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Jubiläumsjahr in Bayern: Prunk und Tand im Blauen Land

Vor 125 Jahren starb der Märchenkönig, der Blaue Reiter wird 100: Gleich zwei Jubiläen feiert Bayern in diesem Jahr. Mit Sonderausstellungen würdigt der Freistaat den "Kini" und die Künstler - zu Lebzeiten waren jedoch nicht alle beliebt.

Bayern: Der Kini und die Künstler Fotos
TMN

München - Es war Anfang August 1908, als Wassily Kandinsky und Gabriele Münter bei einem Ausflug Murnau entdeckten. Vielleicht war es einer dieser gläsernen Tage, an denen im Murnauer Moos im bayrischen Voralpenland die Silhouetten der Berge überdeutlich hervortreten, die Farben in großen Flächen tief und klar die Landschaft bestimmen. Der Marktflecken mit seinen farbigen Häuserfronten entlang der Hauptstraße und einladenden Gasthöfen begeisterte das Künstlerpaar so sehr, dass sie sich hier niederließen.

Ihr Haus ist heute ein Museum - mit dem berühmten Blick auf Murnau, den Gabriele Münter in einem ihrer Bilder festhielt. Ein älterer Herr genießt auf einer Bank in der Kottmüllerallee die Sonne und ruft: "Sie wollen sicher zum Münter-Haus - das macht aber erst um 14 Uhr auf." Er kenne Gabriele Münter noch aus seiner Kindheit, berichtet er. "Und wissen's, eigentlich haben die Murnauer die Künstlerin nie so richtig gemocht."

Allein der Name "Russenvilla" lässt erahnen, wie fremd das Haus und seine Bewohner seinerzeit in Murnau empfunden wurden. Hier traf sich die Crème de la Crème der Expressionisten: Alexej von Jawlensky, Marianne von Werefkin, August Macke, Franz Marc. Und hier formierte sich auch die Künstlergruppe Der Blaue Reiter. "Den Namen erfanden wir am Kaffeetisch in der Gartenlaube in Sindelsdorf", schrieb Kandinsky einst. "Beide liebten wir Blau - Marc Pferde, Ich Reiter. So kam der Name von selbst".

Zu Ehren von Kunst und König

2011 stehen München und Oberbayern im Zeichen der Farbe Blau. Gefeiert werden zwei ganz unterschiedliche Jubiläen: Zum einen jährt sich die Geburtsstunde der Künstlergruppe Der Blaue Reiter zum 100. Mal, zum anderen starb vor 125 Jahren der bayrische König Ludwig II., dessen Lieblingsfarbe Blau war. Zahlreiche Veranstaltungen, Sonderausstellungen und Führungen laden Besucher ein, sich auf die Spuren des Märchenkönigs zu begeben und die Kunst des Blauen Reiters zu entdecken.

In Murnau vermittelt der Besuch des Münter-Hauses einen anschaulichen Eindruck von der Atmosphäre, die hier während seiner Glanzzeit vor dem Ersten Weltkrieg herrschte. Der Blick durch die Fenster erinnert an Motive, die heute in den Museen der Welt zu sehen sind: das Schloss und die Kirche, deren Turm von Bild zu Bild schiefer wird.

Auch im Jubiläumsjahr sind wieder Künstler unterwegs. Sie folgen zu Fuß oder per Fahrrad den Spuren des Blauen Reiters zu den Originalschauplätzen, wo die berühmten Bilder entstanden. Jeder Hobbykünstler will selbst den Zauber der oberbayrischen Moore fühlen, das Licht sehen und begreifen, warum Kandinsky und Co. vom Blauen Land sprachen.

Museum am See

Lohnenswert ist ein Ausflug ins nahe gelegene Kochel. Der kleine Ort am Walchensee kann sich mit dem Franz Marc Museum schmücken. Es wurde 2008 durch einen Neubau erweitert und beherbergt eine hochkarätige Gemäldesammlung. Neben der Kunst des Blauen Reiters sind vor allem wichtige Werke des Brücke-Expressionismus und von Paul Klee zu sehen. Eine einzigartige Sammlung mit Exponaten der Künstler des Blauen Reiters besitzt dank einer großzügigen Schenkung von Gabriele Münter das Münchner Lenbachhaus, das noch bis 2013 umgebaut wird.

Auch König Ludwig II., den viele Bayern bis heute als "Kini" verehren, kam oft nach Murnau am Staffelsee. Zumeist machte er hier einen Zwischenstopp, wenn er zu seinem Lieblingsschloss Linderhof unterwegs war. In einem Gasthaus, so berichtet die Chronik, diskutierte er über den geplanten Bau eines Versailles-Schlosses auf der Insel Wörth im Staffelsee. Doch der Inseleigentümer wollte nicht verkaufen, und die Minister wollten kein Geld locker machen. So blieb dieser Traum des Märchenkönigs unerfüllt.

Mythos vom Märchenkönig

Linderhof ist das einzige Schloss, das König Ludwig II. vollendet und bewohnt hat. Das erfahren die Besucher bei einem Rundgang durch das in einen kunstvoll angelegten Landschaftsgarten eingebettete Prunkschloss.

Sein bekanntestes Vermächtnis ist jedoch Schloss Neuschwanstein. "Dieser Ort ist einer der schönsten, die zu finden sind", schrieb Ludwig II. an seinen Freund Richard Wagner, "mein Schloss soll einmalig werden auf der ganzen Welt, berühmt bis weit übers Meer." Neuschwanstein entstand ab 1868 auf einem zerklüfteten Felsen und den Resten zweier mittelalterlicher Burgen. Es war seine letzte Zuflucht, bevor er für unzurechnungsfähig erklärt und gefangengenommen wurde.

Von dort aus wurde er am 12. Juni 1886 nach Schloss Berg gebracht, wo er einen Tag später im Starnberger See den Tod fand. Seine Schlösser, die nie ein Fremder betreten sollte und die den bayrischen Staat an den Rand des Ruins brachten, erwiesen sich im Nachhinein als glückliche Investition in die touristische Zukunft der Region - alljährlich drängeln sich Millionen Besucher aus aller Welt durch die Prachtschlösser, die für einen einzigen Bewohner bestimmt waren.

Die Menschen kommen, weil es den Mythos vom Märchenkönig noch immer gibt. Den Fakten dahinter widmet sich die Ausstellung "Götterdämmerung. König Ludwig II. und seine Zeit". Sie ist bis zum 16. Oktober im Schloss Herrenchiemsee zu sehen, das erstmals seinen Nordflügel öffnet und die unvollendeten Räume den Besuchern zeigt.

Detlef Berg, dpa

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Wir
Fensterladen 03.06.2011
Bayern sind halt flexibel im Denken und Urteilen und ändern auch mal unsere Meinung,w enns angebracht ist! Mir würde jetzt so auf Anhieb wirklich nichts einfallen, wo Bayern, verglichen mit den anderen Bundesländern, HINTEN dran wär! :-)
2. Neuschwanstein ist Bayern = Deutschland - ein Schloss als Botschafter
eva1811 05.06.2011
Neuschwanstein, was Ludwig II. damit erschuf konnte er damals nicht ahnen, ein Schloss wird zum Botschafter nicht nur Bayern sondern der Ganz Deutschlands für die "normalos" dieser Welt, sogar Medien, IT- und co nutzen dieses Schloss und kopieren es es virtuell, sei es Disneyworld oder Kino, von der Spielzeugindustrie mal ganz zu schweigen. Man könnte soviel anderes auch noch machen, evtl. eine "gruselige Seite" als Kurztrip (für ganz Deutschland oder EU-weit möglich) eine sogn. "Straße der Henker und Scharfrichter" und was aus diesen Familien geworden ist (jede normale Stadt in Deutschland, hatte im Zeitalter seit dem Mittelalter hier solch einen Henker/Scharfrichter"), man könnte hier die Archivare und Heimatpfleger befragen, auch das drumrum mit Henkersmahlzeit und co ... wie gesagt, diese "Idee" wäre voll ausbaufähig (ich bin jetzt hier nicht der Horrorfan, aber es gibt auch die dunkeln Seiten unserer Geschichte, die man nicht vergessen sollte).
3. Wer hat denn nun die Schlösser bezahlt?
Cangrande 06.06.2011
"... den bayrischen Staat an den Rand des Ruins brachten" heißt es im Artikel. Dagegen habe ich mittlerweile mehrfach gelesen, dass König Ludwig selbst (bzw. nach seinem Ableben das Haus Wittelsbach) die Schlossbauten (bzw. die dafür aufgenommenen Schulden) aus der eigenen Schatulle bezahlt haben. Was stimmt denn nun? Ich habe den Eindruck, dass der Autor hier ein Klischee nachgeplaudert hat.
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