Tiere, Ziegel und andere Güter sowie Personen durch die Region. "Mit der Bahn ging es mit Berge aufwärts", erzählt Thomas Glass. Neue Betriebe siedelten sich an. Die Bahn wurde 1975 eingestellt, der Transport auf die Straße verlagert.

SPIEGEL ONLINE

Berge in der Prignitz ist ohne Zweifel ein einsamer Ort. Der Landkreis hat laut Eurostat die geringste Bevölkerungsdichte in ganz Deutschland. Berge ist umgeben von Weite, von Grün, von Nichts. Berge ist jetzt aber zumindest nicht mehr der Ort ohne Fotos.

Unsere Flickr-Fotos aus Berge finden Sie hier. Doch nicht nur in Brandenburg gibt es weiße Flecken auf der Flickr-Karte. Entdecken Sie die in diesem Sinne einsamsten Orte in Ihrer Region. Machen Sie ein paar Fotos, laden Sie sie bei Flickr hoch - und schicken Sie sie mit ein paar Worten zum Aufnahmeort an spon_reise@spiegel.de. Die besten Fotos veröffentlichen wir auf SPIEGEL ONLINE. Mit der Einsendung erklären Sie, dass Sie die Rechte an Fotos und Texten besitzen.

Fotostrecke

10  Bilder
Flickr-Analyse: Berge, ein Ort ohne Fotos

Mehr zum Thema
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern


© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.