Grube Messel Schatzsuche im Faulschlamm

Sensationsfunde bei Darmstadt: Der Faulschlamm der Grube Messel hat Urzeit-Lebewesen in hervorragendem Zustand konserviert. Manch schillerndes Insekt zeigt sich sogar noch in der originalen Farbenpracht - auf Besucher wartet eine Zeitreise in die Welt vor 47 Millionen Jahren.

DPA

Sind stille Wasser wirklich tief? In diesem Falle schon. Der See ist spiegelglatt, grün und trüb. Es herrscht mal wieder Algenblüte. Dennoch regt sich überall Leben. Ein Schwarm Kleinfische der Gattung Thaumaturus pickt Mückenlarven von der Wasseroberfläche. In Ufernähe lauert ein Knochenhecht unter Wasserlilien-Blättern auf Beute. Libellen schwirren umher, langbeinige Rallen waten bedächtig am Röhricht entlang, ihre Augen ständig auf der Suche nach Essbarem. Es ist drückend heiß. Die Luftfeuchtigkeit beträgt mehr als 90 Prozent. Tropenwetter eben. An Land breitet sich üppiger Waldwuchs aus. Nirgendwo gibt es Spuren menschlicher Aktivität, die Natur ist wahrlich unberührt.

Die Kronen stattlicher Lorbeergewächse, tropischer Walnüsse, Ulmen und zahlreicher anderer Baumarten bilden einen dichten Baldachin aus Blättern. Im Geäst kreischen Vögel. Sie wurden von einem rasch hochkletternden Paroodectes, einem marderähnlichen Raubtier, aufgeschreckt. Auf dem Waldboden trippelt derweil eine kleiner Trupp Urpferdchen vorbei. Laub raschelt, die Vierbeiner verschwinden im Dickicht am Seeufer. Wenn sie trinken wollen, müssen sie hier, mitten in Europa, ständig nach Krokodilen Ausschau halten.

Plötzlich ertönt lautes Summen. Eine Riesenameise, unter Wissenschaftlern bekannt als Formicium giganteum, ist soeben aufgestiegen. Ihre Flügel haben eine Spannweite von mehr als zehn Zentimetern. Das wuchtige Insekt fliegt auf den See hinaus und platscht plötzlich ins Wasser. Es gibt keine Rettung. Die glücklose Ameise ertrinkt und sinkt in die Tiefe. Erstaunlicherweise wird sie nicht von hungrigen Fischen bemerkt.

Tierische Juwelen aus dem Eozän

Knapp 47 Millionen Jahre später liegt das Tier in einem Plastikschälchen, festgeklebt auf Kunstharz und eingetaucht in Glyzerin. Ohne die schützende Flüssigkeit würde das Fossil schnell austrocknen und zerfallen, erklärt Sonja Wedmann von der Senckenberg-Forschungsstation Messel. Die Biologin leitet die wissenschaftlichen Grabungen in der Unesco-Weltnaturerbestätte Grube Messel in der Nähe von Darmstadt und ist gleichzeitig Expertin für die Erforschung urzeitlicher Insekten.

Rund 14.000 davon lagern im Keller der Station, alle wurden in der nahen Grube gefunden. Wedmann zeigt stolz einen versteinerten Prachtkäfer mit grünlich schillernden Flügeldecken. "Ich gehe davon aus, dass das noch die Original-Farben sind". Ein tierisches Juwel aus dem Eozän.

Ihren außergewöhnlich guten Erhaltungszustand verdanken die Messel-Fossilien eigentlich einer vulkanischen Explosion. Glühendes Magma stieg damals durch Risse im Tiefengestein empor und erreichte das Grundwasser. Dessen schlagartige Erhitzung ließ den dabei entstehenden Dampf mit gewaltigem Druck die Erdoberfläche aufreißen. Der circa einen Kilometer breite und ungefähr 200 Meter tiefe Krater füllte sich anschließend mit Wasser. So entstand vor 47 Millionen Jahre der "Messel-See", ein so genanntes Maar, wie man sie heute noch in der Eifel findet. Letztere sind allerdings nur wenige zigtausend Jahre alt.

Aufgrund seiner großen Tiefe bei einer relativ geringen Oberfläche zeichnete sich der Messel-See durch eine ökologische Besonderheit aus: Die untersten Wasserschichten stagnierten, es gab keinen Austausch mit der Oberfläche. Und somit auch keinen Sauerstoffeintrag. In der Tiefe entstand ein lebensfeindliches Milieu, in denen nur wenige spezialisierte Bakterienarten gediehen. Tote Tiere, die dort hinein sanken, konnten weder richtig verwesen noch Aasfressern als Speise dienen. Faulschlamm bedeckte die Kadaver und konservierte sie weitgehend - bis heute. Auch zahlreiche Pflanzenteile blieben so erhalten.

"Es messelt wieder"

Es dauerte schätzungsweise ein bis anderthalb Millionen Jahre, bis sich der Messel-Krater komplett mit Ablagerungen füllte und der See verlandete. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurden seine Reste beim Bau einer Eisenbahnlinie entdeckt. Aus dem Schlamm war im Laufe der Jahrmillionen ein stark wasser- und kerogenhaltiges Tongestein geworden, welches man eigentlich inkorrekt als Ölschiefer bezeichnete. Doch es ließen sich tatsächlich Mineralölprodukte daraus gewinnen. Der Abbau begann und schon 1900 bekam Messel eine eigene Raffinerie, die bis 1962 in Betrieb blieb.

"Das war eine sehr dreckige Industrie", erklärt Annette Wefer-Roehl, Geologin und Besucher-Betreuerin der Infostation am Eingang der Grube. Noch heute würden Messeler von ihren Großvätern berichten, die im petrochemischen Werk gearbeitet hatten und nach ihrer Pensionierung noch einige Jahre "aus der Haut rochen". Im zwölf Kilometer südwestlich gelegenen Darmstadt hieß es bei ungünstigem Wind: "Es messelt wieder".

Nach ihrer Stilllegung sollte die etwa 70 Meter tief ausgehobene Grube in eine riesige Mülldeponie umgewandelt werden - ein Vorhaben, welches zum Glück am massiven Widerstand einer Bürgerinitiative und der Gemeinde scheiterte. Der einzigartige Fossilienreichtum führte 1995 zur Anerkennung als "Weltnaturerbe der Menschheit" durch die Unesco.

Das berühmte Urpferdchen Propalaeotherium wurde hier entdeckt und auch "Ida", ein versteinertes Äffchen, das im Mai dieses Jahres die Fachwelt in Aufregung versetzte. Inzwischen ist das Areal nicht nur wegen der Anwesenheit längst ausgestorbener Spezies interessant. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich immer mehr Tier- und Pflanzenarten in der Grube angesiedelt, darunter auch solche, die längst auf der Roten Liste stehen.

Schlammfisch ohne Kopf

Der September zeigt sich an diesem Tag nicht gerade von seiner besten Seite. Morgens kann das Senckenberg-Grabungsteam zwar noch im Trockenen arbeiten und zeitweilig sogar die Sonne genießen, doch später ziehen immer mehr düstere Wolken auf. Auch heute werden wieder viele Fossilien gefunden. Grabungsleiterin Sonja Wedmann wundert das nicht. "Auf jeder Gesteinsplatte ist eigentlich etwas."

Routiniert spalten ihre Mitarbeiter die Schichten auf und prüfen diese mit geschultem Blick. Ein gut erhaltener, braun glänzender Schlammfisch kommt zum Vorschein. Die einzelnen Flossenstrahlen sind detailliert erkennbar, aber leider fehlt der Kopf. Vielleicht findet der sich später noch auf einer benachbarten Platte.

Gegen Mittag öffnet der Himmel seine Schleusen. Ein satter Dauerregen geht über der Grube nieder, an den bewaldeten Abhängen kleben bald Dunstschleier. Die soeben eingetroffene Besuchergruppe lässt sich dennoch nicht abschrecken und macht sich mit Annette Wefer-Roehl auf dem Weg. Das Personal der Infostation hat Regenschirme ausgeliehen.

Mehr als 20.000 Besucher pro Jahr

Die Führungen erfreuen sich immer mehr Beliebtheit, berichtet Betreuerin Wefer-Roehl. Gut 22.000 Personen jährlich erkunden so das Weltnaturerbe, die meisten von ihnen besuchen auch das Fossilien- und Heimatmuseum im Ortskern von Messel. Dort lassen sich versteinerte Fledermäuse, Schildkröten, Krokodile und anderes Urgetier bestaunen.

Beim Rundgang durch die Grube erklärt Annette Wefer-Roehl, wie die Landschaft vor 47 Millionen Jahren ausgesehen haben dürfte. Das Klima war zu jener Zeit wesentlich wärmer, tropisch bis subtropisch, betont sie.

Es regnet derweil unablässig weiter. Schlammige Rinnsale säumen die Wege, das Laub der nassen Bäume glänzt. Man späht in den weitläufigen, nun menschengemachten Krater und ahnt den See und den Dschungel. Damals, lange bevor es uns gab.



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