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Kieztour durch Duisburg: Problemviertel? Sehenswürdigkeit!

Von Tobias Appelt und David Huth

Safransuppe bei Tante Hatice, Teestuben-Klatsch auf der Einkaufsmeile: Wer mit Mustafa Tazeoglu durch Duisburg-Marxloh streift, tourt nicht zu Sehenswürdigkeiten, sondern durch das pralle Leben in einem Kiez, der sein Problem-Image satt hat.

Kieztour im Ruhrgebiet: Duisburg mal anders Fotos
Tobias Appelt

Duisburg - Ein Reihenhaus in einer Nebenstraße, graue Klinkerfassade, schwarze Haustür. Mustafa Tazeoglu drückt den Klingelknopf, es summt, die Tür öffnet sich. "Kommt rein, Leute", sagt er. "Meine Tante hat gekocht." Dabei hat er nicht etwa seine Freunde im Schlepptau, sondern neun Menschen, die er erst seit wenigen Stunden kennt. Der 32-Jährige führt Touristen durch Duisburg-Marxloh, authentisch und spontan sollen die Rundgänge sein - deshalb enden sie manchmal auch mit Safransüppchen und Hirsebällchen im Wohnzimmer von Tazeoglus Tante Hatice.

Die Frau mit den dunklen Haaren nimmt den Besuchern die Jacken ab. "Fühlt euch wie zu Hause", sagt die 45-Jährige, ihr Neffe fläzt sich auf das helle Ledersofa. Alles sieht aus wie in einer deutschen Durchschnittswohnung, doch der Duft aus der Küche ist würzig-exotisch. Die Gruppe steht zunächst etwas verlegen in dem fremden Wohnzimmer herum, bis Hatice sie zu Tisch bittet.

Beim Essen spricht ihr Neffe über Marxloh - einst ein bodenständiger Arbeiterstadtteil, der heute einen Ruf als Problembezirk hat. Die Arbeitslosenquote ist hoch. Es gibt wilde Müllkippen und verdreckte Parks. Mehr als 60 Prozent der rund 18.000 Einwohner haben ausländische Wurzeln, die meisten kommen aus der Türkei. Viele Deutsche, die es sich leisten konnten, sind weggezogen.

"Der Stadtteil ist schon etwas heruntergekommen - da gibt es nichts zu beschönigen", sagt Tourteilnehmer Markus Heuer aus Velbert. Touristen kommen trotzdem. Aus der näheren Umgebung, aus ganz Deutschland, selbst Besucher aus Japan haben schon an Tazeoglus Touren teilgenommen. Wer sich anmeldet, weiß, dass er in Marxloh keine klassischen Sehenswürdigkeiten geboten bekommt, sondern das pralle Leben in einem Stadtteil, dessen Bewohner es leid sind, dass ihre Heimat immer wieder als sozialer Brennpunkt dargestellt wird.

Die Leute sollen sehen, dass multikulti Spaß macht

"Marxloh ist nicht so schlecht, wie die Leute oft behaupten", sagt Tazeoglu. Seine Touren beginnt er auf der lebendigen Weseler Straße, die sich schnurgerade durchs Viertel zieht. Sie ist keine Prachtmeile, hat aber ihren Charme. Anders als auf den großen Einkaufsboulevards, wie etwa an der Königsallee in Düsseldorf, steht hier nicht "Armani" oder "Brioni" auf den Ladenschildern - sondern "Özgül Accesoires" oder "Sultans Mode".

Neben den Schaufenstern mit paillettenbesetzten Hochzeitskleidern gibt es Spielhallen, Feinkostläden, Handygeschäfte, Juweliere, Teestuben - und den Kiosk, in dem Fatma Telci Zigaretten, Zeitungen und Süßigkeiten verkauft. "Wir haben uns hier so viel aufgebaut. Das negative Bild von Marxloh soll sich ändern", sagt sie.

Nicht weit entfernt liegt der Johannismarkt. Die Händler verkaufen Obst, Gemüse und ein bisschen Nippes. Auch Lydia Windrich baut hier jede Woche ihren kleinen Stand auf - seit mehr als 25 Jahren. In ihrer Freizeit schreibt die Marktfrau mit den grauen Locken Gedichte über den wohl buntesten Stadtteil Duisburgs. "Nirgendwo anders möchte ich leben, nein, ich schäme mich deiner nicht. Marxloh, ich liebe dich", endet einer ihrer Texte. Die 56-Jährige findet es gut, dass Touristen kommen. "Die Leute sollen sehen, dass es kein Nachteil ist, wenn viele Kulturen auf kleinem Raum zusammenleben."

Tazeoglus Gruppe ist am Pollmanneck angekommen. Kopfsteinpflaster, altehrwürdige Fassaden: Hier ist zu erahnen, wie gut es dem Stadtteil zu Zeiten der florierenden Stahlindustrie einst ging. In einem der Gebäude ist der Pera Grill eingezogen. Der Geruch von Fladenbrot und Dönerfleisch weht auf die Straße und mischt sich mit den Abgasen der Autos. Von rechts und links rollen Straßenbahnen heran. Ihr Lärm überdeckt die deutsch-türkischen Gesprächsfetzen der Passanten. An einer Hauswand lehnt ein Obdachloser. "Es sind diese Momentaufnahmen vom Leben in Marxloh, die ich den Menschen zeigen will", sagt Tazeoglu.

Tazeoglu war es leid, immer nur "der Türke" zu sein

"Zwiespältig" - so beschreibt er sein eigenes Verhältnis zu Marxloh. Er habe sich hier nie unwohl gefühlt, war es aber irgendwann leid, nur "der Türke" zu sein. "Also dachte ich: 'Scheiß auf Marxloh' - und bin nach dem Abi erst mal abgehauen." Tazeoglu reiste nach Frankreich, nach England, in die USA und die Türkei. Dort belustigte sein Akzent die Kollegen. Für sie war er der Deutsche. "Da begriff ich, dass Marxloh meine Heimat ist."

2008 hat Tazeoglu angefangen, Touristen herzuholen. Und manche Marxloher fragen sich immer noch, was an ihrem Quartier interessant sein soll. "Hier gibt's doch gar nichts zu sehen", staunt ein Teestubenbesitzer, als die Besucher vorbeischlendern. Der bärtige Mann steht vor seinem Lokal, blättert durch die "Hürriyet", zwischen seinen Lippen klemmt eine Zigarette. In seinem Laden sitzen Männer, unterhalten sich, trinken Tee, spielen Karten. Die Besuchergruppe nehmen sie kaum wahr.

Touristen gehören inzwischen zum Stadtbild. So wie die Merkez-Moschee. Zwei Mädchen huschen durch die offene Tür zum Koran-Unterricht. "Dass Touristen kommen, zeigt, dass sie sich für unsere Kultur interessieren", sagt Nilay, 16. "Das ist schön." Auch wenn die Deutschen nicht immer mit den Gepflogenheiten des Moscheebesuchs vertraut sind: "Nicht mit Schuhen auf den Teppich treten", mahnt der ältere Herr im Foyer, lächelt und bittet die Besucher herein.

Auch Tourteilnehmerin Barbara Winker betritt an diesem Vormittag Neuland. Zwar lebt sie seit dreieinhalb Jahren in Duisburg, in Marxloh jedoch war sie noch nie. "Mir ist wichtig, dass ich mir eine eigene Meinung bilde", sagt sie.

Der Rundgang entkräftet Vorurteile. Besonders der Anblick mancher Hinterhöfe und Gärten passt nicht zum düsteren Marxloh-Image: akkurat getrimmte Rasenflächen, Keramik-Schäfchen und TÜV-geprüfte Spielgeräte. Deutsches Spießbürgertum? "Nein", sagt Tazeoglu. "Hier leben fast nur Türken. Das ist die neue Marxloher Mittelschicht."

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insgesamt 61 Beiträge
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1. Werden
hesekiel2517 05.06.2014
..diese Führungen auch um 2°°Uhr nachts angeboten?Glaube ich, als in Duisburg Lebender(nein nicht gebürtiger Duisburger)eher nicht!
2. Sobald die Straßenlaternen angehen...
Sebastian Klein 05.06.2014
... würde ich keinen Fuß, auch nicht in einer Gruppe in diesen Stadtteil setzen. Mag ja sein dass das in den Augen derer, die sowas nie kennengelernt oder am eigenen Leib gespürt haben, was ganz tolles ist, solange man sich nach ein Paar Börek und nem Apfeltee wieder in sein Sicheres und geordnetes Leben in Oberkassel zurückziehen kann...
3. Nachts um 2
motus1 05.06.2014
würde ich auch nicht gerne alleine durch Berlin, Hamburg, München oder Frankfurt gehen. Was soll die Häme? - Das Ruhrgebiet ist Mega-Cool, viel cooler als Berlin (weit überschätzt), Hamburg (schicki-micki) oder München (eigentlich das größte Dorf der Welt).
4. Ich habe 7 Jahre lang in Duisburg gewohnt,
Sibylle1969 05.06.2014
Weil ich an der dortigen Uni studiert habe. In dieser Zeit war ich genau einmal in Marxloh, als ich ein Elektrogerät abholen wollte, das ich per Kleinanzeige gebraucht gekauft hatte. Der Stadtteil war schon in den frühen 90ern sehr heruntergekommen. Wer es sich leisten konnte, wohnte ganz sicher nicht dort, denn Duisburg hat auch viel bessere und schönere Stadtteile zu bieten.
5.
jacktoast 05.06.2014
Was ist nur aus Marxloh geworden ? Vor mehr als vierzig Jahren bin ich dort als Kind aufgewachsen. Es war ein gutes Viertel, gutbürgerlich. In dem gelblichen Gebäude hinter dem Johannismarkt befand sich mein Kindergarten. Die Straßen waren sauber, die Geschäfte bodenständig, die Menschen freundlich. 1990 zog ich in die Ferne. Vor zehn Jahren fuhr ich zuletzt durch Marxloh, und konnte es kaum glauben, was aus meinem Stadtteil geworden ist. Die heutigen Touristenführungen werden von den Teilnehmern wahrscheinlich eher als Freakshow und Abschreckung wahrgenommen. Touristischer Genuss sieht anders aus. Schade eigentlich.
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