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20. Juni 2012, 06:16 Uhr

135 Jahre Ohlsdorfer Friedhof

Ein Park für die Toten

Von Stéphanie Souron

Selbst Mitarbeiter sollen sich auf dem riesigen Gelände manchmal verlaufen: Der größte Parkfriedhof der Welt in Hamburg-Ohlsdorf beherbergt fast so viele Tote, wie Menschen in der Elb-Metropole leben - darunter jede Menge Prominente.

Die letzte Ruhestätte von Carl Hagenbeck ist gut bewacht. Unterhalb des efeuumrankten Gedenksteins liegt ein stattlicher Löwe und schläft in der Sonne. Die lange Mähne fällt wie ein Vorhang über sein Haupt, der Schwanz kringelt sich um die Hinterbeine. Seit Hagenbecks Tod 1913 liegt der Löwe dort. Der Künstler der Tier-Skulptur hat ganze Arbeit geleistet: Es sieht so aus, als müsste man nur mit den Fingern schnippen, um den schlafenden Löwen zum Leben zu erwecken.

Zur Beerdigung von Carl Hagenbeck war damals die halbe Stadt gekommen. "Der hatte mehr Trauergäste als der Hamburger Bürgermeister Johann Heinrich Burchard ein Jahr zuvor", sagt Helmut Schoenfeld. Der 79-Jährige, weiße Haare, kariertes Hemd, muss es wissen: Er führt das Archiv des Friedhofsmuseums. Dort recherchiert, sammelt, ordnet und bewahrt er die Lebensgeschichten der Toten des Ohlsdorfer Friedhofs auf. Von allen? "Nein, um Himmels Willen, das sind 1,4 Millionen. Das ist in einem Leben nicht zu schaffen", sagt Schoenfeld und lacht.

Größer als der Central Park in New York

Der Ohlsdorfer Friedhof, der am 1. Juli 135 Jahre alt wird, ist mit einer Fläche von 391 Hektar der größte Parkfriedhof der Welt. Er ist größer als der Wannsee oder der New Yorker Central Park. "Bitte beachten Sie, dass Fußwege sehr lang sein können", warnt die Friedhofsverwaltung die Besucher am Eingang. In der Tat: Wer die Anlage vom Haupteingang im Westen bis zum Ostzipfel schnurstracks abgeht, läuft 3,8 Kilometer, von Süd nach Nord sind es 2,2 Kilometer. Doch es gibt unzählige Nebenwege, Trampelpfade und Alleen.

Allein 17 Kilometer asphaltierte Straßen durchkreuzen den Friedhof, zwei reguläre Buslinien der Hamburger Verkehrsbetriebe fahren zwischen den 22 Haltestellen hin und her. Es gibt zwar einen Lageplan und 2800 Sitzbänke, wo man sich ausruhen kann. Doch bei 256.000 Grabstellen, 36.000 Bäumen, 800 Skulpturen, 15 Teichen und 12 Kapellen können Friedhofsbesucher durchaus die Orientierung verlieren. Selbst Mitarbeiter der Verwaltung suchen angeblich immer wieder nach Gräbern.

Um sich nicht hoffnungslos zu verirren, folgt man am besten einer organisierten Tour. Die meisten dieser Führungen haben ein spezielles Thema, eine nennt sich zum Beispiel "Prominente, Plastiken und Parklandschaft" und führt unter anderem am Grab von Oskar Troplowitz vorbei. "Hatte der nicht was mit Beiersdorf zu tun?", fragt eine Teilnehmerin. "Richtig", lobt die Frau vom Friedhof und erzählt, wie der Pharmazeut 1882 die Hamburger Firma Beiersdorf kaufte und sie mit Erfindungen wie Nivea, Labello und Leukoplast weltberühmt machte.

Troplowitz starb 1918. Er ist nur einer der zahlreichen Prominenten, die in Ohlsdorf ihre letzte Ruhe gefunden haben. Auch Hans Albers, Gustav Gründgens, Wolfgang Borchert und Inge Meysel liegen hier begraben. Im vergangenen Jahr wurde Carolin Wosnitza in Ohlsdorf bestattet, bekannt geworden als "Sexy Cora". Ihr Grab liegt direkt an der Hauptallee und wird von Puppen, Kuscheltieren und einem sehr großen sehr, weißen Engel bewacht.

3000 Euro pro Jahr für die Grabpflege

Doch Ohlsdorf ist kein reiner Stars-und-Sternchen-Friedhof. "Egal ob aus Hamburg oder Hanau: Jeder kann sich hier bestatten lassen", sagt Helmut Schoenfeld, der Archivar. Jeder, der über das nötige Kleingeld verfügt: 2500 Euro kostet ein Einzelgrab im exquisiten Rosenhain - plus rund 3000 Euro jährlich für die Grabpflege. "Urnenbeisetzungen und Einzelgräber in weniger exponierter Lage sind schon günstiger zu bekommen", sagt Schoenfeld.

Vielen Hamburgern ist ihr letzter Platz aber diese Investition wert. 5000 Beisetzungen finden hier jährlich statt. Es gibt viele Möglichkeiten, hier die letzte Ruhe zu finden; im Rosenhain, im Schmetterlingsgarten, in Mausoleen, Friedwäldern (für Urnenbestattungen im Wald), Kolumbarien (für oberirdische Urnenbeisetzungen) oder Wiesen (für anonyme Beisetzungen).

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren die innerstädtischen Friedhöfe Hamburgs zu klein geworden. Die Stadtverwaltung erteilte dem Architekten Wilhelm Cordes deshalb den Auftrag, aus den Ohlsdorfer Wiesen und Äckern einen Friedhof zu erschaffen. 1877 wurde er eröffnet. Von Anfang an hatte Cordes sein Werk als eine parkähnliche Anlage geplant. Die Natur sollte den Trauernden helfen, über den schmerzhaften Verlust hinwegzukommen.

Und die Schönheit der Gebäude: Das Krematorium von Ernst Dorn aus dem Jahr 1892 liegt etwas außerhalb des heutigen Friedhofs und beherbergt nun - nachdem dort 2003 kurzzeitig ein Restaurant eingezogen war - eine Schule. Beeindruckend ist auch das Mausoleum, das der Hamburger Rathausbaumeister Martin Haller für den Esso-Gründer Wilhelm Riedemann erschaffen hat. Der imposante achteckige Bau aus rotem Sandstein steht auf einem Hügel und fasst 24 Gruftzellen.

Zwei Millionen Besucher pro Jahr

Als nach Cordes' Tod 1917 Otto Linne den Ausbau der Anlage übernahm, änderte sich die Architektur abrupt. Statt verschlungener Wegeführungen, unorthodoxer Gewässerformen und exotischer Pflanzen legte Linne Wert auf Ordnung. Im Osten des Friedhofs, wo Linne Bauherr war, kreuzen sich die Wege fast wie ein Schachbrettmuster. Selbst die Wasserflächen wurden hier geometrisch angelegt. Die Reformbewegung hatte auch Einfluss auf die Grabmale: Größe, Form, Schrift und Ornamente wurden unter Linne streng reglementiert.

Zwei Millionen Besucher kommen laut Friedhofsverwaltung jedes Jahr nach Ohlsdorf - genau so viele wie auf den berühmten Pariser Promi-Friedhof Père Lachaise. Denn Friedhöfe sind inzwischen auch eine Touristenattraktion. In Ohlsdorf werden nicht nur Literatur-, Engels- und Prominentenführungen angeboten.

Für Vogelliebhaber bietet der Naturschutzbund Nabu "Bird Watching" an, im Juni zieht der blühende Rhododendron Gartenfreunde an und selbst Geocacher haben Schätze auf dem Gelände versteckt. An den Eingängen stehen Schilder, die darauf hinweisen, dass Ohlsdorf trotz allem ein Friedhof ist. Zelten ist also verboten, ebenso Angeln und Inline-Skaten. Untersagt ist es auch, "wild lebende Tiere zu fangen oder zu füttern." Carl Hagenbeck hätte sich also ein wenig zurückhalten müssen.

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