Unesco-Welterbe Grube Messel Viecher im Schiefer

Krokodilalarm in Hessen: Zumindest in versteinerter Form sind die Tiere in der Grube Messel anzutreffen. Und die berühmten Urzeitpferdchen. Nicht nur Forscher entdeckten hier sensationelle Fossilien - sondern manchmal auch Besucher.

DPA

Man könnte glauben, dass Yvonne Roeper einen langweiligen Beruf hat. 360 Mal im Jahr führt sie Besucher in die Grube Messel bei Darmstadt. Aber sie sieht das anders: "Ich zeige immer neuen Gästen, dass tote Steine eine ereignisreiche Geschichte erzählen können", sagt Roeper. Die Senke, in der sie so viel Zeit verbringt, ist 60 Meter tief, hat einen Durchmesser von 800 Metern und zählt zum Weltnaturerbe der Unesco. Nicht umsonst.

Eine Führung durch die Grube Messel, dieses uralte Fossilienlager, ist wie eine kleine Forschungsreise - mit Einschränkungen: Die sechs Grabungsfelder sind für Besucher gesperrt, Gäste dürfen lediglich den weggeworfenen Schiefer der Forscher begutachten. Roeper und ihre zwei Kolleginnen gehen von Frühjahr bis Herbst fast täglich durchs Gelände. Manchmal sehen sie Rehe und Wildschweine und scheuchen Gänse auf. Doch die interessantesten Tiere sind hier schon lange tot.

Denn ab und an finden Besucher in der Grube Fossilien. "In meiner Führung hat schon mal eine Schülerin eine Fledermaus im Ölschiefer entdeckt", sagt Roeper. Und eine Kollegin habe einmal eine Platte aufgehoben und nur zur Demonstration gespalten. "Da kam das Fossil eines kleinen Krokodils zum Vorschein."

Ein Zeitfenster in die Urgeschichte

Wie kommt ein Krokodil an den Rand des Odenwaldes, wo heute Birken und Buchen wachsen, dazwischen Brombeeren, kleine Farne und Fingerhut? Das Urzeittier stammt aus dem Eozän. In dieser Erdzeit lag Mitteleuropa viel näher am Äquator, die Alpen ragten wohl noch als tropische Inselkette aus dem Meer. Die Geologin ordnet den Zeitraum der Funde ein: "Die Dinosaurier waren schon 20 Millionen Jahre vorher ausgestorben, und die Vorläufer unserer Säugetiere begannen gerade erst, sich zu entwickeln."

Die Grube Messel ist ein wichtiges Zeitfenster in die Urgeschichte der Erde. Fast 120 Jahre wurde hier Tagebau betrieben, die Arbeiter kamen dabei an tiefes Sedimentgestein, das Fossilien enthält. Und weil in dem sauerstoffarmen Wasser einst nichts verweste, findet man darin heute Tiere, die wie Mumien noch Haut und Haare haben. Das führt zu bizarren Funden: Der Magen einer Schlange enthält zum Beispiel eine Echse, die ihrerseits gerade einen Käfer vertilgt hatte.

Vor 48 Millionen Jahren habe die Bewegung der Erdplatten die Voraussetzungen für solch herausragende Funde geschaffen, sagt Roeper. Sie malt an eine Tafel, wie bei Erdstößen heißes Magma von unten und Grundwasser von oben aufeinandertrafen und als Wasserdampf explodierten. In dem so entstandenen steilen Krater bildeten später Grund- und Regenwasser einen tiefen, sauerstoffarmen See. Unten lagerte sich alles Abgestorbene ab, verfestigte sich und wurde zu Ölschiefer - mit allem, was einst darin lebte.

So findet man Krokodile und Knochenhechte sowie alles, was an den steilen Kraterwänden hinabrutschte und nicht wieder hochkam. Ein solches Schicksal ereilte die Stars der Grube: das Urpferdchen, das so groß wie ein Fuchs war, oder das Uräffchen Ida. Oder den 2013 entdeckten Riesennager, der aussieht wie ein gigantisches Eichhörnchen.

Dass die Grube vulkanischen Ursprungs ist, wies erst im Jahr 2001 eine Forschungsbohrung nach. Der Bohrkopf, den die Forscher 433 Meter in die Tiefe führten, liegt heute neben dem Bohrbrunnen, der ständig abgepumpt werden muss, damit kein neuer See entsteht. Ein Teil des zehn Zentimeter breiten Bohrkerns liegt im Besucherzentrum. Der Großteil wird weiter in der Forschungsstation Senckenberg ausgewertet.

Mehrere Jahrtausende an einem Tag

Roeper führt ihre Gäste zu einer Grabungsstelle. "Hier graben sich die Paläontologen an einem Tag durch Tausende von Jahren." Ein Zentimeter Gestein entspricht 100 Jahren, und mittendrin befinden sich noch vollständige fossile Tiere. Sogar die bunten Flügel von Insekten schillern noch. Schlussendlich dürfen auch die Besucher Indiana Jones spielen. Aber sie können nichts mit nach Hause nehmen. Die Funde sind für die Allgemeinheit und die Wissenschaft da.

Aus der Forscher-Abraumhalde sucht die Geologin vielversprechende größere Stücke und verteilt sie. Durch den Kontakt mit der Luft ist der dunkle Ölschiefer so bröselig geworden, dass er sich leicht mit der Hand spalten lässt. Auf einigen Stücken sind helle Flecken zu sehen. "Das ist der Kot kleiner Fische", erklärt Roeper. Bald entdeckt ein Kind ein vollständig erhaltenes Blatt, das nächste eine Fischschuppe.

Der tollste Fund des Nachmittags ist aber ein vollständig erhaltenes Fossil eines etwa drei Zentimeter kleinen Fisches. "Ein Thaumaturus, die waren damals zahlreich", sagt Roeper. Später, in einem Forschungscontainer, präsentiert sie präparierte größere Fossilien und Repliken der Sensationsfunde. Dann gibt sie ihren Gästen kieselgroße Steine in die Hand. Keiner zuckt, als er erfährt, dass er da gerade Koprolithen von Knochenhechten, also versteinerten Kot in der Hand hält. Da sind die Touristen schon ganz Wissenschaftler.

Karin Willen/dpa/sto

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