Hotel "Neptun" Mit Castro in der Sauna

Zwölf Tage Luxus für 310 Ostmark: Schon zu DDR-Zeiten konnten Gäste im Hotel "Neptun" in Warnemünde in westlicher Lebensart schwelgen. Doch den meisten Ostdeutschen blieb der Zugang verwehrt - stattdessen kamen hier Staatsgäste und Spione unter.

Heike Ollertz

Von Judka Strittmatter


Warnemünde, Parkstrasse, nur eine Armlänge bis zum Ostseestrand: Da steht es, weiß und strahlend und ist noch immer Platzhirsch. Schaut von oben auf die Kleinen, die ohne es die Großen wären, auf propere Jahrhundertwendevillen, aufgereiht am Dünenrand. Wellen, Weite, Blau, das Maritime ringsum scheint allein für diesen Turm geschaffen, fürs "Neptun", das Hotel am Strand.

Ein 64 Meter hoher Solitär, gebaut aus Schwedenstahl und mit Devisen, vor beinah 40 Jahren, als dort noch DDR war. Heute ist es ein Fünfsternehaus, die Auslastung ist gut, noch dieses Jahr wird man zur offiziellen Herberge des Arosa-Golf-Parks Warnemünde. 337 Meerblickzimmer samt Balkonen, vier Restaurants, Friseur, Boutiquen und immer volles Programm: Barmixerkurse, Kinderbetreuung, "Fit mit Grit am Strand", die Turnanleitung durch Grit Breuer, Weltmeisterin und Leichtathletikprofi, Exmitglied des DDR-Olympiakaders.

Für die Thalassokuren kommt sogar Friede Springer aus Berlin herüber und ist sich nicht zu fein, mit Hinz und Kunz im Aufzug die Behandlung anzusteuern - in Schlappen und im gelben "Neptun"-Bademantel.

Ledersofas, Farbe, Blumen

Der Ausblick Richtung Ostsee von der "Sky-Bar", Etage 19, ist fulminant. Hier oben ist man über allem, schaut auf Möwenrücken, nicht auf -bäuche, das Meer nur noch ein großes graues Tuch und alle Hunderttausend-Tonnen-Fähren weiße Minijollen. Zum Tanztee nachmittags spielt eine Kombo namens "Esperanza", sie steigt ein mit Ireen Sheer: "Und heut' abend hab' ich Kopfweh".

Abends in der Halle - Lobby sagt kaum einer - hält sich der Pianist aus der Ukraine an Sinatra, und Barmann Maik, mit flotter Hand und flotten Sprüchen, ist imposanter als Tom Cruise in "Cocktail". Die Räumlichkeit ist familiär-geerdet, Ledersofas, Farbe, Blumen. Kein High-end-Interieur, das den Besucher klemmig macht. Das "Neptun"-Personal ist "fit am Gast", und der ist Mittelstand, mag Holz und Muscheln, die Natur, deswegen ist er hier.

Es blitzen kaum teure Klunker auf, auch Ferraris fehlen, "altes" Geld ist selten, weil Reichtum in den neuen Ländern nach der Wende eher marginal entstand. Gast- und Personalmehrheiten sind ostsozialisiert und kennen sich zum Teil seit Jahren. Wo in der Welt gibt es Fünfsternehotels, in denen Gäste ihren Urlaub nach dem Dienstplan ihrer Zimmerfrau ausrichten?

Für den Ostler ist ein Aufenthalt im "Neptun" vom Gefühl her immer noch Belohnung, früher kam er hier nur rein auf Auszeichnungsurlaub seines VEBs oder dank "Vitamin B", Beziehungen zur Chefetage. Das Haus war ursprünglich für Gäste aus dem Westen konzipiert, die hartes Geld in den maroden Wirtschaftsfluss der DDR einspeisen sollten. Ein Geschenk des alten Ulbricht an Klaus Wenzel, seinerzeit schon Rostocks bester Hotelier und ungestümer Macher mit Visionen, Anfang 40 damals.

Von Ulbricht wünschte er sich ein Haus auf Westniveau für Gäste aus dem NSW (Nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet) - und bekommt es glatt. 1972 dann, ein Jahr nach der Eröffnung, putscht Honecker sich an die Macht und befiehlt zur Stimmungssicherung im Land die Einquartierung eigener Leute. Die müssen "Linientreue" sein, egal ob Bandarbeiter oder privater Handwerksmeister, zu heikel die Nähe im Hotel zum Klassenfeind.

Mit Castro in der Sauna

"Jetzt kann ich als Krankenschwester im selben Hotel wohnen wie Fidel Castro", heißt es im Gästebuch, ein Eintrag aus dem Jahr 1972. Und richtig, Castro wird erster Staatsgast. Feiert mit Wenzel, geht mit ihm baden und saunieren, Whisky fließt. Ihm folgen etliche Persönlichkeiten aus Ost und West, aus Politik und Showbusiness.

Im Gästebuch, einem riesengroßen Almanach, stehen neben Danksagungen von Delegationen aus den "Sozialistischen Bruderländern" ("Es lebe die Völkerfreundschaft!") Einträge von Engholm, Genscher, Kohl.

Allein die delikaten deutsch-deutschen Intermezzi, die sich im Lauf der Geschichte hier ereignet haben, würden ein Buch füllen, sowohl Engholm als auch Barschel waren Gast, wobei Letzterer nicht gern gesehen war, obwohl er sogar seinen 40. im "Neptun" zelebrierte. Wenzel: "Das war ein unhöflicher Stiesel, den Serviererinnen hat er auf den Arsch gehauen." Willy Brandt, der Letzte, bevor es nach der Wende erst mal ruhig wird im Hotel, hinterlässt am 6.12.1989 im Gästebuch klein und krumm geschrieben auf einem Büttenpapier "Herzlichen Dank und gute Wünsche".



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