Was Matilda am Wochenende vorhat? "Wir schauen Hirschen beim Sex zu", hat sie in der Schule erzählt. Sex klingt bei ihr eher nach Sääääks. Matilda ist acht Jahre alt und sieht aus wie Pippi Langstrumpf: rote lange Haare, Sommersprossen und je einen grünen und einen schwarzen Stoffturnschuh. Sie ist die beste Freundin meines Sohnes Paul, einem Blondschopf mit blauen Augen, und zusammen gehen wir auf die Pirsch in den Harz. Dort hat die Hirschbrunft begonnen, und wir wollen die Tiere in flagranti erwischen.
Wenn die Tage kürzer werden und die Nächte kühler, wenn es also Zeit zum Kuscheln wird, dann machen sich die Hirsche auf die Suche nach den Damen. Beim Rotwild leben Männlein und Weiblein den größten Teil des Jahres in getrennten Rudeln. "Kinderaufzucht und so ein Kram ist den Hirschen zu stressig, die brauchen Ruhe", erklärt Gustel Bock, der Förster im Nationalpark Harz.
Stressig ist offenbar auch die Erzeugung des Nachwuchses: Nur drei bis vier Wochen im Jahr sind die Tiere in der richtigen Stimmung, um die Kinder zu machen, die ihnen dann zu anstrengend werden. Man kann die Zeit genau vorhersagen. "Wäre schön, wenn das bei den Menschen auch so wäre", sage ich zu Paul, der mich verständnislos ansieht. Was wissen Siebenjährige schon von den Mühen der Partnersuche?
Hirsche? Hügel? Harz!
Nirgends in Deutschland kann man Hirsche besser beobachten als im Harz, hatte die Frau vom Harzer Tourismusverband versprochen. Der Nationalpark Harz liegt dort, wo Niedersachsen an Sachsen-Anhalt grenzt. Er ist mit 25.000 Hektar ungefähr zweieinhalbmal so groß wie Sylt. Eine hügelige Landschaft, in der gemeine Flachländer gerne mal reisekrank werden, wenn ihr Auto von Kurve zu Kurve schaukelt. Fichten stehen in Reih und Glied an den Hängen. Ihr Nadelholz wurde früher für den Bergbau verwendet, sie lassen die Wälder duster und melancholisch erscheinen. An einigen Stellen sind die Fichten nackt, der Orkan "Kyrill" hat sie 2007 ihres Nadelkleides entledigt.
Apropos nackt: Matilda erklärt mir, wie das mit dem Sex funktioniert. "Na ja, ein Hirsch fällt auf den Rücken, und dann schläft er ein, und nachts fällt ein anderer drauf." Paul grinst sie an: "Ich weiß nur, wie das bei Hunden geht. Die lecken sich einfach überall." Die beiden schauen sich an, brüllen laut "Ihhhhhh!" und verschwinden im Wald.
Nachts, also. Wir stehen aber schon tagsüber im Wald und beginnen mit dem Aufklärungsunterricht. Auf dem Löwenzahnpfad in Drei Annen Hohne finden wir Fußspuren auf dem Boden. Da gibt es die grazilen Abdrücke des Rehs und die Stampfer des Hirsches. "Aber wohin sind die Tiere gelaufen?", fragt Irmtraud Theel, die Rangerin im Nationalpark. Das Reh ist in die eine Richtung gerannt und der Hirsch in die andere. So kann das aber nichts werden, so kann man nicht mal zufällig übereinander stolpern, merke ich an. "Aber nein", sagt Frau Theel. "Reh und Hirsch gehören nicht zusammen."
Sie zieht zwei Geweihe aus ihrer Umhängetasche. Ein kleines von einem Rehbock und ein großes von einem Hirsch. Die Frau des Hirsches heißt Hirschkuh, die Frau des Rehbocks heißt Ricke. Die Arten paaren sich auch in verschiedenen Jahreszeiten: "Den Rehbock verwirrt der Sonne Glut, den Hirsch die kalte Nacht", lautet ein Jägersprichwort.
Erhitzte Gemüter bekommen die Hirsche trotzdem, und dann geht es los mit dem Imponiergehabe. Da wird sich aufgeplustert, gebrüllt, sich mit Urin und Ejakulat einparfümiert und ein kleiner Harem zusammengetrieben.
Und wehe, ein anderer will dem Hirschpascha eine Frau abspenstig machen. Dann schallt ein Tock-tock-tock von aufeinanderkrachenden Geweihen durch den Wald. "Das Geweih ist eine Waffe", sagt Frau Theel. Auf das Stichwort klemmt sich Paul eines unter den Arm und tut so, als sei es ein Gewehr. "Oh ja!", schreit Matilda. "Paul kämpft mit einem anderen um MICH!" Aber so weit kommt es nicht. Paul ist ohnehin das einzige männliche Wesen am Ort.
Liebe macht blind
Die Hirsche vergessen sogar zu fressen, wenn das Testosteron ihr Gehirn vernebelt. Eigentlich vergessen sie alles. Kennt man ja, Liebe macht blind. Deshalb nehmen auch Verkehrsunfälle zu in der Brunftzeit - und damit meine ich nicht die Unfälle, die passieren, wenn nachts ein Hirsch auf einen anderen fällt. Geile Hirsche vergrößern ihr Revier, erwandern den Wald, vergessen aber, dass es Straßen gibt. So enden manche ausgerechnet in der schönsten Zeit des Jahres vor der Stoßstange.
Zu Beginn der Brunftzeit ziehen die Hirsche umher und erschnuppern sich paarungsbereite Paarhuferinnen. Die Frauen nämlich hinterlassen Duftmarken, damit die Männer wissen, wo es langgeht. Wenn der Testosteronspiegel dann seine Höchstmarke erreicht hat, beginnt das Imponiergehabe. Hirschkühe finden tiefe, laute Stimmen sexy. Also eher den Typ Tom Jones mit seiner "Sexbomb" als einen Prince mit seinem "Kiss".
Gustel Bock weiß zwar, wo die Hirsche sich zur Schau stellen, aber - was für eine Enttäuschung - mit kleinen Kindern in Schlepptau will er nicht hingehen. Denn Zuschauer mögen die Tiere in diesen raren Momenten der Zweisamkeit nicht, Zurufe und Applaus noch weniger. "Kinder machen einfach zu viel Krach", ist Bock überzeugt. Paul und Matilda geben sich alle Mühe, das zu beweisen, als sie nun ganz leise durch den Wald schleichen sollen: Sie veranstalten dabei einen ziemlichen Radau. Bock führt uns entlang am Rande eines Hochmoors am Sonnenberg zu einer kleinen Wiese. Dort sollen wir still sein und warten.
Wer knörrt denn da?
Wir hören erst mal nur die Brunftlaute von Motorradfahrern: wrommm, wrommm. Dann wird es ruhig. Nach einigen Minuten ertönt etwas, das sich anhört, als hätte ein DJ das Meckern der Ziege mit dem Muhen der Kuh gemixt - der Kenner nennt es Knörren. So klingt ein Hirsch, wenn er leicht erregt ist. Steigt die Erregung, dann orgelt oder röhrt er. Beides hört sich ungefähr so an wie jemand, der nach einer durchzechten Nacht auf einem fremden Sofa von einer fremden Person geweckt wird. Nur lauter. Ein etwas klagender Schrei, bei dem man sich den Mundgeruch dazu vorstellen kann. "Oh Gott, da stirbt einer", sagt Matilda beim ersten Röhren.
Pauls Interpretation des Geschehens weicht davon etwas ab: "Der sagt bestimmt: 'Guten Abend Frau Lehmann'", sagt er. Frau Lehmann ist seine Klassenlehrerin. Wir sitzen auf einem Baumstamm, die Kälte beginnt uns in die Knochen zu kriechen. Es riecht nach feuchtem Gras, ich würde jetzt gerne ein Lagerfeuer anzünden und ein Zelt aufbauen. Die Kinder beginnen zu flüstern und zu tuscheln. "Seid doch mal leise", sage ich. Paul schaut mich an, plumpst rückwärts vom Baumstamm herunter und pupst beim Aufprall. Klingt wie ein Hirsch, der das Röhren noch üben muss. Imponieren kann er damit keinem.
"Mir ist langweilig", jammert Paul. "Hirsche interessieren mich nicht." Auch Matilda ist enttäuscht von dem Ausflug. "Und was ist mit Sex?", fragt sie. Ja, das würde ich auch gerne wissen.
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