IGS in Hamburg: Gärtnerei auf der "Bounty"

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Früher waren Botaniker echte Abenteurer. Sie schleppten exotische Pflanzen über die Ozeane und sorgten so für eine Globalisierung der Natur. Die Internationale Gartenschau in Hamburg nimmt Blumenfreunde mit auf eine Reise in "80 Gärten um die Welt".

Internationale Gartenschau in Hamburg: "Vom Tropenparadies zum Niederrhein" Fotos
igs 2013 / Gärtner und Christ

Hier geht's zur großen Reise-Weltkarte

Jeanne Baret schlüpfte in einen Matrosenanzug, schmuggelte sich 1766 auf das Forschungsschiff "L'Étoile#2 - und konnte so machen, was sie am meisten liebte: auf Jagd nach Pflanzen gehen. Verkleidet als Mann sammelte sie mehr als 6000 Arten in Brasilien, auf Mauritius und im Südpazifik und wurde nach ihrer Enttarnung als Frau vermutlich von Matrosen vergewaltigt. "Ich bewundere sie für den Mut, den sie hatte", sagt Oliver Störmer. "Sie hat für ihre Leidenschaft ihr Leben riskiert."

Der Berliner Künstler hat für die Internationale Gartenschau (IGS) in Hamburg, die am 26. April eröffnet, eine kleine Naturforscherausstellung konzipiert: In der großen Blumenschauhalle erzählen sieben liebevoll ausgestattete Vitrinen von der Herkunft vieler Pflanzen, die einem zwar bekannt vorkommen, aber alles andere als heimisch sind: Wer brachte Azaleen und Kirschbäume aus Japan mit? Woher stammt der Sternbusch? Und wann kam die Bougainvillea von Südamerika nach Europa?

"Wir ehren mit den Schaukästen auch diejenigen Entdecker, die mit der Zeit in Vergessenheit geraten sind", sagt Störmer. "Menschen, die vor Jahrhunderten über die Weltmeere gesegelt sind und Pflanzen aus Übersee in unsere Breiten geholt haben." Abenteurer wie die Französin Jeanne Baret, der bayerische Botaniker Philipp Franz von Siebold oder der Brite David Nelson.

"Die Kyoto-Connection"

Grünes aus allen Erdteilen wird bei der IGS ins Rampenlicht gerückt. Die Veranstalter versprechen ein "sommerlanges Blütenfest", das bis Oktober 2,5 Millionen Gäste nach Hamburg-Wilhelmsburg locken soll. Doch wenige Tage vor der Eröffnung sind die Flächen auf dem IGS-Gelände vor allem eins: braun.

"Wegen des langen Winters konnten wir erst spät damit beginnen zu pflanzen", sagt Kenny Sass. Der 22-jährige Gärtner zupft auf einem Staudenbeet Unkraut, ein Kollege lässt Wasser im hohen Bogen aus einem Gartenschlauch auf die wenigen bisher aufgesprungenen Knospen spritzen. "Jetzt wird es Zeit, dass die Blumen ein bisschen Wärme kriegen", sagt Sass.

Auch in der Blumenschauhalle sorgen sich die Verantwortlichen um zu niedrige Temperaturen. "Hier stehen schon ein paar Exoten herum, die es lieber warm mögen", sagt Renate Behrmann, die die gärtnerischen Wettbewerbe organisiert. Sie deutet auf Dutzende Orchideen und ein paar Bananen- und Kakaopflanzen, die gerade geliefert worden sind.

In den kommenden sechs Monaten wird die Halle Austragungsort für 25 Wettbewerbe sein. Gärtner aus ganz Deutschland haben sich angemeldet, um in Disziplinen wie "Die Fährte der Fuchsie" oder "Vom Tropenparadies zum Niederrhein" ihr Können zu zeigen. Bei der "Expedition ins Wohnzimmer" wird es um Raumbegrünung gehen, in der Leistungsschau "Die Kyoto-Connection" muss die Jury über Bonsai-Bäumchen und andere fernöstliche Formgehölze richten.

"In 80 Gärten um die Welt" lautet das Motto der IGS, in Anlehnung an die berühmte Jules-Vernes-Erzählung "In 80 Tagen um die Welt". "Die unterschiedlich gestalteten Flächen sollen an asiatische Sumpfgebiete, mediterrane Gefilde oder heimische Naturlandschaften erinnern", sagt IGS-Sprecherin Kerstin Feddersen bei einem Rundgang durch die sogenannte Welt der Kontinente.

Eine Woche vor dem Eröffnungstermin türmt sich vor ihr ein großer Haufen Sand, auf dem eine unfertige Pyramidennachbildung thront. Es gehört viel Phantasie dazu, sich unter Hamburgs grauem Frühlingshimmel Nordafrikas Wüsten vorzustellen. Und auch von den Weltmeeren, die durch blau blühende Stauden dargestellt werden sollen, ist noch nicht viel zu erkennen. Anstelle der Blumen-Ozeane sind auf dem Mutterboden vereinzelt ein paar grüne Blätter zu sehen.

Grabstein in Form eines USB-Sticks

Bunter geht es bereits auf dem IGS-eigenen Friedhof zu, wo 120 Steinmetze originelle Grabsteine präsentieren. In ein Exemplar hat ein Künstler eine Golftasche gemeißelt, aus der steinerne Schläger herausgucken. Daneben ragt ein überdimensionaler USB-Stick aus Granit aus der Erde. "Das soll ein Speicher der Liebe sein", sagt eine Frau mit kurzen Haaren, während sie eine Handvoll Immergrün in den Boden setzt.

Gelbe, violette, rote und weiße Stiefmütterchen stehen bereit, außerdem Bodendecker in Lindgrün, Limettengrün, Laubfroschgrün. An einem der Mustergräber ist Roland Prüße damit beschäftigt, 2000 Schlangenbartsetzlinge aus kleinen Plastiktöpfen zu pulen. Dutzende hat er schon rund um den Grabstein gepflanzt, der ihm zugelost wurde: ein Ensemble aus zwei Reisekoffern und einer Kommode, geschlagen aus hellem Stein.

"Es könnte das Grab für einen lebenslustigen Menschen sein, der seinen Tod wie einen Ausflug versteht", sagt Prüße. "Kurz mal weg", steht auf der Steinplatte - es ist eine nonchalante Art, Abschied von einem Menschen zu nehmen. Passend dazu hat der 44-jährige Gärtner aus Löhne eine junge Eiche mit einem besonders gewellten Blatt aufs Beet gepflanzt. "Diese Art heißt 'curly head'", sagt Prüße, "Krauskopf".

Botaniker auf der "Bounty"

Von so viel Detailliebe auf ihren Gräbern hätten die Pflanzenforscher des 18. Jahrhunderts nur träumen können. "David Nelson lebte ein kurzes, aber aufregendes Leben", steht auf einem Infoblatt neben der Vitrine, die dem Engländer gewidmet ist. "Jeder kennt die Geschichte von der 'Meuterei auf der Bounty'", sagt Ausstellungsgestalter Oliver Strömer. Aber keiner kenne den Botaniker, der damals mit an Bord war.

Nelson kümmerte sich um die 1015 Brotfruchtbaumsetzlinge, die die Crew von Tahiti auf die Westindischen Inseln bringen sollte - als billige Nahrungsquelle für die Sklaven. Doch bis dahin gelangte die Ladung nicht. "Die Besatzung hasste die pflanzliche Fracht", heißt es auf der Infotafel neben der Nelson-Vitrine. "Denn die Seeleute mussten während der Reise auf das knappe Trinkwasser verzichten." Es wurde für die Bewässerung der Pflanzen benötigt.

Ob dieser Umstand, das aufbrausende Temperament von Kapitän Bligh oder ein ganz anderer Grund Auslöser für die berühmte Meuterei auf der "Bounty" war, ist nicht abschließend geklärt. Aber die Expedition war die erste, bei der versucht worden war, Pflanzen per Schiff durch mehrere Klimazonen zu transportieren, um sie in einer anderen Region anzubauen. Es ist nur eine von vielen Geschichten, die Besucher bei der Gartenschau zu hören kriegen.

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1. Sie sollten sich schämen!
unglaeubig 24.04.2013
Zitat 'Grabstein in Form eines USB-Sticks Bunter geht es bereits auf dem IGS-eigenen Friedhof zu, wo 120 Steinmetze originelle Grabsteine präsentieren. In ein Exemplar hat ein Künstler eine Golftasche gemeißelt, aus der steinerne Schläger herausgucken. Daneben ragt ein überdimensionaler USB-Stick aus Granit aus der Erde. "Das soll ein Speicher der Liebe sein", sagt eine Frau...' Äußerst amüsant, ha-ha! Bei dem Friedhof handelt es sich tatsächlich um einen alten Friedhof. Meine Urgroßmutter hatte dort ihre letzte Ruhestätte. Heute steht an genau der Stelle ihres Grabes ein Grabstein aus Getränkekisten. Ich finde das kein bisschen lustig, sondern so pietätlos wie es überhaupt nur geht. Ein Ideenwettbewerb für moderne - schwachsinnige! - Grabsteinkunst passt überall besser hin als in einen Park den Angehörige heute noch als Gedenkstätte für ihre verstorbenen Verwandten und Freunde sehen! (Darüber, mit welcher Berechtigung dieser Park - wie große Teile Wilhelmsburgs - für knappe 5 Jahre für die Vorbereitung der Gartenschau gesperrte wurde, rede ich hier noch nicht mal!)
2. Jubelartikel
pixeldust 24.04.2013
Oh ein Jubelartikel und kein Wort über den Protest der Wilhelmsburger gegen IGS und IBA, siehe: http://ibanigsda.org/2013/02/07/wimpel-sind-da/ Für ein in Hamburg ansässiges Journal nicht gerade ein Ruhmesblatt.
3. Wimpel
rosenvater 24.04.2013
Zitat von pixeldustOh ein Jubelartikel und kein Wort über den Protest der Wilhelmsburger gegen IGS und IBA, siehe: Wimpel sind da! » IBA?NigsDA! | IBA?NigsDA! (http://ibanigsda.org/2013/02/07/wimpel-sind-da/) Für ein in Hamburg ansässiges Journal nicht gerade ein Ruhmesblatt.
"Wenn wir aber genauer hingucken, bedeutet Attraktivierung aber immer auch Preissteigerung." Na, ist ja mal was ganz Neues. Dann ziehen Sie doch in eine herunter gekommene Billiggegend. Wenn Ihnen das lieber ist. Abgesehen davon, können die Mieten dadurch nicht einfach erhöht werden.
4. Was haben sie erwartet ?
docker 24.04.2013
Zitat von unglaeubigZitat 'Grabstein in Form eines USB-Sticks Bunter geht es bereits auf dem IGS-eigenen Friedhof zu, wo 120 Steinmetze originelle Grabsteine präsentieren. In ein Exemplar hat ein Künstler eine Golftasche gemeißelt, aus der steinerne Schläger herausgucken. Daneben ragt ein überdimensionaler USB-Stick aus Granit aus der Erde. "Das soll ein Speicher der Liebe sein", sagt eine Frau...' Äußerst amüsant, ha-ha! Bei dem Friedhof handelt es sich tatsächlich um einen alten Friedhof. Meine Urgroßmutter hatte dort ihre letzte Ruhestätte. Heute steht an genau der Stelle ihres Grabes ein Grabstein aus Getränkekisten. Ich finde das kein bisschen lustig, sondern so pietätlos wie es überhaupt nur geht. Ein Ideenwettbewerb für moderne - schwachsinnige! - Grabsteinkunst passt überall besser hin als in einen Park den Angehörige heute noch als Gedenkstätte für ihre verstorbenen Verwandten und Freunde sehen! (Darüber, mit welcher Berechtigung dieser Park - wie große Teile Wilhelmsburgs - für knappe 5 Jahre für die Vorbereitung der Gartenschau gesperrte wurde, rede ich hier noch nicht mal!)
Als das IGS Szenario umgesetzt wurde , hat Herr Baumgarten als Chef der IGS und gleichzeitiger Vorsitzender des BUND Niedersachsen erstmal derart viele Bäume abholzen lassen, dass wir an das Kettensägenmassaker denken mussten. Hunderte Bäume abholzen für eine Gartenschau ? Naja. Den alten Friedhof im Mengepark kenne ich auch noch. Was ist eigentlich mit den schönen alten Grabsteinen passiert ? Die wurden doch hoffentlich nicht zu originellen Gehwegplatten verarbeitet ?
5. Gartenschau = Grünzerstörung
Tom E. 24.04.2013
In den fünfziger Jahren dienten Gartenschauen noch dazu, neue Parks zu schaffen. Seit der Bundesgartenschau in Kassel 1981, die Lucius Burckhardt mit einer Broschüre "Zerstörung durch Pflege" eindrucksvoll kritisierte, sind sie nur noch subventionierte PR-Veranstaltungen der Gartenbauindustrie. Während eines halben Jahres werden die Pflanzen mehrfach ausgetauscht, damit es immer schön blüht. Nach Veranstaltungsende ist pflegeleichtes Minimalgrün angesagt. Die Kommunen zahlen dafür, dass bestehende Grünflächen mit ihrer Mischung aus Parks, wertvollen Gewässern, Knicks und Bäumen sowie Spontanvegetation wie in Hamburg geschehen abgeholzt und ruiniert werden – zugunsten eines Disneyland der Gartenkultur. Bürger müssten sich stärker gegen diesen Blödsinn wehren und Politiker sollten nicht länger bereit sein, dafür Geld auszugeben.
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