Foto-Ausstellung zum Oktoberfest Die wahren Kathedralen Bayerns

Wenn der letzte Putztrupp die Wiesn verlässt, kommt Michael von Hassel: Der Fotokünstler baut seine Kamera um 4 Uhr nachts in den riesigen Bierzelten des Oktoberfests auf - und macht höchst ungewohnte Bilder von den Festhallen. Hier sind sie.

Michael von Hassel

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Einer der Nachtwächter zeigte sich unwillig. Seinen angestammten Platz vor der Theke mitten im leeren Zelt wollte der Mann nicht kampflos aufgeben. Schließlich zog er aber doch um die Ecke am Mitteltresen.

So erzählt es der Fotograf Michael von Hassel, der nach dem Einlenken des Nachtwächters eine weitere seiner "Oktoberfest Cathedrals" fotografieren konnte: eines der 14 Bierzelte der Wiesn. Bei Festbeleuchtung, menschenleer, um 4 Uhr nachts.

Hassel zeigt auf das Bild "Augustinus Cathedral": Dort, mitten auf dem 2-x-1,25-Meter-Werk, ist - wenn man es weiß - noch der Laptop zu erkennen, auf dem der Sicherheitsmann dann seine Videos anschaute. "Das Zelt war leer, still, lag brach, gehörte nur mir. Jetzt konnte ich erst seine Größe erfassen, sah die Laufwege - wenn alles voll ist und man selber feiert, erkennt man das nicht."

Die "Kathedralen" sind in der Rathausgalerie Kunsthalle rings um einen plätschernden Brunnen aufgehängt, unter Glas, hochglänzend, sie kosten pro Abzug 15.000 Euro. Aufgenommen sind "Bavarian Skies" oder "Lunatic Peace" aus der Zentralperspektive, eine erstaunliche Tiefenschärfe zieht hinein in das Motiv. Hassel arbeitet mit Mehrfachbelichtungen und Belichtungsreihen, "von völlig über- bis völlig unterbelichtet und immer nach dem gleichen Schema". Bis zu 90 Aufnahmen verwendete er für ein Bild. Er selbst bezeichnet seine Arbeiten als hyperrealistisch.

Michael von Hassel bei der Vernissage: Der Autodidakt hatte 2005 seine erste Ausstellung
Viviane Simon/ API

Michael von Hassel bei der Vernissage: Der Autodidakt hatte 2005 seine erste Ausstellung

Kurz vor Beginn des Oktoberfests hat die Ausstellung eröffnet, ab kommendem Samstag werden insgesamt wieder rund sechs Millionen die Theresienwiese und die Bierzelte stürmen. Es sei "irre, was auf der Wiesn tagsüber passiert, intensiver geht es nicht", sagt Hassel. "Liebespaare finden sich, trennen sich. Kinder entstehen, Geschäftsbeziehungen, Freundschaften. Prügeleien, Freude, Leid - ein Energiepunkt im bayerischen Kosmos." Davon erzählen die Bilder nichts, sie strahlen eine Ruhe aus, die man an den Schauplätzen des größten Volksfestes der Welt nicht vermutet hätte.

"Ein Wiesn-Wirt ist in München wie ein Gott"

Der 37-jährige Hassel wohnt zwar der Liebe wegen in Berlin. Doch der Autodidakt, ehemalige Banker und Diplom-Kaufmann stammt aus München und arbeitet auch hier. Und man kann ihn durchaus zur Münchner Schickeria zählen: Er lässt sich im Edelzelt Käfer von seinen Sammlern einladen und spricht von "meinem lieben Freund Christian Schottenhamel". Schottenhamel gehört zu einer der ältesten Wiesn-Wirt-Familien - und er machte das Fotoprojekt erst möglich.

"Christian gab mir ein Einlassarmband und den Schlüssel für sein Zelt - das war wie eine goldene Eintrittskarte für alles", sagt Hassel. "Er meinte, bei Nacht habe dort noch nie jemand ein Foto gemacht." Nach dem ersten, erfolgreich verkauften Bild vom verwaisten Schottenhamel-Zelt zeigte ein zweiter Wirt Interesse. Aber: "Ein Wiesn-Wirt ist in München wie ein Gott, den kannst du nicht einfach anrufen", sagt der Fotograf. Die beiden begeisterten Wirte halfen, bald hatte er eine Liste mit Handynummern aller Wirte des Oktoberfests und ihrer Sicherheitschefs.

Zwei Jahre lang arbeitete Michael von Hassel in den Wiesn-Nächten in den Festzelten. Immer zwischen 3 und 5 Uhr, wenn die Putzteams mit Kärchern die Reste der Wiesn-Besucher beseitigt hatten, der Müll hinausgetragen war. "Ich fragte mich, was ist das eigentlich hier?", sagt der Künstler: "Ich kam auf Traditionen, Kult, Gesänge, Bräuche, Menschenmassen, riesige Gebäude" - und er assoziierte damit Kathedralen. "Auch in den Zelten wird etwas gehuldigt: dem Bier, dem schnöden Mammon."

Lesen Sie in der Fotostrecke, was Michael von Hassel zu seinen Fotos und den Wiesn-Zelten erzählt.

Michael von Hassel: "Oktoberfest Cathedrals". Ausstellung in der Rathausgalerie Kunsthalle am Münchner Marienplatz, geöffnet bis 10. Oktober 2015, Dienstag bis Sonntag 11 bis 19 Uhr.

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