Interaktiver Krimi-Tourismus Leiche zum Dessert

Von Jochen Bölsche

6. Teil: Die Eifel - "Deutschlands populärste Krimilandschaft"


Am besten scheint das Geschäft mit den inszenierten Morden in der Eifel zu brummen. In "Deutschlands populärster Krimilandschaft", wie der Mainzer Ministerpräsident Kurt Beck stolz befindet, haben mehr als 50 Autoren, darunter der Eifelkrimi-Guru Michael Preute (Pseudonym: Jacques Berndorf), schon Hunderte von literarischen Leichen abgelegt - und damit der abgelegenen Region, die einst als "Preußisch Sibirien" verrufen war, ein touristisches Alleinstellungsmerkmal beschert.

Unter dem Sammeletikett "Tatort Eifel"vermarkten die rheinland-pfälzischen Touristiker mittlerweile ein ganzes Bündel von Angeboten. In Hillesheim etwa können Besucher in einem früheren Gefängnis in gestreifter Sträflingskluft nächtigen und ein "Arme-Sünder-Süppchen" oder eine "Henkersmahlzeit" zu sich nehmen. Nahebei locken das "Café Sherlock" und das Deutsche Krimi-Archiv mit rund 26.000 Bänden.

Auf speziellen Krimi-Wanderwegen - "Zum Morden schön" - können Handy-Benutzer per SMS-Code Details zu sämtlichen fiktiven Tatorten entlang der Route abrufen. So erfahren sie, wo genau der in einem der Berndorf-Krimis (Gesamtauflage: 4,5 Millionen) erwähnte "abgerissene menschliche Finger im Geröll" gefunden wurde und in welchem Steinbruch ein vermeintliches Erdrutsch-Opfer starb ("In Wirklichkeit aber war es natürlich Mord").

Natürlich bietet "Deutschlands Wilder Westen" (Eifel-Werbung) seit langem Krimiwochenenden in ländlichen Hotels, veranstaltet von einer Kölner Agentur namens "Blutspur" (425 Euro pro Teilnehmer). Krimifestivals mit Tausenden von Besuchern, darunter Krimi-Profis aus Verlagen, Sendern, Theatern und Polizeibehörden, sind regelmäßig so erfolgreich, dass 2010 auch die zu Nordrhein-Westfalen gehörende Nordeifel vom Boom profitieren will: Dann soll dort, im Kreis Euskirchen, die "Criminale" gastieren, das europaweit beachtete Literatur-Festival der Krimiautoren-Vereinigung "Syndikat".

Wahrer Grusel im Bunker

Doch ob die Krimifreunde bei Fackelschein kichernd nach eingebildeten Tätern suchen, in alten Gewölben Mordgeschichten lauschen oder Souvenirs erwerben wie die "200 g Kaffeemischung 'Schwarzer Tod' in der Tatort-Eifel-Dose" - wirkliche Schauder und stummes Entsetzen löst der Krimirummel nur selten aus.

Wahres Grauen dagegen stellt sich regelmäßig am Rande der Eifel ein: in dem einst unter höchster Geheimhaltung erbauten gigantischen Atombunker bei Ahrweiler, ein Kommandostand, von dem aus die Bundesregierung nach einem atomaren Schlagaustausch das Chaos eines dritten Weltkrieges beherrschen sollte. Das Staatsgeheimnis enthüllt hatte 1984 kein anderer als der damalige Journalist und heutige Krimiautor Berndorf im SPIEGEL. Die "New York Times" beschrieb die Eifel daraufhin als Heimstatt von "Dr. Strangelove", des verrückten Bombenfreundes "Dr. Seltsam" aus der gleichnamigen Filmsatire des Starregisseurs Stanley Kubrick.

Auch in dem Regierungsbunker - er beherbergt heute ein Museum des Kalten Krieges - hat Berndorf schon aus eigenen Werken vorgetragen. Hinterher intonierte ein Pianist vor dem Resonanzraum der kilometerlangen, fahl ausgeleuchteten Tunnelröhre, die für den Tag der Apokalypse in den Fels zementiert worden war, das Stück "What A Wonderful World".

Da spätestens, so die Lokalpresse, reagierten die Zuhörer mit "Schaudern" und mit "Gänsehaut" - jenen Reaktionen, die in der Ausflugsstimmung der üblichen Krimitouren ausbleiben, die meistens nur ein bisschen Angstlust auslösen.

insgesamt 4 Beiträge
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annette4now 29.12.2009
1. Krimidinner noch schöner daheim
So unterhaltsam solche organisierten Krimispektakel auch sein mögen, daheim lässt es sich noch lustiger nach dem Mörder suchen. Statt nach Rügen zu düsen, lädt man die Freunde zum Krimidinner. Seit ein paar Jahren spielen wir Spiele wie die "Mörderische Dinnerparty" oder "Krimi total" mit wachsender Begeisterung. Das kommt nicht nur deutlich günstiger, sondern ist auch höchstpersönlich aktiv und verdächtig.
hajoschneider 29.12.2009
2. so what?
Doch ob die Krimifreunde bei Fackelschein kichernd nach eingebildeten Tätern suchen, in alten Gewölben Mordgeschichten lauschen oder Souvenirs erwerben wie die "200 g Kaffeemischung 'Schwarzer Tod' in der Tatort-Eifel-Dose" - wirkliche Schauder und stummes Entsetzen löst der Krimirummel nur selten aus. Weshalb dann dieser 6 Seiten lange Artikel?
john mcclane, 29.12.2009
3.
Neben einigen sicherlich interessanten Angeboten dürfte es da auch eine Menge Schrott bei sein. Gerade bei den Eifel-Angeboten wäre ich skeptisch. Da sind sicher einige dabei, die mit etlichen Jahren Verspätung auf einen lukrativen Zug aufspringen wollen, dessen Gleisbett aber bereits erheblich ausgewalzt ist. Die Krimireihe des erwähnten Herrn Berndorf wurde sicherlich nicht eingestellt, weil die Verkaufszahlen immer weiter gestiegen sind. Vielmehr hat der geneigte Leser nach knapp einem Dutzend Büchern gemerkt, das der Kerl zuletzt nur noch nach Schema F geschrieben und sich mehr oder weniger selbst kopiert hat, um Schleichwerbung für seine Lieblingskneipen zu betreiben. Das pro Jahr ein Buch genau zum Weihnachtsgeschäft erschienen ist und auch noch jedes Buch umfangreicher war als das zuvor, war dem Hype auf Dauer sicher auch nicht sehr zuträglich. Ist zu befürchten, das bei vielen dieser Touristischen Angebote das Qualitätsniveau ähnlich ist...
hajoschneider 29.12.2009
4. Honi soit
Zitat von john mcclaneNeben einigen sicherlich interessanten Angeboten dürfte es da auch eine Menge Schrott bei sein. Gerade bei den Eifel-Angeboten wäre ich skeptisch. Da sind sicher einige dabei, die mit etlichen Jahren Verspätung auf einen lukrativen Zug aufspringen wollen, dessen Gleisbett aber bereits erheblich ausgewalzt ist. Die Krimireihe des erwähnten Herrn Berndorf wurde sicherlich nicht eingestellt, weil die Verkaufszahlen immer weiter gestiegen sind. Vielmehr hat der geneigte Leser nach knapp einem Dutzend Büchern gemerkt, das der Kerl zuletzt nur noch nach Schema F geschrieben und sich mehr oder weniger selbst kopiert hat, um Schleichwerbung für seine Lieblingskneipen zu betreiben. Das pro Jahr ein Buch genau zum Weihnachtsgeschäft erschienen ist und auch noch jedes Buch umfangreicher war als das zuvor, war dem Hype auf Dauer sicher auch nicht sehr zuträglich. Ist zu befürchten, das bei vielen dieser Touristischen Angebote das Qualitätsniveau ähnlich ist...
Ich will Ihnen im Prinzip gar nicht widersprechen: Aber was Sie bei Berndorf beanstanden, galt eigentlich von Anfang an. So wie er die Eifeler beschreibt, habe ich eigentlich nie einen Eifeler erlebt. Seine Eifel-Affinität bewie sich mit der Nennung von Lokalen, Straßenverbindungen und Tabakgeschäften. UNd die Plots waren eigentlich immer nach dem gleichen Muster gestrickt. Übrigens: Preute/Berndorf war ja mal Spiegel-Redakteur. Ein Schelm, wer böses dabei denkt.
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