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VIP-Betreuung am Flughafen: First Class einchecken, Economy fliegen

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An den Flughäfen Frankfurt und München können sich Passagiere hofieren lassen wie Hollywood-Stars: mit persönlichen Betreuern, die sich um alles kümmern. Wenn die aus dem Nähkästchen plaudern, berichten sie von Singspielen mit Michael Jackson und Fahrstuhldramen mit George Clooney.

VIP-Service: Betreuung gegen Aufpreis Fotos
Fraport AG

Der Freitagabendflug von Hamburg kommt über eine Stunde zu spät in Frankfurt an. Die Umsteigezeit für den Weiterflug nach Johannesburg wird extrem knapp, der Fußweg vom Ende des Flugsteigs A zur Mitte des Terminals B ist gefühlt mehrere Kilometer lang. Keine Chance, rechtzeitig an Bord zu sein: Sechs von sieben Umsteigern verpassen an diesem Abend ihren geplanten Anschluss, müssen mit einem späteren Weiterflug Vorlieb nehmen.

Ein Passagier hat es besser: Bereits an der Flugzeugtür wird er von einem Mitarbeiter des VIP-Services erwartet. Eine Treppe runter, ein schwarzer BMW steht bereit. Zwei Minuten geht es über das Vorfeld. Vor einem Eingang mit bunten Flaggen stoppt die Limousine. Draußen wartet bereits ein Mitarbeiter der Bundespolizei und kontrolliert in Sekunden den Pass.

Noch mal 30 Sekunden Autofahrt, dann geht es vor dem südafrikanischen Airbus direkt über eine Treppe ins Flugzeug. Zwischen Aussteigen aus dem Hamburg-Flieger und Platz nehmen in der Johannesburg-Maschine am anderen Ende des Flughafens liegen gerade einmal zehn Minuten.

VIP für jedermann

Bisher genossen vor allem Hollywood-Stars, Minister und Monarchen solch zuvorkommenden Service: "Sie müssen in keiner Schlange stehen, wir haben unsere eigene Sicherheits- und Zollabfertigung", sagt Bärbel Storch, Leiterin des VIP-Services am Frankfurter Flughafen. "Bei uns geht es vor allem um signifikante Zeitersparnis", sagt Jan-Martin Rathgens, Schichtleiter im "VIP-Wing" des Münchner Flughafens. Zehn Minuten von der Ankunft am Sonderabflugbereich bis zum Schließen der Flugzeugtür sind im Extremfall für einen Kunden des VIP-Services möglich "wenn wir Vollgas geben", so Rathgens.

Was kaum jemand weiß, weil es die Flughäfen bisher nicht offensiv beworben haben: Solche Privilegien stehen nicht nur echten VIPs und Bonusmeilen-Millionären offen, sondern jedermann. Gegen Bezahlung. Auch wer nur mit dem billigsten Economy-Ticket zum Ballermann reist, kann sich am Flughafen wie ein König verhätscheln lassen. In Frankfurt ist das für 298 Euro pro Fluggast zu haben, jeder weitere Mitreisende zahlt 110 Euro. In München öffnet sich das Wunderland des VIP-Reisens ab 290 für Abflug oder Ankunft, bei einem Transfer kostet es ab 380 Euro.

"Wenn man bedenkt, wie teuer heute schon ein Business-Class-Ticket innerhalb Europas sein kann und wie wenig dafür oft geboten wird, fliegen manche unserer Gäste doch lieber Economy und leisten sich dafür unsere Betreuung am Boden", sagt Bärbel Storch. 30 bis 70 Gäste umsorgt sie mit ihrem Team aus 30 Mitarbeitern an einem durchschnittlichen Tag. Dabei kümmert sich immer ein fester VIP-Betreuer um einen Gast und seine Mitreisenden.

Relaxen in Schloss Neuschwanstein

60 Prozent der Nutzer des Fraport-VIP-Services sind Transit-Passagiere, die in Frankfurt das Flugzeug wechseln. Rund drei Stunden bleibt der Durchschnittsgast im VIP-Bereich. Die Nachfrage nach solchen Betreuungsleistungen steigt. "Als wir vor acht Jahren anfingen, auch zahlende Privatkunden zu betreuen, hatten wir 18.000 Gäste pro Jahr, jetzt sind es 27.000", sagt Storch, die selbst aus der Luxushotellerie kommt. Während sich in Frankfurt "echte" VIPs unter den Nutzern etwa mit "normalen" Kunden die Waage halten, haben in München die wirklich "Großkopferten" mit rund 60 Prozent immer noch die Oberhand.

Rein äußerlich unterscheiden sich die VIP-Räumlichkeiten zwischen beiden Flughäfen erheblich. In Frankfurt kommen sie auf derzeit 600 Quadratmetern klassisch und ein wenig austauschbar daher, mit hellen dezenten Farben in mehreren Einzel- und einem Gemeinschaftsraum. Von Januar 2014 an wird umgebaut, ab 2016 sollen dann 1400 Quadratmeter Fläche für die Gästebetreuung bereitstehen.

München dagegen setzt auf hippe Moderne. Erst im Juni 2011 wurde im Modul E des Terminal 1 der "VIP Wing" eröffnet, gestaltet von den lokalen Architekten Erich Gassmann und Tina Aßmann. Mit viel Holz, geschwungenen Formen sowie vier individuell zu mietenden Privaträumen, die nach berühmten Schlössern benannt sind. "Einen bayerischen Touch, aber nicht zu viel", so beschreibt Jan-Martin Rathgens die Philosophie. In der Suite "Linderhof" (41 Quadratmeter) dominiert etwa die Farbe Lila, abgerundet durch die Kopie des Ölporträts einer Prinzessin, dessen Original in der Residenz hängt, und Nymphenburger Porzellan. An der Wand der Suite "Schloss Neuschwanstein" hängt ein Hirschgeweih.

"Wir sind nicht promigeil"

Solche Privatgemächer kosten 190 Euro pro Stunde extra oder 1050 Euro für einen ganzen Tag, häufig werden sie von arabischen Familien gebucht. Der absolute Clou in München ist ein VIP-Biergarten unter freiem Himmel. "Das ist weltweit einmalig, und da kann auch George Clooney sein Bier trinken, ohne von Paparazzi behelligt zu werden", sagt Rathgens.

Gemessen an der Delikatessenschlacht in Lufthansas First-Class-Terminal fällt die Kulinarik in den VIP-Bereichen bescheidener aus. "Bei Lufthansa sitzen die Unternehmensberater, zu mir kommen die Konzernchefs", sagt die Frankfurter VIP-Betreuerin. Individuelle Betreuung ist das Wichtigste, da verhandelt Bärbel Storch auch schon mal mit Hausärzten, wenn eine berühmte Schauspielerin ihre Tabletten vergessen hat.

Kaum jemand dürfte so viele Prominente aus aller Welt zu Gast haben wie sie und ihr Personal, schließlich ist Frankfurt der zweitgrößte Flughafen Europas. Diskretion ist natürlich oberstes Gebot in diesem Job, und im VIP-Bereich muss kein Star für Fotos posieren oder Autogramme geben. "Meine Mitarbeiter sind nicht promigeil", betont die Chefin.

Mit Clooney im Aufzug

Von ihren bekanntesten Stammgästen erzählt Bärbel Storch trotzdem gern. "Der indische Premierminister kommt extra über Frankfurt wegen unseres Services", verrät sie, "und häufig ist der thailändische Kronprinz mit seinem Hofstaat hier." Auch die deutsche Fußball-Nationalmannschaft schwelgte im Luxus, bei der letzten USA-Reise zählte Jogi Löws Entourage 60 Leute.

Richard Gere wünscht auf dem Rhein-Main-Flughafen stets einen Rooibos-Tee und eine Massage. George Clooney ist Stammgast, ebenso der Dalai Lama. Der tibetanische Würdenträger freut sich in München zur Wiesn-Zeit über die Dirndls der Mitarbeiterinnen, während er in Frankfurt stets Schnitzel und Gulaschsuppe ordert.

Und Clooney ist in Frankfurt schon mal mit Bärbel Storch in einem gläsernen Fahrtstuhl stecken geblieben. "Das gab einen großen Auflauf an Mitarbeitern auf dem Vorfeld, die uns da oben beobachtet haben. Nach einigen Minuten ging es zum Glück weiter", erinnert sie sich. Nie vergessen wird sie die Betreuung von Michael Jackson einige Monate vor seinem Tod. "Der war mit seinen Kindern hier und ist bei uns richtig aufgetaut", sagt Storch. "Er hat mich gebeten, dabei zu bleiben, als er mit seinen Kindern ein Spiel gespielt hat: Er sang jeweils den Anfang verschiedener seiner Lieder, sie mussten raten, welches es war und bekamen dann eine Cola. Das war sehr bewegend."

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1. Anschlussflug
Kauzboi 23.09.2013
Auf die Weise mag man selbst ja den Flieger noch erwischen, dass Gepäck aber nicht. Darauf muss man am Zielort dann warten - wenn es überhaupt ankommt.
2. Willkommen!
EmmaDiel 23.09.2013
Im neuen Feudalismus. Wir sollten uns darüber bewusst sein, dass der Flugbetrieb schon immer ein Blick in die Zukunft war. Die Bereitschaft, alle und jeden zu filzen. "Nacktscanner". Datentransfer. Sicherheitsicherheit. Die Ruderer bitte nach hinten. Willkommen an Bord!
3. Wer ko,
umuc 23.09.2013
der ko. So einfach ist das.
4. Ein Knaller
flaffi 23.09.2013
Ein Buddhist mit Schnitzel und Gulaschsuppe ? Kaum zu fassen.
5.
Multiple Choice 23.09.2013
In München hatte ich mal erlebt, dass sich der Abflug eines LH-Fluges nach Hamburg wegen eines VIP-Reisenden erheblich (ca. 30 min) verzögerte, weil alle anderen nach dem Boarding erstmal warten mussten, bis derjenige im Flugzeug war, bis sie selbst dann in den Shuttle-Bus steigen durften. Keine Ahnung, ob das normal ist, aber zu einer Benachteiligung der ohne Zusatzbezahlung Reisenden sollte das ganze Gewese auch nicht führen.
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