Sicherheit am Meer: "Die Schwimmer unterschätzen die Gefahren"

In wenigen Tagen kamen in der Ostsee drei Menschen ums Leben. Im Interview erklärt DLRG-Rettungsexperte Peter Sieman, wie sich Schwimmer immer wieder in Gefahr bringen - und warum wohl 80 Prozent der tödlichen Unfälle vermeidbar wären.

Deutsche Gewässer: Gefahren im Meer Fotos
DPA

SPIEGEL ONLINE: In den vergangenen vier Tagen sind allein an der Ostsee drei Menschen gestorben. Unterschätzen viele die Kraft des Meeres?

Sieman: Das ist der wesentliche Faktor, warum tödliche Unfälle passieren: Die Leute überschätzen sich selber und unterschätzen die dort existierenden Gefahren.

SPIEGEL ONLINE: Wie bringen sich Schwimmer im Meer in gefährliche Situationen?

Sieman: Zunächst ist es oft Unwissenheit. Viele Menschen, die aus dem Binnenland kommen, kennen das Wasser und die Wellen nicht so gut. Jeder, der schon einmal in einer hohen Welle stand, weiß, dass die Kraft des Wassers immens ist. Gefährlich wird es, wenn Strömungen entstehen, die ein Unerfahrener nicht sehen kann. Oft ist es auch schiere Unvernunft, weil viele Menschen selbst die einfachsten Baderegeln nicht beherzigen, Warnhinweise ignorieren und mit einer Art Vollkasko-Mentalität ins Wasser gehen.

SPIEGEL ONLINE: Heißt geringer Wellengang denn automatisch, dass Schwimmen unbedenklich ist?

Sieman: Nein, es kann auch dann eine gewisse Grundströmung da sein. Wenn jedoch weder Wind noch Wellen vorhanden sind, kann man insbesondere an der Ostsee einigermaßen gefahrlos ins Wasser gehen - zumindest was die Strömung angeht.

ZUR PERSON

DLRG

Der Biologe Peter Sieman, 51, arbeitet seit vier Jahren als Koordinator der DLRG-Einsätze an der gesamten deutschen Küste. Seit 1976 ist er Rettungsschwimmer.

SPIEGEL ONLINE: Oft wird auch darauf hingewiesen, dass Badende sich von Pfeilern und Buhnen fernhalten sollten.

Sieman: Das ist richtig. Dort entstehen manchmal gefährliche Strömungen, außerdem können Wellen Schwimmer gegen diese Wasserbauwerke schleudern. Das kann zu Kopfverletzungen, Bewusstlosigkeit und schlimmstenfalls zum Ertrinken führen.

SPIEGEL ONLINE: Wie können Schwimmer einer Notsituation vorbeugen?

Sieman: Schon vorher sollten sie Rettungsschwimmer oder Einheimische fragen: 'Wo kann ich gefahrlos baden?' Wenn man Bescheid sagt, wo man ins Wasser gehen will und für wie lange, kann auch der Strandkorbnachbar ein bisschen aufpassen.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn sie im Wasser in Schwierigkeiten geraten?

Sieman: Dann gilt: Ruhe bewahren und auf sich aufmerksam machen, mit dem gestreckten Arm in Richtung Strand auf und ab winken. Gegen eine starke Strömung anzuschwimmen, ist sinnlos, ermüdet nur und führt oft zu Panik. Besser ist, sich ein Stück weit mit dieser Strömung treiben zu lassen und dann seitlich rauszuschwimmen. Oft dauert es nicht sehr lange, bis die Strömung nachlässt, und mit einem größeren Bogen gelangt man sicher an den Strand zurück.

SPIEGEL ONLINE: Rund 400 Menschen sterben jährlich in Deutschland beim Baden - welcher Anteil der Unfälle wäre vermeidbar, wenn die Menschen sich mehr mit den Risiken auseinandersetzen würden?

Sieman: Schätzungsweise vier von fünf Fälle, aber eine genaue Zahl lässt sich nicht sagen. Ein Großteil der Ertrinkungsunfälle passiert an unbewachten Badestellen. Wir empfehlen, nur in Freigewässern schwimmen zu gehen, die auch dafür freigegeben sind.

Das Interview führte Stephan Orth

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 44 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. leider wahr
spon_1804815 11.07.2013
Ich hatte selbst einmal das Glück von einem Butcher gerettet werden zu können. Bin in Warnemünde auf einem Schlauchboot in der Ostsee rumgepaddelt, nach 1h kam ich nicht mehr anLand, vor mir die Fähre nach Gedzer. Zum Glück wird der Strand überwacht. Der Spaß kam mich 50 DM
2.
agua 11.07.2013
Zitat von sysopIn wenigen Tagen kamen in der Ostsee drei Menschen ums Leben. Im Interview erklärt DLRG-Rettungsexperte Peter Sieman, wie sich Schwimmer immer wieder in Gefahr bringen - und warum wohl 80 Prozent der tödlichen Unfälle vermeidbar wären. Interview: DLRG mahnt zu mehr Vorsicht im Meer - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/deutschland/interview-dlrg-mahnt-zu-mehr-vorsicht-im-meer-a-910573.html)
Es ist Selbstüberschätzung und Unterschätzung der Gefahr des Meeres.Ich nenne es mangelnden Respekt.Ich wurde in Portugal auch schon des öfteren Zeuge von schierer Unvernunft,in denen dann der Rettungsschwimmer sein Leben auf das Spiel setzt.Rote Flagge an bewachten Badestränden ist generelles Badeverbot und das begründet.Und nicht,wie schon oft von Touristen vernommen,ein Zeichen der Faulheit des Rettungsschwimmers.Selbst an die vor Steinschlag warnenden ,großen ,an den Felsen angebrachten Schilder,sitzen Touristen angelehnt.Argument,dass es dort schattig sei.
3. Das schreit nach einer Rettungswestenpflicht
Kali Baba 11.07.2013
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINE: Rund 400 Menschen sterben jährlich in Deutschland beim Baden
Dazu gibt es eine schöne Parallele: rund 400 Radfahrer sterben jährlich in Deutschland beim Radfahren - und man drängt ihnen mit viel Geschrei die rettenden Helme auf. Beim Baden - egal ob Freibad, Baggersee, Fluss oder Meer - sollten konsequent Rettungswesten Pflicht werden! Zu tragen ab 20 m Distanz zum Wasser. Es ist ja nicht einsehbar, dass die Allgemeinheit für den verantwortungslosen Leichtsinn von unvernünftigen Freizeitlern zahlt! Und natürlich automatische Schuld bei bleibenden Schäden sowie voller Kostentragungspflicht für sämtlichen anfallenden Aufwand aller Beteiligten.
4. @ Kali Baba
frankenbarbie 11.07.2013
Ich denke Sie verkennen die Verhältnismäßigkeit...Was denken Sie, wie viele Leute täglich schwimmen in Seen oder dem Meer, ohne dass ihnen etwas zustößt...Der Wunsch jedes Risiko auszuschließen geht einher mit Regelungswut und einer Einbuße an Lebensqualität... Man sollte an die Eigenverantwortung appellieren und die Menschen aufklären. Eine Rettungswestenpflicht würde viele vom Schwimmen mit all seinen positiven Effekten (z.B. auf die Gesundheit) abhalten. Haben Sie diesen Effekt bei Ihrer populistischen Forderung mit bedacht?
5. optional
wetzer123 11.07.2013
Die Aussage mit den 80% ist na klar so Quatsch wie auch die Frage, wenn keiner badet dann wären 100% der Unfälle vermieden. Tatsächlich ist aber auch in meinen Augen eine gewisse Schuld gerade bei der DLRG die ja eigentlich helfen will. Aber ich erlebe es an der Nordsee wo früher erfahrene Rettungsschwimmer von den Inseln über Badeverbote entschieden haben. Jetzt wurde das ganze als Sparmodell an die DLRG gegeben. Da kommen dann Leute die sich mit den örtlichen Gegebenheiten schlechter auskennen als langjährige Gäste. Die nehmen dann natürlich die mitunter lächerlich früh verhängten Badeverbote nicht ernst, kennen aber sinnvolle Grenzen. Andere sehen dieses Beispiel kennen die Grenzen aber nicht und schon ist die Gefahr da. In diesem Sinne sind aus Unkenntnis und Unsicherheit heraus zu früh verhängte Badeverbote eine Gefährdung.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Deutschland
RSS
alles zum Thema Ostsee
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 44 Kommentare
Fotostrecke
Naturwunder und Baukunst: Welterbestätten in Deutschland