Hamburgs mobiler Musikclub: Kleine Bühne, große Freiheit

Von Oliver Lück

Rohrofen, Miniaturbühne, bunte Lichter: Wer den Mobile Blues Club in Hamburg besucht, betritt die Welt eines Mannes, der seinen Traum lebt. Hier bestimmen Kontrabass und Klavier den Rhythmus des Alltags - die Freiheit gibt Gratisvorstellungen auf einer Kultbühne.

Kultclub in Hamburg: Blues auf Rädern Fotos
Oliver Lück

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Es gab eine Zeit, da war eine Stadt wie Hamburg für einen Mann wie Thorsten Fixemer viel zu klein. Er hatte Schlosser gelernt, arbeitete von morgens bis abends und fühlte sich wie in einem Gefängnis. Er musste raus. Er wollte unterwegs sein. Er kündigte. Drei Jahre lebte er in einem ausgebauten Überlandbus. Er fuhr durch Deutschland, Spanien und Italien. Sein Geld verdiente er auf der Straße, als Musiker. Endlich konnte er dort sein, wo er sein wollte: überall. Hauptsache mobil und nicht festgenagelt an einem Ort.

Bis heute ist der 44-Jährige ein Reisender geblieben, auch wenn er längst wieder dort angekommen ist, wo er einst gestartet war: in Hamburg. "Es hat geklappt", sagt der Mann mit den halblangen blonden Haaren, "mein Traum ist wahr geworden." Und jeden Abend erfüllt er sich diesen aufs Neue, wenn er den Schlüssel aus der Manteltasche zieht, in das Schloss steckt, herumdreht und die Tür seines Musikclubs öffnet.

Vorne links: ein winziger Tresen. Ganz hinten: eine kleine Bühne mit einem alten Klavier. Links und rechts: Stühle und Sessel. Dazu ein schwarzer Brikettofen aus den fünfziger Jahren. Das Ganze auf knapp 30 Quadratmetern. Die fensterlosen Wände sind in einem kräftigen Rot gestrichen. Er hat viele Spiegel aufgehängt, die den schmalen Raum größer wirken lassen. Vermutlich ist der Mobile Blues Club der kleinste Musikclub der Hansestadt. Das Ungewöhnliche ist aber nicht seine Größe. Denn er hat etwas, was andere Bars und Konzerträume nicht haben: Räder.

Wer das Schulterblatt, die bekannteste Straße im Hamburger Schanzenviertel, bis zum nördlichen Ende geht, läuft automatisch an Fixemers bemaltem Anhänger vorbei. Er steht geschützt unter Robinien, Buchen und Kastanien am Rande eines großen Bezahlparkplatzes und erinnert an einen alten Zirkuswagen. "MBC Musik & Artistik" steht in geschwungener, roter und weißer Schrift auf den Seitenflächen. In Sichtweite liegt ein Bahndamm, wo sich die S-Bahn und die ICEs durch das Schanzenviertel schieben, wo einst das linksalternative Herz der Hansestadt schlug, und wo heute vieles gleich aussieht und die Currywurst 3,50 Euro kostet.

"Jeder Monat könnte der letzte sein"

Zwölf Meter lang, zweieinhalb Meter breit ist der alte Packwagen von Thorsten Fixemer. Eine Hausnummer gibt es nicht, aber ein Briefkasten hängt am niedrigen Holzzaun vor seinem Wagen. Die Adresse: Ecke Schulterblatt/Max-Brauer-Allee. Der Vorbesitzer transportierte in dem Anhänger Weihnachtsbuden. Fast 20 Jahre hatte er auf einem Acker in einem Industriegebiet nördlich von Hamburg gestanden und wurde vom Rost zerfressen.

Fixemer kaufte ihn zum Schrottpreis. Viele Monate saß er zunächst alleine darin, hörte Musik und überlegte. Seine Idee reifte. Bis irgendwann ein Freund kam und sagte: "Genug nachgedacht. Fang endlich an! Mach deinen Traum wahr." Also restaurierte er den Wagen, baute ihn zu einem mobilen Club aus und suchte sich einen Stellplatz mitten in der Stadt. Doch bald schon musste er den Platz räumen, weil er im Weg stand oder dort etwas gebaut werden sollte. Wieder und wieder passierte das. Meist musste er die Orte nach wenigen Wochen oder Monaten verlassen.

Thorsten Fixemer trägt einen Ring im linken Ohr und einen etwas zu großen Mantel, darunter ein gestreiftes Hemd und eine schwarze Weste. Seine tiefe, leicht raue Stimme passt zu dem Instrument, das er spielt: Kontrabass. Er liebt den Blues und hat eine eigene Band, Hasty Medicine. Vergleichsweise lange schon - seit März 2006 - darf er mit seinem MBC hier im Schanzenviertel parken. Jeden Monat zahlt er eine geringe Platzmiete, den Stromanschluss und den Tankwagen, der regelmäßig kommen muss, um die Toilette abzusaugen, die in einem kleinen Bauwagen untergebracht ist.

"Jeder Monat könnte der letzte sein", sagt er. Und dennoch hat er gegenüber anderen Clubs und Bars, die hohe Mieten zahlen müssen oder häufig Stress mit den Nachbarn haben, einen entscheidenden Vorteil: "Die Gewissheit, mobil zu sein, ist die größte Sicherheit, die ich haben kann. Meinen Laden wird es immer geben. Er ist unsinkbar."

Musikstudium auf der Straße

Schon früh entdeckt der gebürtige Hamburger seine Leidenschaft für große Fahrzeuge. Sein Vater hat eine Werkstatt für Reisebusse und zeigt ihm, wie man diese repariert. Als er zwölf ist, lenkt er das erste Mal einen der großen Busse über das Hofgelände. Nach seiner Schlosserlehre will er zur See und auf große Fahrt gehen. Er fängt an auf einer der England-Fähren. Im Maschinenraum. Ein Jahr lang pendelt er zwischen Hamburg und Harwich. Dann aber hat er genug von der Routine. Schnell wird ihm klar, dass er jede Form von Stillstand nicht aushalten wird. Er schmeißt den Job und ist erleichtert.

Dann verdient er sein Geld als Club- und Straßenmusiker, mehr als acht Jahre. "Ein intensives Musikstudium", nennt er das heute. "Die Straße war wie ein großes Schloss, für mich war es die absolute Befreiung von dem Leben davor, in dem ich mich immer zu eng gefühlt hatte. Alle Türen sind plötzlich aufgegangen."

Thorsten Fixemer zündet jetzt Kerzen an, räumt Getränke in die Kühlschränke und heizt den Ofen ein. "Es muss warm sein", sagt er, "sonst gehen die Leute gleich wieder." Noch ist sein Atem in kleinen Wölkchen zu sehen. Etwa eineinhalb Stunden braucht der Ofen für den kleinen Raum. Und wenn am Abend draußen die bunte Lichterkette angeht, werden die ersten Passanten stehen bleiben. Sie werden die Musik hören, die aus dem seltsamen Wagen kommt. Und die Neugierigen werden die Tür öffnen und hereinkommen. "Es ist eine sehr intime, private Atmosphäre. Als ob ich die Leute in mein Wohnzimmer einlade", sagt Fixemer, "ich lasse sie ein Stück weit hinein in meinen Traum."

"Heute: Live Musik" hat er mit Kreide auf eine Tafel geschrieben, die er draußen an den Zaun neben den Postkasten gehängt hat. Das Programm ist international. Allein im März spielen Musiker aus Frankreich, Israel, Australien, der Schweiz, Dänemark, Schweden und Deutschland im MBC. Und regelmäßig machen sich Bands aus ganz Deutschland auf die Reise nach Hamburg, um im Club auf Rädern aufzutreten.

"100 Prozent mobil"

Der Eintritt ist frei. Für die Künstler wird ein Hut herumgereicht. Knapp 40 Leute sind heute gekommen. Es ist Samstagabend. Der Wagen ist voll. Es wird schnell warm. Der Atem kondensiert an der gläsernen Eingangstür. Ein Mann aus Heidelberg steht mit Gitarre auf der Bühne. Er singt: "Spürst du diese Enge?" Und alle wissen, was gemeint ist. Wenn draußen die S-Bahn vorbeifährt, flackern drinnen die Lichter.

Elf ausgebaute Wagen hat Thorsten Fixemer auf seinem Hof stehen, den er im südlichen Schleswig-Holstein gepachtet hat. Drei davon vermietet er für Geburtstags- oder Betriebsfeiern. Und im Sommer ist er mit einem der kleineren Anhänger in Hamburg unterwegs. Während der Schulferien wird ein fahrendes Theater daraus, in dem Kinder und Jugendliche eigene Stücke proben und in ihren Stadtteilen aufführen können. Geld verdienen kann er damit nicht, "aber es ist eine gute Sache", sagt der dreifache Familienvater, der einen gemeinnützigen Verein für Kunst und Kultur gründen will. "Wenn es Leute gibt, die ihr Geld in eine gute Idee umwandeln möchten und uns mit Spenden unterstützen wollen, wäre das natürlich hilfreich."

Thorsten Fixemer ist ein Träumer, das sagt er selbst. Und er erzählt auch gerne von seinen Ideen. Allerdings nur von denen, die sich auch umsetzen lassen. Eine davon geht so: Einen bereits rundum verglasten Wagen, der bei ihm zu Hause steht, möchte er so ausbauen, dass man darin sicher durch die Stadt fahren kann. "Wie in einem gläsernen Salon. Mit zehn Stundenkilometern durch Hamburg. Mit einer Band an Bord. Die Gäste können unterwegs ein- und aussteigen. Wie auf einer Barkasse."

Mit ausgebreiteten Armen steht er jetzt da, wie ein Dirigent. "100 Prozent mobil", betont er noch einmal. Und seine Augen leuchten, als er das sagt.

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1. photos
soundflow 19.03.2012
schöner artikel, aber leider furchtbare photos, das hat der mbc nicht verdient!
2. Rekurrenz der Inkompetenz
rosawolke 20.03.2012
Irgendwie finden sich immer wieder Journos, die bei SPON über das Schanzenviertel tangierende Thematik schreiben müssen, dann zum ersten Mal hinfahren und knallhart recherchierte Weisheiten berichten. So lernt man hier, dass das nördliche Ende des Schulterblatts, die bekannteste Straße im Hamburger Schanzenviertel, schon mit der Kreuzung Max-Brauer-Allee beim MBC erreicht ist. Mit der Bekanntheit der Straße kann es ja dann nicht so weit her sein. Nicht hilfreich ist, dass man der Straße weiter in den Norden folgend, ihrem tatsächlichen nördlichen Ende zu, den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes an der Ecke Amandastraße passiert. Dort wird man sich bei derartigen Suchen nicht zuständig fühlen.
3.
Ty Coon, 20.03.2012
Zitat von rosawolkeIrgendwie finden sich immer wieder Journos, die bei SPON über das Schanzenviertel tangierende Thematik schreiben müssen, dann zum ersten Mal hinfahren und knallhart recherchierte Weisheiten berichten. So lernt man hier, dass das nördliche Ende des Schulterblatts, die bekannteste Straße im Hamburger Schanzenviertel, schon mit der Kreuzung Max-Brauer-Allee beim MBC erreicht ist. Mit der Bekanntheit der Straße kann es ja dann nicht so weit her sein. Nicht hilfreich ist, dass man der Straße weiter in den Norden folgend, ihrem tatsächlichen nördlichen Ende zu, den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes an der Ecke Amandastraße passiert. Dort wird man sich bei derartigen Suchen nicht zuständig fühlen.
Ist das nicht ein bißchen kleinlich, hier einen Fauxpas herauszugreifen und ansonsten mit keinem Wort auf den Inhalt des Artikels einzugehen? Daß die Eimsbütteler Chaussee in der Tat erst weiter nördlich beginnt, dürfte selbst langjährigen Schanzenbewohnern nicht immer bekannt sein. Kleinklein. Darüberhinaus: Find ich toll, daß "Spon" hier mal einen Rumtreiber und Idealisten porträtiert, der sich seit Jahren schon für sein MBC in der Schanze abrackert und so gut wie kein Geld dafür sieht. Das MBC ist eine schöne Bereicherung für die Ecke, und mit etwas Glück kann man da hinreißende Auftritte erleben. Mit etwas Pech auch mal einen lustigen Trash-Abend. :)
4. Stehen bleiben oder weiterfahren?
Einszweidreivorbei 20.03.2012
Zitat von rosawolkeIrgendwie finden sich immer wieder Journos, die bei SPON über das Schanzenviertel tangierende Thematik schreiben müssen, dann zum ersten Mal hinfahren und knallhart recherchierte Weisheiten berichten. So lernt man hier, dass das nördliche Ende des Schulterblatts, die bekannteste Straße im Hamburger Schanzenviertel, schon mit der Kreuzung Max-Brauer-Allee beim MBC erreicht ist. Mit der Bekanntheit der Straße kann es ja dann nicht so weit her sein. Nicht hilfreich ist, dass man der Straße weiter in den Norden folgend, ihrem tatsächlichen nördlichen Ende zu, den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes an der Ecke Amandastraße passiert. Dort wird man sich bei derartigen Suchen nicht zuständig fühlen.
"Ha ha, da hat jemand einen Fehler gemacht!!! Und ich habs gemerkt!!!" Gut aufgepasst, rosawolke! Leider ist dein Kommentar das, was die Schanze schon lange geworden ist: Egal. Aber immerhin zeigen deine Sätze sehr schön, was vor der Haustür des MBC passiert: Das kleinkarierte Spießbürgertum hält weiterhin Einzug... Das Gute ist: Der MBC wird einfach weiterfahren. Andere dagegen bleiben stehen und regen sich über Kleinigkeiten auf.
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Zur Person
Nadide Fuchs

Oliver Lück, Jahrgang 1973, lebt als freier Journalist und Fotograf zwischen den Meeren in Schleswig-Holstein. Für die SPIEGEL-ONLINE-Serie "Lück und Locke" war er mit Hund und Wohnmobil in Europa unterwegs.

Für "16 Länder, 16 Leben" wird Lück jeden Monat aus einem anderen deutschen Bundesland berichten.

Webseite Lück und Locke


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