Instawalk in Hamburg Knipsen und Posten

Gemeinsam fotografieren und dann mit der Community teilen: Auf Instawalks treffen sich Fotofans, die sich sonst nur virtuell kennen. Ein Spaziergang durch Hamburg.

Spiegel Online

Von Sylvia Lundschien


Sandro Erceg beugt sich weit über die Brüstung der Fußgängerbrücke an der U-Bahnstation Sternschanze im Hamburger Szeneviertel. Geübt stützt er das Objektiv seiner Spiegelreflexkamera auf seiner linken Hand ab, seine Unterarme liegen ruhig auf der Mauer.

"Rückt mal alle ein bisschen zusammen und macht irgendwas", ruft der 31-Jährige mit dem dunklen Dreitagebart auf Englisch. Knapp fünf Meter unter ihm drängen sich etwa 30 Menschen enger zusammen, schauen ihm lächelnd entgegen und halten ihre Smartphones und Kameras in die Höhe. Erceg drückt mehrfach auf den Auslöser.

Was auf den ersten Blick anmutet wie eine japanische Reisegruppe, ist eine Versammlung fotografiebegeisterter Instagrammer mit einer Mission: die Stadt erkunden und Fotos machen.

Sie sind auf einem sogenannten Instawalk unterwegs, einem Spaziergang, der auf einer bestimmten Route durch Städte, Landschaften oder Veranstaltungen führt. Die Teilnehmer knipsen dabei, was ihnen vor die Linse kommt, geben sich gegenseitig Tipps, probieren aus, vernetzen sich.

Jeder Instawalk hat in der Regel ein eigenes Hashtag, unter dem die entstandenen Fotos auf Instagram gepostet werden können. Der Hamburger Instawalk trägt das Motto #photobeerwalk. Vor einem Jahr haben die Brüder Sandro und Boris Erceg den Instawalk ins Leben gerufen.

Die gebürtigen Kroaten zogen vor knapp drei Jahren aus dem norwegischen Trondheim nach Hamburg. Damals entdeckten sie die Stadt Stück für Stück mit der Kamera in der Hand. Ab und zu gingen sie auf Instawalks, doch meist war ihnen die Atmosphäre zu steif und exklusiv. Im April 2017 starteten sie deshalb ihren eigenen "Photo Beer Walk".

"Wir wollten wieder echte Kontakte zwischen Instagrammern herstellen", sagt Boris Erceg. "Und das geht am besten damit." Der 28-Jährige holt eine Flasche Sliwowitz aus seinem Rucksack, den berühmten kroatischen Pflaumenschnaps. "Das - und Bier. Deshalb haben wir den Walk so benannt", sagt er.

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Instawalk in Hamburg: Unauffällig sein, sich heranpirschen, Geduld haben

Während die Brüder Erceg Fotografiefans sind und ihre Leidenschaft gerne mit anderen teilen wollen, sind Instawalks oft auch ein beliebtes Marketingtool: Urlaubsregionen, Hotels, aber auch Unternehmen veranstalten die Walks, um sich mit den Instagramfotos zielgruppengerecht in Szene zu setzen. In der Regel laden sie dazu sogenannte Influencer ein - Instagrammer mit sehr vielen Followern, die über ihre Social-Media-Kanäle teilweise Zehntausende Menschen erreichen.

Die meisten Teilnehmer des "Photo Beer Walks" sind ambitionierte Hobbyfotografen, die ihre Fotokünste verbessern wollen. Um ihre Hälse baumeln teure Kameras, manche haben einen ganzen Rucksack voll mit Objektiven und Stativen dabei.

Die Hamburgerin Antonia Isabel betreibt in ihrer Freizeit mehrere Instagram-Kanäle mit Tausenden Followern. Als Influencerin sieht sie sich aber nicht. "Hier muss keiner eingeschüchtert sein, wenn einer viele Abonnenten auf seinem Account hat", sagt die 39-Jährige. Vor allem gehe es um gutes Handwerk.

Erst vor drei Jahren fing sie mit dem Fotografieren an, damals machte sie vor allem Schnappschüsse mit ihrem Smartphone. "Heute gehe ich nicht mehr ohne Kamera oder Smartphone aus dem Haus", sagt sie. Fotografie und Instagram hätten ihr Leben verändert - mittlerweile kennt sie etliche Hobbyfotografen in Hamburg, gründete eine Instawalk-Kiezgruppe, wurde von anderen Instagrammern nach Kopenhagen, Stockholm und Florida zum gemeinsamen Fotografieren eingeladen.

Instagrammerin Antonia Isabel
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Instagrammerin Antonia Isabel

Der "Photo Beer Walk" führt an vielen Sehenswürdigkeiten Hamburgs vorbei. Von der Sternschanze geht es mit einem Stopp am Kiosk zum Bier kaufen weiter zur Reeperbahn. Ein Paradies für Fotografen: Quietschig bunte Schilder stehen neben historischen Eckkneipen, der Sonnenuntergang steht im Kontrast zum Neonlicht, Charakterköpfe bevölkern die Straße.

Immer wieder geben Sandro und Boris Erceg Tipps, welche Motive und Lichtverhältnisse besonders interessant wirken, wo es sich genauer hinzuschauen lohnt, wie man bestimmten Szenen einfangen kann.

"In einer Gruppe ist das einfacher"

Die Köpfe der Fotografen heben und senken sich, die Blicke wechseln zwischen Sucher und Bildschirm, Einstellungen werden angepasst, Positionen gewechselt, Motive verglichen. Passanten blicken mal neugierig, mal argwöhnisch auf die Fotografengruppe.

"Alleine hätte ich Hemmungen, einfach hier rumzufotografieren", sagt ein Teilnehmer, als der Instawalk gerade Halt in der U-Bahnstation Schlump macht. Die Fotografen verteilen sich eilig auf den Plattformen und versuchen, die Rolltreppen oder die Bewegungen der U-Bahn zu fotografieren. "In einer Gruppe aber ist das einfacher", sagt er. "Außerdem lernt man die Menschen hinter den Instagram-Profilen kennen und entdeckt neue Perspektiven auf dasselbe Motiv."

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Für die meisten sind das die Hauptgründe, zu einem Instawalk zu gehen. Knapp fünf Stunden dauert der Spaziergang durch Hamburg. Danach sind die Speicherkarten voll, und auch der Promillepegel ist - wenn auch nur leicht - angestiegen. Für die Mehrheit hat sich der Tag gelohnt, sie wollen wiederkommen.

Auch die Organisatoren, die das ehrenamtlich machen, sind zufrieden: "Es sind viele Leute heute dabeigeblieben, das ist nicht immer so", sagt Boris Erceg. Geholfen habe dabei sicher auch das gute Wetter - und das Bier.

Der nächste "Photo Beer Walk" findet in Hamburg im Juni statt, alle Infos dazu gibt es auf Facebook. Dort lassen sich unter dem Schlagwort "Instawalk" auch weitere Veranstaltungen und Gruppen in anderen Regionen finden. Instawalks sind meistens kostenfrei.

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