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Härtsfeldbahn auf der Schwäbischen Alb: Liesele unter Dampf

Von Martin Cyris

Die Härtsfeldbahn auf der Schwäbischen Alb wirkt wie eine Modelleisenbahn in Übergröße. Die Museumszüge sind aber echt und tuckern durch eine sehr schöne Landschaft. Verspätungen gehören hier zum Fahrvergnügen.

Härtsfeldbahn auf der Alb: Verspätungen gehören zum Vergnügen Fotos
Martin Cyris

Hermann Hafner qualmt eine Zigarette. Der Dampflokführer legt ein kleines Päuschen ein, während es aus dem Kamin der alten Lok umso stärker qualmt. Hafners Kollege schippt eine Schaufel Steinkohle nach. Beide schwitzen aus allen Poren. Draußen brütet die Sonne, und im Führerhaus heizt die Feuerbüchse, wie der Ofen offiziell heißt, ein.

In der Feuerbüchse glüht schwere Steinkohle. Sie erzeugt die Bullenhitze, die nötig ist, um den Kessel der Lok zu erwärmen. Der zischend heiße Wasserdampf bringt sogar alte Damen auf Trab. "Liesele", so wird die schwarze Lokomotive genannt, ist Baujahr 1913. "Sie ist eine gutmütige Lok", sagt Hafner. Dabei war Liesele längst aufs Altenteil abgeschoben worden: auf einen Kinderspielplatz. Das war nach der Stilllegung der einstigen Härtsfeldbahn im Jahre 1972.

1986 wurde sie zurück in ihr altes Revier im Härtsfeld verfrachtet und acht Jahre lang restauriert. Nachdem endlich auch wieder Schienen lagen, konnte die Volldampfseniorin zurück aufs Gleis. Seit 2001 fährt sie als Museumsbahn ihre angestammte Strecke ab. Zumindest einen Teil davon. Denn der ehemals 55,5 Kilometer lange Gleisverlauf von Aalen nach Dillingen wurde nach der Stilllegung fast komplett abgebaut. "Nur noch wenige Meter Gleis in den Bahnübergängen blieben übrig", sagt Jürgen Ranger vom Härtsfeld-Museumsbahn e. V.

Ein Schwätzchen im "Schättere"

Start ist heute im Bahnhof Neresheim, Endstation ein paar Kilometer weiter am Halt Sägmühle, mitten im fast unverbauten Egautal. Mit an Bord: Kondukteure. Die Vorgänger der heutigen Zugbegleiter rekrutieren sich aus dem Härtsfeld-Museumsbahn-Verein. Zumeist sind es Eisenbahnfreunde, aber auch Heimatverbundene, denen das Härtsfeld am Herzen liegt. Die Hochfläche auf der Ostalb liegt abseits von den Touristenströmen im Dreieck Aalen-Nördlingen-Ulm.

Wacholderheiden, Trockenrasen, einsame Feldwege - die verträumt wirkende Landschaft ist etwas für Ruhesuchende. Wenn Liesele über die Schienen rattert, ist es freilich für ein paar Minuten vorbei mit der Stille. Die Härtsfeldbahn trug deshalb früher den Spitznamen "Schättere". Weil sie beim Fahren so ächzt und scheppert. Aber auch weil der Zug einst Treffpunkt war. "Ein Ort zum Schwätzen, zum Schättere", wie Jürgen Ranger erklärt.

Die Stopps an den Stationen dauern mitunter eine Idee länger als geplant. Vor allem die kleinen Fahrgäste kümmert es wenig, dass auch für Museumsbahnen ein Fahrplan gilt. Wie den fünfjährigen Luca: "Mami, ich muss mal!" ruft er. Der Schaffner nickt väterlich und gibt Signal zum Warten. Als der Junge endlich wieder auf dem Bahnsteig auftaucht, ertönt der Befehl: "Alles einsteigen, bitte!"

Der Schaffner stößt in seine Trillerpfeife, um sodann pflichtbewusst die Tickets zu entwerten. Oder besser: die Billetle. Ein Dialektbegriff, der auch im Lied von der schwäbischen Eisenbahn auftaucht. Bei Liesele handelt es sich immerhin um eine echte schwäbische Eisenbahn. Wenn auch nicht exakt um die besungene. Die Tickets bestehen übrigens aus jener Pappe, die Reisenden bis in die Achtzigerjahre an den Ticketschaltern der Deutschen Bundesbahn in die Hand gedrückt wurde. Und sie haben natürlich Originalformat: hochkant und nur etwa doppelt so breit wie ein USB-Stick.

Verspätungen gehören zum Vergnügen

Solche Spielereien sind möglich, weil die Museumsbahn nicht unter der Aufsicht der Deutschen Bahn steht. Kleinere Verspätungen gehören zum Freizeitvergnügen. Wenn Liesele im Bahnhof Neresheim losrollt, vorbei am fotogenen Kloster Neresheim und durchs Egautal, einem Karstgebiet mit Kalksteinterrassen und Bachauen, in denen sich Biber wohlfühlen, schlägt die Stunde von Hobbyfotografen und Nostalgiefans. Der Nostalgiebonus der Museumsbahn ist es wohl, weshalb beim Anblick des schwarzen Rauchs selbst mancher Umweltschützer beide Augen zudrückt.

Die schwarze Lok stiehlt selbst dem stolzen Benediktinerkloster Neresheim - der architektonischen Hauptsehenswürdigkeit im Härtsfeld - die Show. Die Passagiere nehmen freiwillig mit der Holzklasse vorlieb, mehr Komfort gibt es nicht. Und das Erlebnis soll schließlich originalgetreu sein. Der Triebwagen T33 kam in den Fünfzigerjahren zur Härtsfeldbahn. Sein knalliges Rot und das Eierschalenweiß sind Hingucker in der grünen Landschaft. Um das alte Ensemble wieder zu vereinen, wurden sogar Anhänger von der Nordseeinsel Langeoog zurückgeholt. Sie waren einst an die Inselbahn verkauft worden.

"Dort, wo es schön ist, können Museumsbahnen existieren", sagt Jürgen Ranger vom Härtsfeldbahnverein. Aus diesem Grund sei Baden-Württemberg auch bundesweit das Museumsbahnland Nummer eins, behauptet er. Niedersachsen habe zwar eine ähnlich hohe Zahl an historischen Zugstrecken. "Doch wenn man zählt, wo es dampft, dann liegt Baden-Württemberg vorne", sagt Ranger.

In drei bis vier Jahren sollen auf der Schwäbischen Alb 2,5 Kilometer Strecke hinzukommen. Dann wird die Härtsfeld-Museumsbahn am Härtsfeldsee enden, einem Naherholungsgebiet. Alles finanziert von Spenden und gestemmt in Eigenleistung des Museumsbahn-Vereins. Momentan ist die Fahrtzeit hin und zurück mit einer halben Stunde noch ein relativ kurzes Vergnügen.

Liesele wird bis dahin munter weiterfahren. Ihre Gelenke werden fleißig geschmiert und die Pumpe regelmäßig überprüft. Und sollte sie doch mal verschnupft sein, sprich eine Düse verstopft, kann sie auf viel Beistand hoffen. "Wenn Liesele kränkelt, ist der halbe Verein in Aufruhr", sagt Jürgen Ranger und lacht. Doch wenn sie übers Härtsfeld ächzt und scheppert, ist die Eisenbahnerwelt heil.


Information zur Härtsfeld-Museumsbahn: Regelfahrtage am 7. September, 5. Oktober und 7. Dezember (Nikolausfahrten), Sonderfahrtag am Tag des offenen Denkmals am 14. September. Dann ist auch das Härtsfeldbahnmuseum von 11 bis 12 Uhr und von 13 bis 17 Uhr geöffnet. Die Züge können von Gruppen privat gemietet werden. Ticket für Erwachsene: 6 Euro, für Kinder: 3 Euro, für Familien: 18 Euro.

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insgesamt 4 Beiträge
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1. schön :)
freeride4ever 12.08.2014
Einfach nur schön, dass der Verein das leistet und stemmt.
2. Des Bähnle
man 12.08.2014
hoisst Härtsfeldschättere!
3. Ooch, war das frueher schoen!!
papayu 13.08.2014
Da setzte man sich ins Holzabteil, oft sassen da schon welche und schon war man am Reden, Schwaetzen und so weiter.Man tauschte sogar Adressen aus, falls man mal wieder in die "Gegend" kommt, wurde man herzlich eingeladen.Meine erste Frau lernte ich im Bummelzug im Schwaebischen kennen. Und oft war so ein D(urchgangs)zug ueberfuellt. Da kam es schon vor, dass einen auf dem Koffer Sitzenden mal der Sitzplatz im Abteil angeboten wurde, solange mal sich die Beine vertrat. Und heute?! Da kommt man in FRA an und will nach STR. Dann rast man und muss eine steile Treppe hinunter. Unten steht ein ICE und bis man unten ist, issa wech und dann darf man warten. Der naechste ICE ist proppervoll und wenn man das Glueck hat, einen Sitzplatz zu ergattern, sitzen alles Taubstumme um einen herum. Moderne Zeiten eben!! NUR NET HUDLE, ein Spruch aus laengst vergangenen Zeiten. Frueher verspotteten wir die Amis mit ihrer Parole: TIME IS MONEY und jetzt werden wir verspottet.
4. das Wort
rbn 13.08.2014
so wie auch andere schwäbische Wörter, haben beide Wörter einen gemeinsam Ursprung. Weitere Beispiele; a "glads" Mädle, ein freundliches (englisch "glad") Mädchen. Ein schlechtes Weib ist eine "Schlutt", englisch "slut" und der Heuschober ist ein "Barn", english "barley", Getreide, Wer weiss mehr ?
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