Gratisstellplätze für Wohnmobile Camper sucht Bauer

Deutschlandweit bieten Hunderte Bauern kostenlose Stellplätze für Wohnmobile an. Eine einmalige Chance für Stadtmenschen - denn nebenbei lernen sie eine Menge über das Landleben.

Christian Frahm

Von Christian Frahm


Muhende Rinder wecken mich an einem frischen Frühlingsmorgen. Ein Nebelschleier liegt über den leuchtend gelben Rapsfeldern, hinter denen allmählich die Sonne aufgeht. Schafe trotten über die Weide und wärmen sich an den ersten Sonnenstrahlen, die durch die Wipfel der angrenzenden Bäume fallen. Und obwohl es schon sieben Uhr ist, rührt sich auf dem Bauernhof von Familie Stoltenberg in Schleswig-Holstein noch nichts.

Die Nacht habe ich in meinem VW-Bulli am Rande des Hofgeländes verbracht. Nicht etwa, weil ich eine Panne hatte oder die Campingplätze der Umgebung ausgebucht waren, sondern weil Dirk Stoltenberg es angeboten hat - 24 Stunden kostenlos campen auf seinem Bauernhof. Er ist einer von über 470 Landwirten in ganz Deutschland, die Reisenden, die mit Wohnmobil oder Wohnwagen unterwegs sind, einen Übernachtungsplatz zur Verfügung stellt.

Das Konzept dahinter nennt sich "Landvergnügen". Imgleichnamigen Stellplatzführer sind sämtliche Gastgeber aufgelistet, die Campingfreunden ein kleines Fleckchen auf ihrem Hof bereithalten. Darunter sind nicht nur Bauernhöfe, sondern auch Weingüter, Meiereien, Brauereibetriebe und sogar eine Straußenfarm. Mich hat es ins schleswig-holsteinische Stakendorf an der Ostsee verschlagen, wo Biobauer Stoltenberg mit seiner Familie den Angus-Hof betreibt.

Mein Bulli steht in der Nähe des Hofeingangs mit Blick auf das kleine Dorf - kein Campingluxus, aber dafür gemütliche Bauernhofatmosphäre. Es gibt weder Strom noch fließend Wasser. Nur ein Stück Grün unter zwei Bäumen, umgeben von Rindern, Hühnern, Schafen und Schweinen. Wer es nicht ganz so spartanisch mag, findet im "Landvergnügen" auch Gastgeber, die Duschmöglichkeiten, Strom, WLAN und sogar Bewirtung anbieten.

Heile Welt im Dorf

Während mein Espressokocher auf dem Gasherd brodelt und Kaffeeduft durch den Bulli zieht, erwacht das kleine 500-Seelen-Dorf an der Ostsee langsam zum Leben. Durch die Scheiben beobachte ich den Postboten, der seine ersten Briefe verteilt. Die Bäckerin fegt den Gehsteig vor ihrer Konditorei und stellt eine Werbetafel für selbstgemachte Torten auf. Idyllischer könnte es auf einem normalen Campingplatz auch nicht sein.

Ich habe Bauer Stoltenberg meine Hilfe bei der Hofarbeit angeboten, um als Großstädter auch mal so richtig Landluft schnuppern zu können - Ferien auf dem Bauernhof wie in Kindertagen. Für diesen Morgen hat mich der Landwirt zum Frühstück eingeladen.

Im urigen Bauernhaus sitzt die Familie vor einem alten Kachelofen an einem massiven Holztisch. Auf dem Tisch stehen selbstgemachte Marmelade, Wurst, Käse, Vollkornbrötchen und eine Pfanne mit Rührei. Was nicht selbst auf dem Hof produziert wird, kommt zumindest aus der Region. "Ich habe in meinem Leben noch kein einziges Nahrungsmittel beim Discounter gekauft", sagt Biolandwirt Dirk, der mir inzwischen das Du angeboten hat.

Spontan kommt ein alter Freund von Dirk zum Kaffee. Sie sprechen über Besatzdichte, Durchwuchs, Abdrift oder den Phosphorgehalt des Ackerbodens. Landwirtschaft - eine Wissenschaft für sich. Dirk, der Agrarwissenschaften in Flensburg studiert hat, übernahm den Hof Anfang der Neunzigerjahre von seinem Vater und stellte auf Biobetrieb um.

Per Telefon bestellt er schnell noch ein paar Zentner Heu, dann geht es an die Arbeit: Frühstückszeit für die Tiere. Während sich die Schweine gerade grunzend über Salat, Gemüse und Hafer hermachen, kommt mir Dirk mit seinem knatternden Radlader entgegen. Auf der Gabel des Gefährts hat er einen Heuballen.

"Spring rauf, jetzt füttern wir die Rinder", ruft er. Der gelbe Radlader, auf dem wir Richtung Stall rumpeln, ist von Rost zerfressen, die rechte Vorderleuchte hängt nur noch lose an einem Kabel herab, auch die Bremse funktioniert nicht mehr. Auf dem Hof ist das alles nicht wichtig, denn hier lebt man im Takt der Tiere, und die müssen schließlich ihr Futter bekommen - egal wie.

Keine Panik

Heute ist ein besonderer Tag: Erstmals in diesem Jahr sollen Rinder auf die Weide gelassen werden. Entsprechend unruhig sind die Tiere, als wir sie auf den Viehanhänger treiben. "Die haben mehr Angst vor dir als du vor ihnen. Aber man muss ein Gefühl dafür entwickeln, wann man den Tieren zu nahe kommt und sie in Panik versetzt", erklärt Dirk. Als fünf Rinder im Anhänger sind, geht es mit dem Traktor zur Weide. Der Weg führt durch das Dorf, vorbei an grünen Wiesen und weiten Ackerflächen. In der Ferne sieht man das Meer, und der salzige Geruch macht Lust auf einen kleinen Zwischenstopp am Strand und ein Eis unterm Sonnenschirm.

"Das ist der schönste Augenblick des Jahres für einen Bauern", sagt Dirk. "Der Moment, wenn du deine Tiere auf die Weide laufen siehst." Kaum haben wir die Rampe des Viehanhängers heruntergelassen, springen die Kühe heraus und laufen bis ans Ende der von gelben Rapsfeldern umringten Weide. Für einen Moment scheint Dirk die Arbeit zu vergessen.

Ein schöner Moment, den man auf keinem Campingplatz erleben könnte. Ein bisschen Bauernhofalltag gibt es als Bonus, und das ist mindestens genauso viel wert wie die Möglichkeit, durch Deutschland zu touren, ohne einen Cent für Übernachtungen zu zahlen.

Die Idee des "Landvergnügens" kommt ursprünglich aus Frankreich, wo Landwirte und Winzer ihre Gäste schon seit 24 Jahren zum Kurzaufenthalt empfangen. Dort hat der jetzige Geschäftsführer Ole Schnack das Konzept entdeckt und nach Deutschland gebracht. "Es geht um entschleunigtes, selbstbestimmtes Reisen", sagt Schnack. Man müsse nicht weit fahren, denn die schönen Ziele lägen oft ganz nah. "Und die Stellplätze sind so individuell wie ihre Gastgeber."

Mit Schwielen an den Händen, ein wenig geschafft, aber zufrieden sitze ich bald wieder hinter dem Steuer meines Bullis. Für mich geht die Reise weiter. Ob ich heute Abend bei einer Meierei, auf einem Weingut, oder doch lieber auf der Straußenfarm mein Lager aufschlage, lasse ich mir noch offen. Mal sehen, was auf dem Weg liegt.

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