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Pilger in Stade: Das leere Grab von Himmelpforten

Von Angelika Franz

Liebe, Intrige und Mord - vor den Toren Hamburgs spielte sich vor knapp 180 Jahren ein Drama ab. Am Ende wurden eine junge Frau und ihr Geliebter hingerichtet. Doch wo sind ihre Leichen?

Drama in Stadt: Die Geschichte von Anna und ihrer Tat Fotos
Dietrich Alsdorf

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In der Kirche von Horst hat sich nicht viel geändert seit dem 9. November 1832. Es riecht ein klein wenig nach frischer Farbe, doch darunter hängt schwer der klamme Geruch der Feldsteine, aus denen die Wände vor Jahrhunderten aufgeschichtet wurden. Obwohl draußen die Sonne brennt, herrschen drinnen eher die Temperaturen einer Gruft.

Der Steinfußboden ist heute noch der, über den Anna Spreckels vor rund 180 Jahren zu ihrer unglücklichen Trauung ging. Viele Schritte musste sie nicht zurücklegen vom Eingang bis vor den Altar: Die kleine Kirche fasst nur wenige Bankreihen. Neben der Tür liegt ein Gästebuch. Wünsche für Verwandte und Kinder haben Besucher dort hineingeschrieben. Aber auch: "Wir sind hierher gekommen, um Anna aus Blumenthal zu gedenken."

Jährlich zieht es Touristen in den kleinen Ort in der Nähe von Stade. Noch immer bewegt das Schicksal von Anna die Menschen: Sie ist 24 Jahre alt, als sie 1832 in der Kirche von Horst neben ihrem zukünftigen Ehemann steht. Doch sie ist keine glückliche Braut. Der Mann neben ihr ist 31 Jahre älter als sie. Cord Meyer hat Anna nie gefragt, ob sie seine Frau werden will. Die Ehe war ein Handel zwischen ihm, Annas Vormund Otto Spreckels und ihrer Mutter, die sich mit der Hochzeit einen gesicherten Lebensabend auf dem Hof ihres Schwiegersohns erkaufen wollte.

Tod durch den Scharfrichter

Anna selbst hatte für sich erträumt, ihren Geliebten Claus zu heiraten - doch der diente damals beim Militär in Stade. Was Anna noch nicht weiß, als sie sich mit ihrem "Ja" dem Willen der Verwandten beugt: Es ist Claus' Vater, den sie an diesem Tag ehelicht.

Die Geschichte von Anna und Cord ging nicht gut aus. Der Alte machte seiner Frau und seinem von den Soldaten heimgekehrten Sohn das Leben zur Hölle. Demütigungen und Schläge waren an der Tagesordnung. Am 11. März des folgenden Jahres rächten sich Anna und Claus. Und erdrosselten ihren Peiniger.

Doch die Tat flog auf: 1835, zwei Jahre später, starben die beiden selbst durch das Schwert des Scharfrichters - die Hinrichtung geriet zum Massenspektakel. Doch schon damals sympathisierte die Bevölkerung mit den beiden jungen Leuten.

"Auch heute noch bewegt Annas Geschichte die Menschen", sagt Dietrich Alsdorf, während er durch das Gästebuch der Horster Kirche blättert. Er hat die Geschichte aufgeschrieben. 2007 erschien sein Roman "Anna aus Blumenthal". "Es gibt inzwischen regelrecht eine Art Anna-Tourismus", sagt er.

Neben der Kirche von Horst ist ein weiteres Ziel der Besucher der Richtplatz außerhalb von Himmelpforten. Den etwa mannshohen Hügel von rund 20 Metern Durchmesser gibt es schon lange nicht mehr. Die Bauern der Umgebung hatten ihn eigens für die Hinrichtung auf Anordnung des Amtes errichten müssen - und trugen ihn bereits wenige Wochen nach dem Ereignis wieder ab.

Doch seit 2011 steht in etwa 200 Metern Luftlinie von dem ursprünglichen Ort der Hinrichtung entfernt eine Nachbildung. Die Kuppe des Hügels markiert ein großer Stein, darauf ein rostiges Kreuz mit dem sterbenden Jesus.

Schulkinder sangen für die Todgeweihten

Am 24. Juli 1835 drängten sich Tausende von Schaulustigen um den Hügel. Einige waren von weither angereist und warteten schon seit Stunden. Alsdorf zeigt durch die Bäume auf den Weg nach Himmelpforten: "Von da kamen sie dann endlich."

Vorneweg ritten die Dragoner, dahinter der Scharfrichter - sein Schwert in ein schwarzes Tuch gehüllt. Die Verurteilten konnte die Menge noch nicht sehen. Denn die Bauern schirmten die zwei Pflugschlitten, auf die Anna und Claus gefesselt waren, vor neugierigen Blicken ab. Hinter den Schlitten folgten die Schulkinder von Himmelpforten und begleiteten den Zug mit ihrem Gesang.

In der Mittagssonne sieht es hier friedlich aus. Doch in der Nacht, wenn der Wind in den Ästen der Bäume raschelt und Wolken sich vor den Mond schieben, möchte man nicht unbedingt den Weg zum nachgebildeten Richtplatz entlanggehen. Der eigentliche Ort der Hinrichtung lag auf der anderen Seite des Weges.

Das Gelände ist in Privatbesitz, ein Wildruhegebiet - und eingezäunt, um unwillkommene Besucher abzuhalten. Doch das gelingt nicht immer. Ein Holzkreuz ragt aus der trocken raschelnden Blätterschicht des Waldbodens. "Anna & Claus" steht in schnörkeliger Schrift darauf. Über den Namen prangt eine Rose mit gebrochenem Stiel. Doch dieses Kreuz stammt nicht von Alsdorf. "Das haben Anna-Fans hier aufgestellt", erzählt er. Das Holzkreuz markiert das Grab, in das man Anna und Claus nach der Hinrichtung legte.

Spuk am Tatort?

Alsdorf, der für die archäologische Denkmalpflege des Landkreises Stade arbeitet, fand es bei einer Ausgrabung im Jahr 2007. Doch die Grabstelle war leer. Zwar hoben die Ränder der Grube sich deutlich im Untergrund ab - aber von den Hingerichteten fehlte jede Spur. "Als man den Richthügel abtrug, hat man das Grab wahrscheinlich mit geräumt", vermutet Alsdorf. "Und die beiden still und heimlich doch auf dem Friedhof in geweihter Erde bestattet. Hier draußen mochte man sie nicht liegen lassen."

Der Hof von Cord Meyer - der Tatort des Mordes - steht heute nicht mehr. Er brannte in der Nacht des 24. März 1874 bis auf die Grundmauern ab und wurde nicht wieder aufgebaut. Das Nebenhaus aber, das Cord Annas Mutter als Altenteil versprochen hatte, wurde umgebaut und dient heute als Wohnhaus. Die Besitzer erlaubten Alsdorf vor einigen Jahren, in ihrem Garten nach den Spuren des alten Hofes zu suchen.

Mit den alten Vermessungsplänen in der Hand konnte man den Aufbau des Hauses rekonstruieren - und damit auch die genaue Stelle, an der Anna und Claus dem Ehemann und Vater die Schlinge um den Hals legten. "Der Besitzer hat mir versichert, dass es hier nicht spukt", sagt Alsdorf und lacht verschmitzt. "Aber das glaube ich nicht."

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insgesamt 13 Beiträge
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1. Immer wieder aufgewaermt.
Ursprung 10.02.2015
Diese im Prinzip unschoene Kamelle wird wohl alle paar Jahre wieder als Artikel neu aufgewaermt.
2. @Ursprung
hh-jung 10.02.2015
Zitat von UrsprungDiese im Prinzip unschoene Kamelle wird wohl alle paar Jahre wieder als Artikel neu aufgewaermt.
Aber stellen Sie sich vor ... ich kannte diese Geschichte noch nicht.
3. ich auch ...
panzerknacker51 10.02.2015
Zitat von hh-jungAber stellen Sie sich vor ... ich kannte diese Geschichte noch nicht.
nicht
4. Kriminalroman
sebva 10.02.2015
Warum erwähnen Sie den Krimi Dietrich Alsdorfs "Abels Blut" nicht, der genau diese Geschichte - wie ich finde: sehr lesenswert - belletristisch verarbeitet?
5. Einseitige Darstellung?
Pless1 10.02.2015
Man muss nur eine passende Geschichte weben und schon symphatisiert die Masse sogar mit Mördern, offensichtlich ohne die Darstrellung zu hinterfragen. Der ermordete Ehemann und Vater wird als Tyrann dargestellt, die Jungen als Opfer. Das kann stimmen, muss es aber nicht. Und die mit der Heirat verbundene materielle Absicherung kam ja nicht nur der Mutter der Braut zugute sondern auch ihr selbst, das war damals ein enormer Wert, den viele mit dem heutigen Lebenshorizont kaum noch ermessen können. Hat die "arme Anna" erst einmal zwar nicht aus Liebe, aber aus Vernunft oder gar aus Beerechnung geheiratet und sich dann in ihren Stiefsohn verliebt, um dann mit diesem gemeinsam den Ehemann und Vater aus dem Weg zu schaffen? Wurde der Ehemann gewalttätig, weil er erkannte, dass ihn seine Frau mit dem eigenen Sohn betrog? Das Mordopfer können wir nicht mehr fragen. Niemand kann wohl heute mehr das objektive Bild des damaligen Falles rekonstruieren. Wer war Täter, wer Opfer? Eines kann man jedoch hier wieder gut ablesen: Das einzig Gute an der "guten alten Zeit" ist, dass sie vorbei ist.
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