Geierlay im Hunsrück Über diese Brücke musst du geh'n

An einem entlegenen Winkel im Hunsrück hat sich eine Hängeseilbrücke zum Touristenmagneten entwickelt. Sie ist deutschlandweit die längste ihrer Art - und inzwischen beliebter als das Münchner Hofbräuhaus.

DPA

Beim Betreten der Holzbohlen wackelt es mächtig unter den Füßen, in der Tiefe plätschert ein Bach. Weithin sind herbstlich verfärbte Baumwipfel zu sehen, in der Ferne das Grün der Wiesen. Beim Überqueren von Deutschlands längster Hängeseilbrücke für Fußgänger wird es manch einem mulmig im Bauch. Doch Ralf Heim aus dem baden-württembergischen Haigerloch sagt: "Die Brücke schwankt so schön - wie bei einer Seefahrt." Seine zwölfjährige Tochter Theresa beschränkt sich auf ein Wörtchen: "Cool!"

Auf Deutschlands längster Hängeseilbrücke für Fußgänger mischen sich mitten im Hunsrück nicht nur Deutsch und Denglisch, sondern auch Sprachfetzen aus halb Europa. In einem Seitental der Mosel gibt es seit einem Jahr eine Touristenattraktion, die bereits mehr als 370.000 Menschen angezogen hat, wie eine Kameraauswertung ergab.

Das ist mehr als das Doppelte dessen, was man sich erhofft hatte. Noch im August 2015 stellte der Rechnungshof Rheinland-Pfalz fest, dass die damals angenommenen jährlichen Zahlen von 190.000 Besuchern "der touristisch nur sehr eingeschränkt erschlossenen Hängeseilbrücke, deren Lage zudem beliebig ist, kaum realistisch sein dürften". Viele haben das Brückenprojekt zunächst belächelt. Doch schon bald nach der Eröffnung der Brücke am 3. Oktober 2015 zog es Touristen in überraschend großen Scharen an.

Die Geierlay versteckt sich in einem tiefen Tal. 360 Meter lang ist die im sanften Bogen geschwungene Brücke aus Holz und Stahlseilen. In der Mitte würde leicht eine Dorfkirche darunter passen - der Mörsdorfer Bach fließt fast 100 Meter tiefer durch das enge Tal.

Beliebter als Sylt und Hofbräuhaus

In einer Umfrage der Deutschen Zentrale für Tourismus unter gut 40.000 Besuchern aus 66 Ländern zur Ermittlung der 100 beliebtesten Reiseziele Deutschlands ist die Brücke auf Platz 85 gelandet - noch vor dem Nürburgring, dem Münchner Hofbräuhaus und der Insel Sylt.

"Der Erfolg ist phantastisch", sagt der Bürgermeister von Mörsdorf, Marcus Kirchhoff. Mitten in einem strukturschwachen Naturparadies wird seine 620-Seelen-Gemeinde von Touristen überrannt. Gasthäuser und Würstchenbuden machen gute Geschäfte. Die vielen Autos auf der Suche nach Parkplätzen seien aber störend, gibt Kirchhoff zu.

Dabei hat die Gemeinde schon kostenpflichtige Parkplätze ausgewiesen. An den Gehsteigen dürfen nur noch Anwohner und ihre Besucher mit Sondererlaubnis parken. Auch mit dem Bau von Toiletten kommt Mörsdorf kaum nach. Allein das Klopapier für Touristen schlägt für das Dorf mit mehreren Hundert Euro pro Monat zu Buche.

20 Prozent schauen nur zu

Auf der anderen Seite liegt das Dörfchen Soßberg. Hier ist es deutlich ruhiger. "Die Mörsdorfer haben viel mehr die Werbetrommel gerührt", erläutert der Soßberger Gemeinderat Alois Wilhelm. "Sie haben die Brücke als ein Dorferneuerungsprogramm angeschoben. Deshalb beanspruchen sie sie auch mehr als wir." Mörsdorfs Bürgermeister Kirchhoff meint: "Soßberg hat es bislang nicht geschafft, sich nach dem Geld zu bücken, das auf der Straße liegt."

Inklusive aller begleitenden Untersuchungen hat sie nach Kirchhoffs Angaben 1,3 Millionen Euro gekostet. Attraktiv ist sie auch für Fernwanderer mit ihrem Anschluss an den Saar-Hunsrück-Steig.

Tagestouristen laufen oder radeln von Mörsdorf aus mehr als einen Kilometer bis zur Geierlay-Brücke. Manche nehmen für den Besuch sogar eine weite Anreise auf sich: "Wir sind extra aus Kleve 280 Kilometer für nur eine Übernachtung hergekommen", sagt Marie-Christin Remy.

"Etwa 20 Prozent der Leute gehen gar nicht auf die Brücke", sagt Ortsbürgermeister Kirchhoff. "Die setzen sich ans Tal und schauen nur. Weitere zehn Prozent betreten zwar die Brücke, kehren aber wieder um." Das Schwanken ist halt nicht jedermanns Sache.

Jens Albes/dpa/jus

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insgesamt 5 Beiträge
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hardeenetwork 07.11.2016
1. Simpel
Wie einfach man doch manchmal die Menschen begeistern kann. Hübsch, ja ... aber keine Attraktion.
i.dietz 07.11.2016
2. Und schon wieder ein Stück Natur
verschandelt ! Es lebe der Konsument !
twinkler 07.11.2016
3. Großartiges Projekt
Den Leuten im Hunsrück kann man zu diesem Projekt nur gratulieren. Ich war letztes Jahr kurz nach der Eröffnung dort (komme aus Norddeutschland) und war vollauf begeistert. Eine Gegend in Sichtweite des A*** der Welt, die sonst seit Jahrzehnten merklich vernachlässigt wurde, zieht auf einmal haufenweise Touristen an. Das ganze Dorf war komplett aus dem Häuschen vor Freude, und wir haben uns gern mitgefreut. Respekt, dass man sowas heutzutage noch gegen die obligatorischen Nörgler und Bedenkenträger durchziehen kann. Der nächste Besuch ist bereits geplant.
db661 07.11.2016
4. @2 Och Gottchen...
...es wurde kein Kohlekraftweek gebaut. Wenn sie das bisschen stört, einfach 100 Meter weitergehen, dort kann man sich weiterhin ungestört an Felsen und Wald wahlweise satt sehen oder langweilen
Schöne-Aussicht.de 31.10.2017
5. Schön, aber die Infrastruktur ist eine Katastrophe
Hallo, an schönen Wochenenden solltet ihr lieber nicht nach Mörsdorf. Eine epische Blechlawine erwartet euch, oder ihr fahrt gaaanz früh. Habe das mal dokumentiert: http://schöne-aussicht.de/geierlay-haengebruecke/ Viel Spaß. Mad
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