Extrembahnfahrer Andresen: Ein Monat Deutschland, 1. Klasse, 120 Euro

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Für 120 Euro 30 Tage lang quer durch Deutschland? Ja, das geht. Ein Rentner aus Biberach trickst die Bahn aus, indem er seine Reisen im Ausland starten lässt. Im Interview spricht er über Buchungskniffe, kreative Reisepläne und Schaffner, die er zur Weißglut treibt.

Kreative Streckenplanung: Günstig durch Deutschland reisen Fotos
Florian Fischer

SPIEGEL ONLINE: Herr Andresen, Sie sind leidenschaftlicher Zugfahrer. Seit Sie ein Schlupfloch im Ticketsystem der Deutschen Bahn gefunden haben, reisen Sie richtig günstig durchs Land. Mit welchem Trick?

Dierk Andresen: Es ist ganz einfach. Man kauft einen Fahrschein, der entweder im Ausland beginnt oder endet. Dadurch gilt das Ticket nicht zwei Tage wie üblich bei innerdeutschen Strecken, sondern 30 Tage. Das ermöglicht mir, mit Regional- und Fernzügen durch Deutschland zu fahren und viele Zwischenstopps auf dem Weg zum Zielort einzubauen, ohne jedes Mal neu lösen zu müssen.

SPIEGEL ONLINE: Und das im Nachbarland liegende Reiseziel ignorieren Sie?

Andresen: Ja. Man darf Teilstrecken, die auf einer Fahrkarte eingetragen sind, verfallen lassen. Ich steige also erst in meiner Heimatstadt, dem baden-württembergischen Biberach, ein und nicht in Österreich, wie es auf dem Ticket steht.

SPIEGEL ONLINE: Was war Ihre längste Fahrt?

Andresen: Mein Lieblingsticket ist das von Bregenz am Bodensee nach Münster und von dort aus über Leipzig nach Sassnitz auf Rügen - es gibt mir die größte Freiheit. Ich sehe dabei noch viel mehr vom Land, weil ich innerhalb eines Monats so oft aussteigen kann, wie ich will.

SPIEGEL ONLINE: Nennen Sie uns Beispiele!

Andresen: Bei einer meiner Reisen hab ich das Münster in Ulm, tolle Museen in Stuttgart und Frankfurt besichtigt und bin dann über Mainz und Koblenz linksrheinisch ins Ruhrgebiet gefahren. Das ist eine legendäre Bahnstrecke, auf dem Weg kommt man an der Loreley vorbei. Außerdem bin ich in Bremen und Hamburg ausgestiegen, habe mit dem Fahrrad die Lüneburger Heide erkundet und bin dann noch in Berlin und Leipzig gewesen. Das Tolle an dem Bregenz-Sassnitz-Ticket: Ich könnte auch eine ganz andere Strecke in Richtung Norden nehmen, zum Beispiel von Ulm über Rothenburg ob der Tauber und Hannover.

SPIEGEL ONLINE: Wie entscheiden Sie sich bei all diesen Möglichkeiten?

Andresen: Ich sehe mir gerne Ausstellungen an, lese also vor der Abfahrt Kunstzeitschriften und überlege, wo es sich lohnt, anzuhalten. Gibt es gerade eine gute Schau im Folkwang-Museum, geht's nach Essen. Wenn das Dortmunder U etwas zu bieten hat, fahre ich da hin.

SPIEGEL ONLINE: Teuer wird so eine ausgedehnte Deutschlandreise durch die Übernachtungen, oder?

Andresen: Mich ärgert es, dass ich den Trick so spät in meinem Leben herausgefunden habe - erst mit 64 Jahren. Wäre ich jünger, würde ich mich mit einem Schlafsack an den Strand legen. Aber Luxushotels brauche ich auch als Rentner nicht. In Frankfurt mag ich die Jugendherberge, die liegt in der Nähe der Museen. Ich übernachte auch oft bei Freunden, die in anderen Städten leben. Und ansonsten will ich es demnächst mal mit dem Couchsurfen probieren. Nachtzüge kann ich mit meinem Tickettrick übrigens nicht nehmen, da die reservierungspflichtig sind - das ist die einzige Einschränkung.

SPIEGEL ONLINE: Reservieren Sie sich immer einen Platz, um auf beliebten Strecken nicht im Gang stehen zu müssen?

Andresen: Nein, nie. Ich gönne mir aber den Luxus der 1. Klasse. Dafür habe ich mir die ermäßigte BahnCard50 für Senioren gekauft. Das Ticket von Bregenz nach Rügen kostet mich dann nur 118,10 Euro, und ich reise komfortabler. An den größeren Bahnhöfen kann ich so auch in den DB Lounges einkehren, bekomme dort kostenlos Essen und Getränke serviert, kann Zeitung lesen und mich ausruhen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel würde es Sie kosten, von Biberach nach Rügen zu fahren, wenn Sie nichts von dem legalen Spartrick wüssten - und wenn Sie in Hamburg und Berlin mehrtägige Zwischenstopps einlegen wollten?

Andresen: 255 Euro in der 2. Klasse ohne Ermäßigung. Mit meiner Bahncard50 für die 1. Klasse wären es 206 Euro. Diese höheren Preise kommen zustande, weil ich unter Berücksichtigung der Zwischenstopps drei separate Tickets kaufen müsste - eins von Biberach nach Hamburg, eins von Hamburg nach Berlin und eins von Berlin nach Sassnitz.

SPIEGEL ONLINE: Auf Facebook, auf Twitter und in Internetforen ärgern sich jetzt Bahnreisende darüber, dass Sie den Buchungstrick in einem Zeitungsartikel verraten haben.

Andresen: Ja, sie glauben, dass die Bahn dieses Schlupfloch nun abschaffen wird. Aber so einfach ist das nicht. Es gibt eine europäische Regelung, die besagt, dass internationale Bahntickets 30 Tage lang gültig sein müssen. Ich denke nicht, dass die Deutsche Bahn das umgehen kann. Außerdem würde sie zahlende Kunden vergraulen. Warum sollte sie das tun?

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Tipps für Leute, die jetzt auch ihre Rucksäcke schnüren und Gebrauch von Ihrem Trick machen wollen?

Andresen: Man muss nur kreativ sein. Eine gute Investition ist die Streckennetzkarte der Bahn. Die gibt es für drei Euro an jedem Schalter zu kaufen. Hier sind alle Verbindungen eingezeichnet - und man muss beim Betrachten der Landkarte nur noch überlegen, wo man immer schon mal hin wollte.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren die Schaffner in den Zügen auf Ihre individuellen Spartickets?

Andresen: Manche erkundigen sich interessiert, weil sie den Trick nicht kennen. Andere sind skeptisch und machen Fotos von meinem Fahrschein, um ihn später zu überprüfen.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie bei einer Fahrscheinkontrolle schon mal verunsichert?

Andresen: Nein. Ich nehme immer den Bahn.de-Ausdruck mit den Verbindungen mit. Manch ein Schaffner ärgert sich darüber wie Rumpelstilzchen - aber er muss das akzeptieren. Auf der Strecke Berlin-Leipzig-Berlin ist mal ein Kontrolleur ausgerastet, als ich ihm erklärte, wie mein Ticket funktioniert. Er wollte mich wegen Hausfriedensbruch anzeigen und schmiss mich aus dem Zug. Zum Glück wollte ich sowieso gerade aussteigen.

Das Interview führte Julia Stanek.


Ein paar weitere Anregungen zum Nachreisen finden sich auf der Internetseite Weberberg.de, einem Online-Stadtteilmagazin aus Biberach.

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1.
Tobi Lino 21.07.2013
Zitat von sysopAuf der Strecke Berlin-Leipzig-Berlin ist mal ein Kontrolleur ausgerastet, als ich ihm erklärte, wie mein Ticket funktioniert. Er wollte mich wegen Hausfriedensbruch anzeigen
ich frage mich bei solchen schilderungen wie die über den schaffner immer,was in diesen typen vorgeht. was juckt den das überhaupt?
2. Zugbegleiter
pankowfrank 21.07.2013
Es spricht wiedereinmal für das übersteigerte EGO einiger Mitarbeiter der DB, die sich für kleine Götter halten & Menschen aus dem Zug werfen wollen, nur weil sie sich normal verhalten und nur ihr ihnen zustehendes Recht in Anspruch nehmen alle regulären Sparmöglichkeiten zu nutzen. Solchen Zugbegleitern sollte man eine Fahrkarte spendieren mit dem Endziel Arbeitsamt/Jobcenter.
3. Weißglut auch beim Zwangsbahnfahrer
wortgewalt87 21.07.2013
Zitat von sysopFür 120 Euro 30 Tage lang quer durch Deutschland? Ja, das geht. Ein Rentner aus Biberach trickst die Bahn aus, indem er seine Reisen im Ausland starten lässt. Im Interview spricht er über Buchungskniffe, kreative Reisepläne und Schaffner, die er zur Weißglut treibt.
Tja, nicht nur die Schaffner, sondern auch alle Fahrgäste, die regelmäßig auf die Bahn angewiesen sind. Wenn die Bahn dieses Schlupfloch nicht stopfen kann, muss unsereiner auf dem Zwangsweg zum Buckeln mehr abdrücken, damit Leute dieses Stils gehobene Freizeitbeschäftigungen zum günstigen Tarif nachgehen können.
4. für all das,
gesell7890 21.07.2013
was einem die bahn tagtäglich antut mit klimaanlagen, nicht fuktionierenden toiletten, verspätungen, nicht-info, umgekehrte wagenreihung, nicht angezeigte reservierungen - dafür immer wieder preiserhöhungen: sollte diese art des reisens zur pflicht gemacht werden. bis die mal das wort service buchstabieren können.
5. Eine kleine Bahngeschichte
woschplay 21.07.2013
Vor einiger Zeit war ich mit meinem besten Freund in der dänischen Reichsbahn unterwegs. Wir entschieden uns spontan die Reiseroute zu ändern und buchten beim Schaffner um. Auf unsere frage, was wir nachzuzahlen hätten, lächelte er uns freundlichen an und antwortete:" Meine Herren sie sind hier in Dänemark, nicht in Deutschland....", die Umbuchug im Zug war selbstverständlich kostenfrei! Wie heissts doch in der Werbung der DB - Ein Service ihrer Bahn (lol).
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Zur Person
  • Florian Fischer
    Dierk Andresen, 64, reist leidenschaftlich gerne mit der Bahn durch Deutschland. Wie der Rentner aus Biberach beim Kauf seiner Tickets viel Geld spart, erklärt er auf der Internetseite Weberberg.de, einem Online-Stadtteilmagazin, das er betreibt.

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