Hausboottour rund um Berlin: Wo Männer Seebären sein dürfen

Leinen los auf dem Canower See! Sturmerprobte Wellengänger und Nachwuchskapitäne finden hier ihr Revier - wie Marc Reisner und seine junge Crew. Per Hausboot wagen sie sich auf die Seen und Kanäle rund um Berlin. Ihr Ziel: der Schiffbauerdamm mitten in der Hauptstadt.

Hausboot-Herbsttour: Schleusenabenteuer und Kinderkapitäne Fotos
Marc Reisner

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An der Pier stapeln sich Taschen, Koffer und Kleinzeug - was sechs Crewmitglieder - vier davon höchstens zehn Jahre alt - so alles anschleppen! Da muss der erste Mann auf dem Hausboot zum Lademeister werden. Alles so unter Deck zu verstauen, dass man es rasch wiederfindet und die schmalen Gänge trotzdem frei bleiben, ist die erste Herausforderung der einwöchigen Tour auf Seen und Kanälen rund um Berlin.

Gleichzeitig geht der Blick prüfend über die Hafenanlage. Das Ablegemanöver sollte kein Problem darstellen. Eigentlich, denn da steht dieser massive Pfahl, gewissermaßen direkt in der Ideallinie. Diesel vorglühen, zünden. Blubbernd dreht die Schraube leer im grünen Wasser. "Leinen los!" Als Kapitän muss man klare Kommandos geben, da kann es schon mal hektisch und laut werden, aber ganze Kerle halten das aus. Gashebel vorsichtig nach vorn geschoben, rund zwölf Tonnen Fiberglas und Stahl schieben sich langsam aus der Reihe dümpelnder Hausboote.

Ruder hart rechts, also nach Steuerbord, wie wir Seeleute sagen. Komm schon, komm schon! Der Bug des Dickschiffs bewegt sich nur sehr zögerlich zur Seite. Und aus dem Hafenbüro gegenüber schauen schon neugierig - und ein wenig besorgt? - die Mitarbeiter der Verleihfirma. Also doch: Bugstrahlruder ein. Das typische elektrische Heulen ist peinlich - aber wir haben die richtige Richtung eingeschlagen.

Quer zwischen die Tore

Für Entspannung ist keine Zeit, denn die Marina Wolfsbruch, nicht weit vom malerischen Städtchen Rheinsberg, liegt an einem Kanal zwischen Tietzowsee und Canower See. Das bedeutet: keine 300 Meter weiter in die erste Schleuse. Mit demonstrativer Gelassenheit sitzt der Kapitän hinterm Steuerrad und gibt seine Anweisungen: Rechts festmachen, erst hinten - na gut, an der Sprache muss er noch feilen. Aber als sich die Tore hinter uns schließen, liegt das Boot gut vertäut.

Am Canower See reihen sich Bootshäuser und kleine Wochenendhütten unter märkischen Kiefern, wir schieben uns mit acht, zehn, zwölf km/h daran vorbei. Dann ist Schluss mit der Beschleunigung, denn Hausboote dürfen auch ohne Sportbootführerschein bewegt werden, und da gelten enge Tempolimits.

Egal, der große Motor brummelt willig und schiebt uns Richtung untergehende Sonne. Durch Canow wird noch einmal geschleust. Vier Boote warten schon auf Einfahrt. Unruhig wird es erst, als ein fünfter Schipper sich einreihen will und mit seinem Horn unwillig Platz fordert. Beim Einfahren in die Schleuse schafft es der Ankömmling dann tatsächlich, sich zwischen den Toren schräg zu stellen. Zehn Minuten rangiert er vor und zurück. Wir anderen schauen uns kopfschüttelnd an.

Das Hin und Her hat Zeit gekostet. An der nächsten Schleuse bei Diemitz sehen wir gerade noch den Wärter in sein Auto steigen - das heißt Schluss für heute. Wir machen am Warteplatz für die Nacht fest und genießen die erste Mahlzeit an Deck. Das ist natürlich Labskaus aus der Dose. Die Jungs verweigern allerdings den braunen Mampf, ebenso wie Hering und Rote Beete und tun sich an den Gewürzgurken gütlich. Danach droht die erste Meuterei, als die Mannschaft lautstark die Herausgabe weiteren Proviants - Gummibärchen - fordert. In der Dämmerung klettern wir über die Schleusentore und finden eine Kneipe. Da dürfen die Jungs noch eine große Schorle kippen.

Leichtmatrose über Bord!

Der nächste Tag beginnt ruhig. Ein Anflug von Heimweh, kein Klo ist verstopft, die Heizung arbeitet. Richtig aufregend wird es erst mitten auf dem See, als ein anderes Hausboot kurzentschlossen vor uns kreuzt und dabei einige Wellen verursacht. Prompt geht Henri, einer der Leichtmatrosen, über Bord, fängt sich aber gerade noch außen an der Reling und hängt nun der Länge nach vor dem Kombüsenfenster. Mit einem beherzten Zupacken an der Schwimmweste hieven wir ihn wieder an Deck. Tja, auch auf dem Hausboot gilt die Regel: "Immer eine Hand fürs Schiff..."

Wir ankern - ein Erlebnis für jede Landratte. Geschätzte Tiefe des Wassers, Länge der Ankerkette (wo im Kapitänshandbuch steht das nochmal?), das irgendwie im Kopf und auf die Schnelle mit dem Pythagoras... wird schon irgendwie passen. Trotzdem geht unser Blick während des Mittagessens misstrauisch immer wieder Richtung Ufer. Sind wir jetzt nicht ein ganzes Stück näher dran?

Dann sitzt die Mannschaft in der Herbstsonne. Es duftet nach kaltem Wasser - und ein bisschen nach totem Fisch. Die Jungs trauen sich noch einmal hinein, bis ein neugieriger Schwan sie wieder auf die Badeleiter scheucht. Dann schnell eine warme Dusche - wie wunderbar, dass wir diesen Luxus haben. Die Schiffsleitung muss die Durchgefrorenen allerdings noch in das Abpumpen des Brauchwassers einweisen. Vergisst man das, überschwemmt die Seifenlauge bald das Unterdeck.

Das nächste schiffsfahrerische Highlight ist die gewundene Oberhavel mit ihren wunderbaren, aber schwer einsehbaren Kurven, die durch die Schorfheide mäandert, was den Jungs, die abwechselnd steuern dürfen, einiges abverlangt. Manchmal stehen an den Ufern Holzpfähle, die die Erde stabilisieren. Mit einem halblauten "flapp, flapp, flapp" bricht sich unsere Heckwelle daran.

Der Kapitän ist mächtig stolz

Auf weiten Wiesen stehen ein paar Kühe; eine abbruchreife Industriemühle; das grünbraune Blätterdach; Fischreiher, die mit langsamen, kräftigen Flügelschlägen das Weite suchen, wenn wir herantuckern - überall gibt es etwas zu bestaunen.

Und alles ist so friedlich. Außer als Lucas in der Schleuse das Tauende erst um den Stahlbügel zum Festmachen herum- und dann wieder aufs Boot zurückführt. Dadurch kommt nämlich das obere Ende unter das untere, wird eingeklemmt - und strafft sich sofort bedenklich. Anfängerfehler! Bevor das ganze Schiff in Schieflage gerät oder gar die Klampe abreißt, stoppt der Schleusenmeister den Wasserabfluss und lässt uns wieder einen Viertelmeter steigen. Gerettet. Darauf ein kühles Bier, Malz natürlich.

Dann meistern wir noch die Lehnitz-Schleuse, immerhin mehr als fünfeinhalb Meter geht es dort nach unten. Da müssen wir die Taue an Haltestangen mitrutschen lassen, damit die Besatzung nicht irgendwann vom falschen Seilende in die Höhe gelupft wird. 125 Meter ist das Becken lang, fast zwölf Meter breit - gigantisch.

Wir nähern uns Berlin. Am Nieder Neuendorfer See finden wir einen Anleger, an dem wir für die Nacht festmachen wollen. Tatsächlich klappt auch diesmal alles. Der Kapitän ist mächtig stolz. Der Crew ist das egal, sie watet neben dem Steg ins Wasser und birgt innerhalb weniger Minuten einen ganzen Berg an Schätzen: Süßwassermuscheln, die schon stinken, als sie noch auf den Bohlen liegen.

Ein letztes Mal die Leinen festmachen

Eine perfekte Anlege gelingt auch einen Tag später mitten in Berlin. Nach ein paar Kilometern die Spree hinauf gibt es tatsächlich einen freien Liegeplatz am Schiffbauerdamm. Die ganze Mannschaft hat Landgang, bummelt Unter den Linden entlang, bewundert das Brandenburger Tor, bestaunt den Reichstag. Dann bugsieren wir uns wieder ins Fahrwasser, schieben uns an anderen Sportbooten vorbei, lassen die großen Ausflugsschiffe vorbei und warten, bis sie - zentimetergenau - auf dem Fluss gedreht haben.

Zum Abschluss ruft der technische Dienst. Die Matrosen erklären sich für nicht zuständig, also muss der Kapitän selbst den Absaugschlauch holen und den Abwassertank leeren. Keine schöne Aufgabe, zumal die Mündung des Schlauchs nur auf die entsprechende Öffnung an Bord gedrückt wird, jedes Wackeln womöglich übelriechende Folgen hat. Dann gilt es noch, das Boot in eine schmale Box zu bugsieren, obwohl der Wind kräftig weht und die Strömung drückt. Aber auch dieses Manöver gelingt - ganz ohne Bugstrahlruder. Und zum letzten Mal machen die Jungs - inzwischen ganz geübt - die Leinen fest.

Marc Reisner, SRT

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insgesamt 4 Beiträge
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1. landratte
papayu 03.10.2011
Sach mal, gibt es beim Spiegel nur Landratten? Das ist ja furchtbar zu lesen. Und das noch aus HH. Kleine Frage! Wo ist Backbord, rechts oder links? Antwort: LINKS, da der Kapitaen Rechtshaender war, als er dem Schiffsjungen es handgreiflich beibrachte. PS: Es gibt immer noch zu viel "Reiche" in Deutschlands Landen!
2. Seekarte
Kasse74 03.10.2011
also, wenn man in Marina Wolfsbruch losfährt und durch die Schleuse Kleinzerlang zur Schleuse Canow fährt und dann weiter zur Schleuse Diemitz ist man auf dem Weg zur Müritz und nicht zur Oberhavel, da hätte man zur Schleuse Strasen fahren müssen. Der Schreiber dürfte wohl kaum der Skipper gewesen sein, sonst hätte das Boot ohne Bugstrahlruder vor jeder Schleuse quer gelegen. Als Schulaufsatz in der Mittelstufe hätte man wohl noch ne 4 bekommen, aber ansonsten der Artikel ist einfach albern. Ob sich dadurch jemand zum Hausbootfahren angezogen fühlt?
3. Hausboottour rund um Berlin: Wo Männer Seebären sein dürfen!
Brigitte68 11.11.2011
Hallo, dieser Bericht liest sich aber wundervoll, wenn ich wieder mal in der Gegend bin werde ich auch solch eine Schiffsfahrt genießen! Ich freue mich schon darauf! Lieber Gruß
4. Hausboot Berlin
j.steiger 29.02.2012
Ich kann den Bericht nur bestätigen. Kleine Ergänzung zum Anleger Schiffbauerdamm: Frühzeitig Platz sichern mit dem Boot, sonst sind alle Plätze belegt. Hausboot mieten in Berlin (http://www.marina-lanke.de/segelschule-berlin/hausboot-mieten/hausboot-mieten-berlin/) ist besonder geeignet die Hauptstadt abseits der Trampelpfade kennenzulernen.
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