Hotel Reichshof in Hamburg Zurück in die Zukunft

Was bleibt, wenn berühmte Hotels ihren Glanz verlieren? Ihre Persönlichkeit und viele Geschichten. In Hamburg wurden daher gerade rund 30 Millionen Euro in den über hundert Jahre alten Reichshof investiert.

Nicole Keller & Oliver Schumacher

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Seinen Schüttelbecher aus Silber hat Peter Hüttmann mitgenommen, als er in Rente ging. Manchmal fasst er ihn an, streicht über die Reichshof-Gravur und erinnert sich an die alte Zeit. "Die Gäste haben sich bei uns wohlgefühlt", sagt Hüttmann, der 37 Jahre lang in der legendären M&M-Bar gearbeitet hat, zuletzt als Barchef. Bis drei Uhr nachts stand er stets am Tresen, polierte Whiskeygläser, mischte Martinis und schenkte Cognac in den Schwenker.

Die aus den Zwanzigerjahren stammende Bar des Reichshof Hotels gegenüber vom Hamburger Hauptbahnhof war sein zweites Zuhause. "Ich hab hier als Kellner gelernt", sagt der heute 76-Jährige, "und bin an der Bar hängen geblieben."

Hüttmann hat Schauspieler, Fußballspieler und Politiker bedient. Er schwärmt noch heute vom Unternehmergeist des Hotelgründers Anton-Emil Langer und vom Zusammenhalt der Mitarbeiter. "Wir waren wie eine große Familie." Dass er sich um die Zukunft des einstigen Grandhotels sorgt, ist verständlich. Jetzt, da die amerikanische Hotelkette Hilton Anteile am 1910 eröffneten Reichshofs hält.

Sie hat in dem klassizistischen Gebäude in der Kirchenallee Europas erstes Hotel der Marke "Curio - A Collection by Hilton" eröffnet. Hinter dem sperrigen Namen verbirgt sich der Versuch, Übernachtungstempel zu schaffen, die zwar dem Hilton-Standard entsprechen, dabei aber nicht wie von der Stange wirken.

Der Konzern spricht von einer Sammlung exklusiver Häuser, die den Charakter ihrer Stadt widerspiegeln sollen und eines gemeinsam hätten: "Jedes von ihnen ist einzigartig." Dafür reißen sich die Amerikaner geschichtsträchtige Gebäude unter den Nagel und sanieren sie unter der Aufsicht des Denkmalschutzes. 2017 wird im Zentrum Istanbuls ein Curio-Hotel in einem Gebäude aus dem 19. Jahrhundert eröffnen. Bereits im kommenden Jahr will Hilton das historische Astor Hotel Saint-Honoré in Paris restauriert haben.

Fundstücke aus dem Hotelkeller

Rund 30 Millionen Euro sind in die Renovierung des Hamburger Reichshofs geflossen, der seit Jahren unter einem massiven Sanierungsstau litt. Das Haus, das vor mehr als hundert Jahren als größtes Hotel Deutschlands eröffnet worden war und damals als besonders fortschrittlich galt, hatte seinen Glanz verloren. In manchen Zimmern musste der Gast durch einen Einbauschrank ins Bad gehen. Das gesamte Interieur wirkte nicht mehr zeitgemäß.

"Bei dem Umbau haben wir uns größte Mühe gegeben, alles in den Urzustand zu versetzen", sagt Hoteldirektor Folke Sievers und zeigt an der Rezeption auf die hundert Jahre alten Lüftungsgitter im Boden. "Die haben wir unter den Teppichmassen gefunden, die hier in den vergangenen Jahrzehnten verlegt wurden." Dann blickt Sievers nach oben: Im Foyer wurde die eingezogene Decke heruntergerissen, die Marmorwände wurden auf Hochglanz poliert, und über den Aufzügen hängen nun wieder die Leuchtschilder mit dem nostalgischen "Fahrstuhl"-Schriftzug.

"Wir haben fast alle unter Denkmalschutz stehenden Elemente erhalten", sagt der Hotelmanager. Zu den Fundstücken, die jahrzehntelang im Keller lagerten, gehören auch Wanduhren aus der Vorkriegszeit und riesige Leuchter in der Halle. "Wir haben sie neu interpretiert, indem wir Plexiglasschwerter drangehängt haben", sagt Sievers. Nun erinnern sie zwar an Quallen mit langen Tentakeln, aber die Denkmalschützer haben genickt. "Wir wollten ästhetische Kontrapunkte zu der altehrwürdigen Halle schaffen", sagt Sievers. Aus dem verlebten Hotel sollte wieder ein "modernes Denkmal" werden.

Pinsel, Bürsten und Schwämmchen

Doch wie gelingt es, ein so altes Haus wie den Reichshof in die Zukunft zu führen? "Wir haben eine lockere Atmosphäre einkehren lassen", sagt Reichshof-Manager Sievers. Dafür habe man das Traditionelle teils mit Modernität brechen müssen.

Genau das ist es, was manch einen verschreckt. Unter der ehemaligen Belegschaft munkelt man laut Ex-Barchef Hüttmann, dass "dem Reichshof bei der Sanierung das Herz rausgerissen wurde". Doch ausgerechnet in seiner Bar wird deutlich, mit wie viel Liebe man versucht hat, den alten Charme zu erhalten.

Ein Team aus Restauratoren hat in wochenlanger Handarbeit das Holz der Wandverkleidung abgetragen, bearbeitet und wieder angebracht. Millimeter für Millimeter, mit Pinsel, Bürsten und Schwämmchen. Garderobenständer und Tische wurden so lange poliert, bis der Dreck und Staub mehrerer Jahrzehnte entfernt war und wieder leuchtendes Messing und edles Walnussholz zum Vorschein kamen.

"Man muss dabei detailversessen sein", sagt Raimund Schied, stellvertretender Direktor des Fairmont Hotel Vier Jahreszeiten. Mit der Renovierung von denkmalgeschützten Räumen hat auch er Erfahrung. In den vergangenen Jahren wurden in dem Luxushotel an der Hamburger Binnenalster 28 Millionen Euro allein in die Struktur und die Technik gesteckt - eine Herausforderung, vor allem in komplett vertäfelten Zimmern wie der historischen Wohnhalle. Doch Stuck und Prunk hin oder her, auch hier wurden Notlichter, Rauchmelder, Sprinkler und LED-Spots eingebaut, um das Hotel auf den modernsten Stand der Technik zu bringen.

Schieds Credo: Ein gutes Denkmal ist eins, das benutzt wird. "Wir wollen kein Exponat sein, nur weil Jahrhunderte alte Möbel bei uns stehen", sagt er. Natürlich fühle er sich für die Pflege der Immobilie verantwortlich, schon weil ein Traditionshaus wie das Vier Jahreszeiten auch "Botschafter der Stadt ist, in der es steht". Doch dann gibt er zu, dass der Erhalt des Alten vor allem aus geschäftlichem Eigeninteresse wichtig sei. Wer neben einem tadellosen Service auch noch mehr als hundert Jahre Geschichte zu bieten hat, der habe gegenüber neu erbauten Hotels einen großen Vorteil.

Nachmittagstee mit Martha

"Storytelling" heißt das Erfolgsgeheimnis in der Hotellerie. Auch der restaurierte Reichshof will mit seinen Geschichten und seiner Persönlichkeit punkten. In einem reich bebilderten Buch über das Hotel, das nun im Wasmuth Verlag erscheint, wird unter anderem Martha Langer porträtiert, die Ehefrau des Hotelgründers. Sie wird dort als "charismatische Frau" beschrieben, die das Haus mit seinen zeitweise 500 Mitarbeitern 40 Jahre lang erfolgreich führte.

Langer habe die Qualität besessen, sich auch mit den schweren Zeiten wie dem Nationalsozialismus "zu arrangieren, ohne dabei ihre Menschlichkeit zu verlieren". Wie der pensionierte Empfangschef des Hotels, Ary Schwantes, beschreibt, soll sie "hinten im Haus Juden versteckt und vorne mit der Gestapo Karten gespielt haben". Im neu eröffneten Reichshof wird am Nachmittag "Martha's Afternoon Tea" kredenzt. Auf dass ein Gast nach der Dame fragen möge.

"Wir wollen neugierige Reisende ansprechen, die eine Faszination für die Vergangenheit haben, aber gleichzeitig Orte suchen, an denen sich neue Geschichten entspinnen", sagt Dianna Vaughan, Chefin der Hilton-Marke Curio. Beim Curio-Konzept soll das Gestern in der Gegenwart weiter existieren, indem zum Beispiel Elemente der goldenen Zwanzigerjahre vorsichtig mit modernem Design kombiniert werden. Der besondere Charme, die Persönlichkeit eines jeden Curio-Hotels stünden dabei im Mittelpunkt. "Hinsichtlich der Individualität machen wir keine Kompromisse", sagt Vaughan.

Für Robert Reuter ist das eine gute Nachricht. Der heute 80 Jahre alte Radiologe aus Bochum ist Stammgast im Reichshof. Bei seinem ersten Besuch 1954 war der damals 18-Jährige tief beeindruckt, als er am Eingang die Gipskopie des Panathenäen-Frieses erblickte, den er bis dahin nur aus Büchern kannte. Als das Relief später beim Einbau einer Zwischendecke verschwand, empfand er das als "Verschandelung".

Heute ist der Akropolisfries wieder sichtbar und zieht sich über die rechte Wand im Foyer. Reuter spricht von einem "Schatz", der geborgen wurde. Warum der Erhalt von solch historischer Substanz für ihn als Hotelgast wichtig ist? "Dieses Zitat aus der Antike und das historische Flair haben auf mich eine große Wirkung", sagt er. Wenn er in den Reichshof gehe, tauche er beim Anblick von Marmor, Säulen und Kronleuchtern stets in eine andere Welt ab. "Für mich ist das der ganze Sinn des Reisens."

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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
Palisander 23.09.2015
1. Darüber kann man
nicht meckern. Die alternative wäre ein Abriss oder irgendeine Modekette gewesen. Ich finde es toll das sich eine große Kette gefunden hat und diesen schönen Bau so wunderschön zurück in die Zukunft geführt hat. Die Leuchter in der Eingangshalle? Na ja. Geschmacksache. Die alten Lüster hätten es wahrscheinlich zu altmodisch wirken lassen.
derdings123 23.09.2015
2. Recht geschmackvoll
Gefällt mir ganz gut, man muss sich auch mal vom alten Muff trennen können.
El pato clavado 23.09.2015
3. Warum nicht ?
weit gedacht,man hofft auf 2024 Olympia in Hamburg
jorgos 23.09.2015
4. So soll es sein!
Wertvolles erhalten und in die heutige Zeit transponieren - das macht eine Stadt interessant. Hamburg hat viel Tradition, manches wurde im Krieg zerstört, fast noch mehr von "Architekten" und anderen "Erneuerern" in den 1950er und 1960er Jahren. Natürlich kostet das, was mit dem Reichshof (und anderen Häusern) gemacht werden musste, viel Geld. Ich bin froh, dass sich Unternehmen finden, die bereit sind, darin zu investieren.
Ein Bekehrter 23.09.2015
5.
Als ehemals weltweit Vielgereister bin ich immer gerne in den Reichshof gekommen. Solche alten Hotels dürfen gerne ein wenig abgeschabt sein, das holen sie zumeist durch das Personal wieder auf. An den genannten Barkeeper erinnere ich mich gut. In der Bar war nie viel los, aber man konnte da so richtig abhängen. Na, und dann die privaten Dinnerräume in Form von Dampferkabinen, das war schon was. Ich freue mich sehr, dass es ein zweites Leben für die alte Dame gibt.
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