Flughafen Berlin-Tegel Paradies für Planespotter

Die Abschiedsgrüße waren verfrüht: Die Eröffnung des neuen Hauptstadtflughafens wurde verschoben, der Airport Tegel bleibt den Berliner Planespottern noch ein wenig länger erhalten - und das ist auch gut so.

DPA

"Danke, Tegel", steht noch auf den riesigen Plakaten am Flughafen in Berlins Norden. Er sollte eigentlich dichtmachen, wenn am 3. Juni der neue Hauptstadtflughafen in Schönefeld öffnet. Das ist nun Makulatur. Der Start von BER ist um Monate verschoben. "Wir können alles, außer fliegen", muss sich Berlin verspotten lassen.

Aber nicht alle ärgern sich über die Verzögerung. Manche Passagiere haben den kleinen "Drive-in-Flughafen" in Tegel liebgewonnen, dessen Charme zwischen Siebziger-Jahre-Gesamtschule und Busbahnhof rangiert. Der Flughafen ist ein Stück altes West-Berlin. Einer der Architekten war Meinhard von Gerkan, der auch den 2006 eröffneten Hauptbahnhof schuf und dessen Büro GMP auch für die Planung des neuen Hauptstadtflughafens mitverantwortlich ist.

Unter den Dächern der Cité Pasteur in der Nachbarschaft wohnten früher die Familien der französischen Alliierten. Nach dem Ende des Flugbetriebs sollen von 460 Hektar noch 200 Hektar Grünfläche bleiben. Für den Rest schwebt dem Senat ein Standort für Industrie, Forschung, Wissenschaft und Gewerbe aus Bereichen wie Klimatechnik und Elektromobilität vor. Zukunftsmusik.

Bis dahin haben Planespotter, die Flugzeugbeobachter aus Leidenschaft, freie Sicht auf donnernde Airbus-Maschinen, Boeings und Militärhubschrauber. "Panoramablick! Find ich gut, sowas!", ruft ein Besucher mit Fernglas auf der Aussichtsterrasse. Die führt in Tegel unter freiem Himmel rings um das Gebäude und liegt so dicht an den Gates, dass man die Uniformklappen der Piloten durchs Cockpit sieht. "Man kann mit der Sonne mitgehen", sagt Flugzeug-Fan Volker Andersen, der aus Sylt angereist ist und sich extra Urlaub genommen hat. "Das ist ein einmaliges Gelände zum Fotografieren."

Willkommener Aufschub für Tegel

Der Reiz besteht laut Andersen auch darin, möglichst viele Flugzeuge einer Flotte zu fotografieren. Hinterher stellen Planespotter ihre Bilder gern ins Netz. Oder sie archivieren sie, wenn sie noch mit Filmen fotografieren, so wie Ralf Stöckling, der vor der Schließung fast täglich nach Tegel kommt. Er war schon bei der Eröffnung 1974 dabei. Wie viele Bilder er in seiner Planespotter-Karriere geschossen hat, weiß er nicht. Drei bis fünf Filme sind es am Tag.

Der Aufschub für Tegel? "Ich hab mich erstmal gefreut, logischerweise", sagt Stöckling. Von der Aussicht in Schönefeld hält er nicht viel. Die sei begrenzt. Außerdem stören ihn Gegenlicht und Masten im Hintergrund. Und so groß wie das Gelände auf den Bildern scheine, sei es in Wirklichkeit gar nicht.

In Tegel war einer seiner Lieblinge eine Noratlas, ein französisches Militärflugzeug. Und was war heute los? Am Morgen soll die Maschine des südafrikanischen Vizepräsidenten dagewesen sein. Planespotter haben ihre Quellen für solche Infos. Etwa hundert Berliner teilen sein Hobby, schätzt Stöckling. Die können nun in Tegel noch ein bisschen länger in Nostalgie schwelgen.

Caroline Bock, dpa



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