G7-Gipfel in Oberbayern Kein Geblöke für Obama

Bergkäse, Murmeltiersalbe und Lüftlmalerei: Wo in Oberbayern manches Klischee deckungsgleich mit der Realität ist, findet bald der G7-Gipfel statt. Der bringt Hoffnungen für den Tourismus - und Ärger für Schafherden.

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Von Martin Cyris


"Jetzt kemmt's!", ruft die Barbara Maurer, Tierwirtin aus Klais in Oberbayern. Die Schafe und Ziegen kommen und gehorchen. Mehr oder weniger. Einen Konsens zu finden, scheint auch in der Tierwelt nicht immer ganz leicht zu sein.

Anfang Juni, wenn die Gipfelkreuze der Zugspitze und der Alpspitze in der Bergsonne blitzen und das Gras besonders grün und saftig ist, befindet sich die Herde von Barbara Maurer normalerweise auf einer riesigen Lichtung oberhalb von Klais. Ein paar hundert Tiere, die extrovertiertesten von ihnen mit knuffigen Namen bedacht: Fridolin und Pamela, Hilly und Lilly.

Normalerweise. Denn im Schatten des Wettersteingebirges liegen nicht nur buckelige Kräuterwiesen, sondern auch Schloss Elmau. Dort sorgte die Herde von Barbara Maurer in der Vergangenheit für einen sauberen Schnitt rund um das Luxushotel. Und für eine alpenländische Klangkulisse aus Geblöke, Gemähe und Gebimmel.

Aber nicht in diesem Jahr. Denn Schloss Elmau ist Anfang Juni Schauplatz des G7-Gipfels - des Treffens der sieben wichtigsten Industrienationen. Die Platzhirsche auf der Lichtung heißen dann nicht Fridolin und Pamela, sondern Barack und Angela.

Sperrzone für Mensch und Tier

Kein Unbefugter darf Barack Obama und Angela Merkel zu nahe kommen. Weil nicht jeder Demonstrant als lammfromm eingestuft wird, sondern eher als Gipfelstürmer. Die sogenannte innere Sperrzone rund ums Gelände ist tabu. Auch fürs liebe Vieh. Schade eigentlich. Denn die Herde passte in die Nachbarschaft des Schlosses. Vor allem als willkommener Folklorefarbtupfer für die zahlungskräftigen, aber mitunter naturentwöhnten Gäste.

Jahrzehntelang gab sich auf Schloss Elmau das Bildungsbürgertum die Klinke in die Hand. Seit einem Großbrand im Jahre 2005 hat sich einiges verändert. Nicht nur Zimmer und Restaurants, auch die Klientel. Früher bestand sie vorrangig aus Schöngeistern, Künstlern, Alternativmedizinern und Blaublütern.

Der Komiker Loriot war Stammgast. In Zimmer 118 soll sein Sketchklassiker "Herren im Bad" entstanden sein, mit den Herren Dr. Klöbner und Müller-Lüdenscheidt sowie dem Quietscheentchen. Eingeweihte schwören, dass der Name des zweiten Protagonisten eine Anspielung auf die Besitzerfamilie des Schlosses ist: Müller-Elmau.

Mit Gummistiefeln in der Fünf-Sterne-Lobby

Heute baden im schicken Außenpool vor allem Unternehmer, Manager, Chefärzte und Geldadel. Aber eine distinguierte Lässigkeit gehört nach wie vor zum Geist des Hauses. Barbara Maurer erzählt, wie sie einmal mit dreckigen Gummistiefeln vor den Toren der Nobelherberge stand, auf der Suche nach einem ausgebüxten Schaf. Der Besitzer habe sie in die mit feiner Auslegware ausgestattete Lobby gebeten. "In manchen Dingen sind die recht locker", sagt Maurer.

Aber wenn die Staats- und Regierungschefs zum G7-Gipfel eintrudeln, dann wird's unlocker. Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Hausherrin wird, haben Schafe und Ziegen keinen Platz. Kein Muh und kein Mäh rund ums Schloss Elmau. Oder: Das Schweigen der Lämmer. Die Hubschrauber der Staatschefs werden dafür umso lauter sein. Nichts für zartbesaitete Haustiere.

Maurer hat sich mit dem Platzverweis abgefunden. "Man kann sowieso nichts ändern", sagt sie. Überhaupt stehe die Mehrheit der Einheimischen dem G7-Gipfel positiv gegenüber. Weil viel Geld in die Infrastruktur des Landkreises gespritzt wurde.

Was auch dem Tourismus zugute kommen soll. Das Rathaus im nahe gelegenen Mittenwald etwa wurde frisch herausgeputzt. Der schön gelegene Alpenort ist für seine Lüftlmalerei an Häuserwänden bekannt, Sportbegeisterte kennen den kühnen Mittenwalder Klettersteig. Die gesamte Region ist ein klassisches Wanderziel mit zünftigen Almhütten.

Außerdem wurde der Bahnhof in Klais - in Zeiten von Sanierungsstaus bei der Deutschen Bahn mutet es wie Zauberei an - im Handumdrehen saniert. Obwohl weder Barack Obama noch Angela Merkel per Zug anreisen dürften. Wohl aber Journalisten aus aller Welt, Schaulustige, Security-Personal. Also die vielköpfige Herde des Gipfelgefolges.

Maurer hofft, dass ein paar der Besucher dann auch in ihrem Hofladen vorbeikommen, wo sie Bergkäse und Heumilchjoghurt anbietet. Und Murmeltiersalbe. Soll bei Verspannungen helfen, sicher gut nach langen Sitzungen. "Michelle Obama kann gerne mal hereinschauen", sagt Maurer. Für den Schuhtick der First Lady wäre sogar etwas im Sortiment: zünftige Hausschuhe mit Lammfell vom Werdenfelser Bergschaf.



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