SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

11. September 2009, 06:11 Uhr

Hotel "Neptun"

Mit Castro in der Sauna

Von Judka Strittmatter

Zwölf Tage Luxus für 310 Ostmark: Schon zu DDR-Zeiten konnten Gäste im Hotel "Neptun" in Warnemünde in westlicher Lebensart schwelgen. Doch den meisten Ostdeutschen blieb der Zugang verwehrt - stattdessen kamen hier Staatsgäste und Spione unter.

Warnemünde, Parkstrasse, nur eine Armlänge bis zum Ostseestrand: Da steht es, weiß und strahlend und ist noch immer Platzhirsch. Schaut von oben auf die Kleinen, die ohne es die Großen wären, auf propere Jahrhundertwendevillen, aufgereiht am Dünenrand. Wellen, Weite, Blau, das Maritime ringsum scheint allein für diesen Turm geschaffen, fürs "Neptun", das Hotel am Strand.

Ein 64 Meter hoher Solitär, gebaut aus Schwedenstahl und mit Devisen, vor beinah 40 Jahren, als dort noch DDR war. Heute ist es ein Fünfsternehaus, die Auslastung ist gut, noch dieses Jahr wird man zur offiziellen Herberge des Arosa-Golf-Parks Warnemünde. 337 Meerblickzimmer samt Balkonen, vier Restaurants, Friseur, Boutiquen und immer volles Programm: Barmixerkurse, Kinderbetreuung, "Fit mit Grit am Strand", die Turnanleitung durch Grit Breuer, Weltmeisterin und Leichtathletikprofi, Exmitglied des DDR-Olympiakaders.

Für die Thalassokuren kommt sogar Friede Springer aus Berlin herüber und ist sich nicht zu fein, mit Hinz und Kunz im Aufzug die Behandlung anzusteuern - in Schlappen und im gelben "Neptun"-Bademantel.

Ledersofas, Farbe, Blumen

Der Ausblick Richtung Ostsee von der "Sky-Bar", Etage 19, ist fulminant. Hier oben ist man über allem, schaut auf Möwenrücken, nicht auf -bäuche, das Meer nur noch ein großes graues Tuch und alle Hunderttausend-Tonnen-Fähren weiße Minijollen. Zum Tanztee nachmittags spielt eine Kombo namens "Esperanza", sie steigt ein mit Ireen Sheer: "Und heut' abend hab' ich Kopfweh".

Abends in der Halle - Lobby sagt kaum einer - hält sich der Pianist aus der Ukraine an Sinatra, und Barmann Maik, mit flotter Hand und flotten Sprüchen, ist imposanter als Tom Cruise in "Cocktail". Die Räumlichkeit ist familiär-geerdet, Ledersofas, Farbe, Blumen. Kein High-end-Interieur, das den Besucher klemmig macht. Das "Neptun"-Personal ist "fit am Gast", und der ist Mittelstand, mag Holz und Muscheln, die Natur, deswegen ist er hier.

Es blitzen kaum teure Klunker auf, auch Ferraris fehlen, "altes" Geld ist selten, weil Reichtum in den neuen Ländern nach der Wende eher marginal entstand. Gast- und Personalmehrheiten sind ostsozialisiert und kennen sich zum Teil seit Jahren. Wo in der Welt gibt es Fünfsternehotels, in denen Gäste ihren Urlaub nach dem Dienstplan ihrer Zimmerfrau ausrichten?

Für den Ostler ist ein Aufenthalt im "Neptun" vom Gefühl her immer noch Belohnung, früher kam er hier nur rein auf Auszeichnungsurlaub seines VEBs oder dank "Vitamin B", Beziehungen zur Chefetage. Das Haus war ursprünglich für Gäste aus dem Westen konzipiert, die hartes Geld in den maroden Wirtschaftsfluss der DDR einspeisen sollten. Ein Geschenk des alten Ulbricht an Klaus Wenzel, seinerzeit schon Rostocks bester Hotelier und ungestümer Macher mit Visionen, Anfang 40 damals.

Von Ulbricht wünschte er sich ein Haus auf Westniveau für Gäste aus dem NSW (Nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet) - und bekommt es glatt. 1972 dann, ein Jahr nach der Eröffnung, putscht Honecker sich an die Macht und befiehlt zur Stimmungssicherung im Land die Einquartierung eigener Leute. Die müssen "Linientreue" sein, egal ob Bandarbeiter oder privater Handwerksmeister, zu heikel die Nähe im Hotel zum Klassenfeind.

Mit Castro in der Sauna

"Jetzt kann ich als Krankenschwester im selben Hotel wohnen wie Fidel Castro", heißt es im Gästebuch, ein Eintrag aus dem Jahr 1972. Und richtig, Castro wird erster Staatsgast. Feiert mit Wenzel, geht mit ihm baden und saunieren, Whisky fließt. Ihm folgen etliche Persönlichkeiten aus Ost und West, aus Politik und Showbusiness.

Im Gästebuch, einem riesengroßen Almanach, stehen neben Danksagungen von Delegationen aus den "Sozialistischen Bruderländern" ("Es lebe die Völkerfreundschaft!") Einträge von Engholm, Genscher, Kohl.

Allein die delikaten deutsch-deutschen Intermezzi, die sich im Lauf der Geschichte hier ereignet haben, würden ein Buch füllen, sowohl Engholm als auch Barschel waren Gast, wobei Letzterer nicht gern gesehen war, obwohl er sogar seinen 40. im "Neptun" zelebrierte. Wenzel: "Das war ein unhöflicher Stiesel, den Serviererinnen hat er auf den Arsch gehauen." Willy Brandt, der Letzte, bevor es nach der Wende erst mal ruhig wird im Hotel, hinterlässt am 6.12.1989 im Gästebuch klein und krumm geschrieben auf einem Büttenpapier "Herzlichen Dank und gute Wünsche".

Traumurlaub für 310 Ostmark

Die Werktätigeneinquartierung seinerzeit passt "Neptun"-Chef Wenzel überhaupt nicht: Er muss die Preise drosseln, um sie dann trickreich wieder anzuheben, er will ja an das Westgeld ran. Ein ordinäres Schaschlick wird unter seiner Kuratel zum "Flammenden Schwert des Störtebeker" und kostet mehr. Es ist zu dieser Zeit schon schwer genug, Zutaten für die Sterneküche zu besorgen, es klappt nur über Tauschgeschäfte: Bonrollen gegen Bananen, Kochmützen gegen Krabben.

Die Ostler brauchen für ihr Glück keinen Flambierschnickschnack, sie freuen sich darüber, dass sie kommen dürfen, zwölf Tage Ostsee mit den Kindern pauschal 310 Ostmark. Das ist wie heute ein Gratisticket in die Südsee. Morgens machen sie die Betten selbst, damit das Zimmermädchen keine Arbeit hat, beim Essen wird geschwiegen und auch sonst nicht angeeckt, zu streng das Auge der Partei.

Aber der Müßiggang, der ihnen hier erlaubt ist! Kein kulturelles Pflichtprogramm wie in anderen Ferienheimen, das den ersehnten Urlaub zur Parteischulung mutieren lässt. Im "Neptun" dürfen sie faul sein und den Tag am Strand verdaddeln. Oder sich pflegen lassen in der "Kurmittelabteilung", die heute ein "Spa" ist und ihr Schwimmbecken direkt aus der Ostsee vis-à-vis speist.

Dafür kommt der Ostgast aber auch nur auf der Ostseite des Hotels zum Wohnen: dort, wo Westfernsehen nicht empfangbar und der Anblick auslaufender Fähren gen Schweden nicht so schmerzhaft ist.

Zahlen mit "Neptungeld"

Und so ist das "Neptun" in den Siebzigern für die einen Himmelreich, für die anderen ein Hotel am Strand: Schüchterne Ostler stehen staunend und in Hausschuhen am Buffet an, während Westgäste in Kostüm und Anzug ungezwungen schmausen zu einem Wechselkurs, der ein Knüller ist. Devisengeschäfte - heimlich gemacht in Toiletten und Fluren - merzt Wenzel alsbald aus. Er führt das "Neptungeld" ein, tauschbar für jeden eins zu eins, die Scheine druckt die DDR-Staatsbank.

Wer als Ostdeutscher nie einen "Neptun"-Ferienscheck bekam, dem blieb das Haus ein ewiges Geheimnis, Ausnahme: die Sky-Bar und das Erdgeschoss. Hier waren Milch-Mokka-Eisbar, Broilerstube, Disco, und die waren auch für uns Rostocker geöffnet. Doch hinein kam nur, wer über Stunden anstand; brav wie die Schafe reihten wir uns ein in meterlange Schlangen.

Traumkasten unserer Jugend war das "Neptun" im Arbeiter-Bauern-Staat, geheimnisvolle Trutzburg - ein Versprechen. Es roch nach "Westen" und gab den Blick auch dahin frei, obgleich dort eigentlich nur Norden und - außer Wasser - nichts zu sehen war: Das dänische Gedser, nur 50 Kilometer weg, versteckte sich hinter der Erdkrümmung.

Allein die Düfte, die aus diesem Hochhaus drangen! Dabei mischten sich nur Fa- und Bac-Aromen aus dem Intershop mit Brathuhnausdünstungen aus der Broilerbar, doch das zusammen war die Melange der Freiheit.

Wo Mangel blühte, blühte auch der Schwarzmarkt, das ging schon in den ersten "Neptun"-Jahren los: So foppte einmal eine Bande junger Fälscher ahnungslose FDGB-Urlauber. Für die Gepäckpassage hin zum Bahnhof Warnemünde wollten sie kein Geld, sondern den abgelaufenen Hotelausweis. Mit Rasierklingen ging es ans Werk, das Ergebnis wurde meistbietend verkauft. Der neue Inhaber konnte fortan alle Schlangen ignorieren und im begehrten "Seemannskrug" Speckscholle ordern.

Tanzen zum Sound des Westens

Oder die Disco "Daddeldu", heute "Da Capo" - ein Novum und die erste in der DDR. Sie war Kontakthof pur, ein Platz des Knisterns und der Anarchie, so manches Ostgirl bahnte hier seine Hochzeit in den Westen an. Disco schrieb sich damals noch mit K, und kein DJ - laut Ausweis "Schallplattenunterhalter" - hielt sich an die offizielle 60/40-Regelung, die vorschrieb, wie die Aufteilung von Ost- und Westsongs vorzunehmen war.

Es lief alles, was im Westen in den Charts war - zu unserer Zeit vor allem Abba -, hoch und runter. Um hier hereinzukommen, war das Anstehen die kleinste Hürde, die größte war der Einlasser; der "dicke Schröder" selektierte nach Profitaussicht. Im Büro Hoteldirektor Wenzels rief in diesen Zeiten so mancher Kombinatsdirektor an und bat um Eintrittskarten für die Tochter.

Heute: nirgendwo Schlangen mehr am "Neptun", kein "Ich-bin-endlich-drin-Gefühl". Das Geheimnis ist gelüftet, Westgeld ist für alle da. Und mancher Ostler schaut sentimental zurück auf Restriktionen damals, sie waren: sein Leben. Discobetreiber Schiffner, Jahrgang '61 und früher "Neptun"-DJ, muss heute eine "Woman night" mit frei Prosecco anbieten, damit der Laden läuft.

Nur Whitney Houston ist bei seinem Publikum "Ü30" immer noch der Burner. Auch der Strand vorm "Neptun" ist heute Puppenstube. Alles ist proper, gut durchorganisiert - und kostet. Und die Menschen, die man mittendrin sieht, sehen nicht unzufrieden aus.

Handstand für ein Dankeschön

Direktor Wenzel, seit 2007 ausgeschieden, beklagt Verluste, die er nicht vorausgesehen hat. Die Werktätigen, die er früher gar nicht haben wollte, die konnten sich wenigstens noch freuen, sagt er, heute müsse man schon Handstand machen, um ein Dankeschön zu kriegen.

Der "Neptun"-Gast made in GDR weiß nun, dass er auch fordern darf. Er ist jetzt endlich König, das war früher - ganzheitlich im Osten - andersherum. Da war's das Personal. Dieser Machtverlust wog schwer, das ist vielerorts spürbar, im "Neptun" herrschte schon zu DDR-Zeiten höheres Niveau, hier musste man nur noch das "Wünsche-von-den-Augen-Lesen" lernen und sich an ein anderes Extrem gewöhnen: Geschluckt hat Portier Peter Storm, auch Urgestein im Haus, wenn "einer von drüben ihn wie einen Lakaien behandelt hat".

In einer Kartei stehen die Stammgastsonderwünsche, Hausdame Josefa Franke sagt, Überkandideltes sei nicht dabei. Es kommen viele Ältere, es sind also gesundheitliche Extras, Kopfkissen, Keilkissen, Allergiebettzeug. Die Belegschaft hängt auch mal ein Bild um, wenn das Stammzimmer besetzt ist und der Gast ohne sein Stillleben, das dort überm Bett hing, sich nicht erholen kann.

Frau Franke, wie 60 andere Mitarbeiter mehr als 25 Jahre da, sagt, schon vor der Wende war ein Arbeitsplatz im "Neptun" Traumjob, in diesen Zeiten sei das wieder so. Mecklenburg-Vorpommern ist Hartz-IV-Land.

Zimmermädchen als Souvenirsammler

Dörte Neubauer, Zimmermädchen auf Etage 13, ist, wenn man so will, Tierbeauftragte des Hauses: Pudel, Dackel oder Schildkröte sind ihre Sonderklientel. "Heute redet man viel mehr mit den Gästen, es gibt sogar Umarmungen, das war ja früher gar nicht drin, Kontakte zum Westgast offiziell verboten." Der ließ als Dankeschön oft eine Feinstrumpfhose oder eine Seife da, Frau Neubauer erzählt ein bisschen beschämt, dass sie leere Joghurtbecher mitnahm, die der Westgast dagelassen hatte. Die wusch sie zu Hause aus, benutzte sie für Bleistifte oder als Zahnputzbecher.

Das können heute nur noch Ostdeutsche verstehen: Jeder, der Westpakete bekam oder im Intershop einkaufen konnte, recycelte alles rund um die Produkte, weil selbst eine leere Waschmittelpackung ins Land des Mangels und des einheitlichen Graus Duft und Farbe brachte.

Was alle Feriengäste - egal woher sie kommen - heute eint, ist das Desinteresse daran, wie viel Staatssicherheit im "Neptun" war. Und ob noch heute ehemalige IMs zum Personalbestand gehören. Ein gut recherchierter Film des NDR ("Hotel der Spione") macht klar: Das Haus war rundherum beschattet und verwanzt.

Etliche Beweise liegen vor, und niemand wundert sich, nicht mal die Ossis selbst: "Hier keine Stasi? Das glaubt kein Mensch", sagt ein Gebäudemanager aus Berlin, seit vielen Jahren Gast und großer Freund des Hauses. Manche ehemalige hochrangige Mitarbeiter des Hotels sind überführt worden mittels Akte, einer war zur Zeit seiner Enttarnung "Adlon"-Direktor in Berlin, Thomas Klippstein. Björn Engholm, ebenfalls mit den Tatsachen konfrontiert, bescheidet knapp, er habe sich "weder bespitzelt gefühlt, noch habe es etwas zu bespitzeln gegeben".

"Alle wollen wissen, ob ich Barschel umgebracht habe"

Wer im Haus heute fragt zu diesem Thema, wird schnell mit Misstrauen belegt, alle, egal ob früher selbst geschädigt durch die Stasi, eint 20 Jahre nach der Wende eine Haltung, die im Land typisch ist, nur kaum beachtet wird: Man will sich die Geschichte, das eigene Leben, von Westmenschen nicht madig machen lassen.

Nicht vom Westen, der auch nur Mist baut, siehe Krise, siehe Zumwinkel, siehe Kurras. Wenn Marketingstratege Mario Derer, zur Wende sieben, heute Leute durch die Zimmer führt, dann kommt schon mal die Frage: Und die Wanzen, ja, wo waren die nun?

Direktor Wenzel, dem die Belegschaft immer noch ergeben ist und der trotz Ruhestands heimlicher Chef des "Neptuns" bleibt, will nicht erzählen, wie es wirklich war. Nach Auffassung der Stasi-Unterlagen-Behörde gehört zu ihm die Akte "IM Wimpel", wasserdicht kann das aber bis heute nicht bewiesen werden.

Wenzel ist hemdsärmelig sympathisch, wenn es um "Storys" aus dem "Neptun" geht - beim Thema Stasi wird er barsch. "Immer wollen nur alle wissen, ob ich Barschel umgebracht habe und wo die KoKo-Millionen sind." Er möchte lieber über andere Sachen reden, das Leben, die Frauen, guten Wein.

Global Player im Sozialismus

Und richtig ist: Wenzel war eine Art Ausnahmemensch im Sozialismus, einer, den das Politbüro vergötterte und den es machen ließ. Ein Global Player, damals schon. Einer, der viel reinholte für das Land, sich international bewegen konnte, mit einem Netzwerk, ungeahnt. Und der, um seiner Freiheit willen, Kompromisse hinnahm. Die meiste Zeit des Jahres war der Chef des "Neptuns" nämlich unterwegs, im Ausland - und zwar überall. Traf Künstler und Politiker und war weit weg vom schnöden DDR-Alltag.

Zu seinem Abschied, der zwei Jahre lang verschoben wurde, gab es im Haus eine große Gala, neben vielen anderen Prominenten waren auch Gysi und Schalck-Golodkowski da. Der hatte Wenzel einmal attestiert: "Wenn man's nicht besser wüsste, hätte man dich damals schon für einen Wessi halten können." An Schalck-Golodkowski, den ehemaligen DDR-"Devisenbeschaffer", hat Wenzel seinerzeit die Einnahmen des "Neptuns" abgeführt.

Sie sind befreundet, ewig schon. Und auch die anderen Herren, die gefeuerten IMs, sind enge Vertraute. Gemeinsam wohnt man unweit des Hotels, in Diedrichshagen. Wenzel sagt: "Man muss das Leben vorwärts leben, verstehen kann man es nur rückwärts."

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH