Kiosk-Kultur im Ruhrgebiet Schluss mit dem Budenzauber

Lakritzschnecken gibt's einzeln, die Flasche Bier mit Pfand für 65 Cent - und am wichtigsten: einen Plausch mit jedem Kunden. Die Bude ist im Ruhrgebiet der zentrale Nachbarschaftstreffpunkt. So auch bei Kioskbesitzer Willy Göken in Essen. Jetzt soll er einem Neubauviertel weichen.

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Willy Göken reicht dem Peter eine Packung von den "roten" Zigaretten aus dem Kiosk und Peters Hund etwas Trockenfutter. Der braun-weiße Rüde kennt das schon, er stellt sich auf die Hinterbeine, wedelt mit dem Schwanz und stützt sich erwartungsvoll auf die Autozeitschriften. "Ja was ist los", sagt Kioskbesitzer Göken und lacht. Er weiß, dass Peter mit "den Roten" John Player Special meint. Er kennt fast jeden in Essen-Altendorf und freut sich, wenn sie ihn auch erkennen. Seit 47 Jahren verkauft Willy in diesem Kiosk Zigaretten, Bier und Süßkram wie die Rotella-Schnecken Nr. 22 für 5 Cent.

Nun soll er weg. Wenn es nach der Stadt und den Investoren geht, werden in drei Jahren an der Stelle von Willys Kiosk Bäume stehen. Der Mietvertrag wurde schon gekündigt. Die Rüselstraße, auf der Willy im Sommer Straßenfeste und im Winter Glühweintreffen organisiert, wird durch eine "Uferpromenade" mit "Freitreppe" ersetzt. Der Bahndamm, an den sich Willys Kiosk schmiegt, auf dem früher die Güterzüge mit Kohle und Flüssigeisen entlangdonnerten, wird abgetragen, an seine Stelle kommt ein See. Alte Wohnblöcke mit "180 nicht mehr zeitgerechten und vorwiegend leerstehenden Wohnungen" werden abgerissen, 100 von 500 Kleingärten auch und der Bahndamm auf 300 Metern Länge.

Auf dem Bebauungsplanentwurf ( PDF-Dokument) der Stadt Essen sieht das sehr idyllisch aus. Da stehen schöne Schlagworte wie "Wohnen am Wasser", "städtebauliche Aufwertung" und "Revitalisierung". Von Willy Gökens Kiosk steht da nichts. Das ist eine stadtplanerische Dummheit. Statt es abzureißen, müsste man Gökens Büdchen unter Denkmalschutz stellen, als herausragendes Beispiel der fürs Ruhrgebiet typischen Trinkhallen.

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Ruhrpott-Büdchen: Ein Jahrhundert Kiosk-Kultur
Diese Kioske sind mit der Industrialisierung im Ruhrgebiet entstanden, die ersten sollen Mitte des 19. Jahrhunderts in Barmen, Düsseldorf und Aachen von Mineralwasserabfüllern zum Straßenverkauf aufgestellt worden sein. Die Städte vermieteten dafür Grundstücke sehr günstig. Die Absicht dahinter: den Alkoholkonsum eindämmen. In den zwanziger Jahren erweiterten viele Trinkhallen ihr Angebot um kleine Snacks (Gurken, Heringe). Betreiber waren oft Kriegsbeschädigte oder Bergmannswitwen.

1963 schrieben die Kruppianer bei Göken an

So ähnlich begann auch Willy Gökens Bude: Seine Mutter hat den Kiosk 1953 mit Hilfe einiger Bergleute aus der Nachbarschaft aufgebaut, nachdem ihr Mann früh verstarb. Willy war damals 14, da konnte man auf Straße vor der Bude noch Fußball spielen, so selten kam ein Auto vorbei. Willy machte eine Maurerlehre, betrieb eine Wäscherei und übernahm 1963 den Kiosk seiner Mutter: "Das brummte hier, als der Krupp noch groß war. Da kriegten die zweimal im Monat Geld. Dazwischen wurde angeschrieben."

Und das Geld hat er immer bekommen, sagt Willy: "Pünktlich am 15. oder am 28., das waren die Bergleute oder die Kruppianer. Von denen hat mich nie einer hängen lassen." Damals fuhren auf dem Bahndamm noch Züge. "Flüssigeisen, tonnenweise! Da hast du geglaubt, du hättest abgehoben im Bett, wenn einer vorbeidonnerte."

Wenn Göken davon erzählt, mit seinen Stammkunden schäkert und lacht, wirkt er wie Ende 50. Der Mann mit dem schwarz-blauen Rautenpullover, dem grauen Schal und Schnauzer ist aber 71. Das spürt man nur, wenn er vom nahen Ende der "Trinkhalle Willy Göken" erzählt. Da schaut er meistens nach unten, seine Stimme wird monoton, er wirkt älter als sonst.

Im Angebot: "Billig Bier, Flasche incl. Pfand 0,65"

Was mit einer Bude verloren geht, kann man nicht am Sortiment festmachen. Cracker, Milch, Gasflaschen, "Billig Bier, Flasche incl. Pfand 0,65" - das ist nur ein Teil des Angebots. Was die Bude ausmacht, sind Dialoge wie der zwischen Peter und Werner, zwei Stammkunden. Peter fummelt die rote Players-Packung auf und steckt sich eine Zigarette zwischen die Lippen, sein Hund springt zu Willy hoch, der im Verkaufsfenster lehnt. Da kommt Werner, dunkelblaue Schirmmütze, grauer Parka und quatscht Peter an:

"Dich hab ich schon lange nicht mehr gesehen."
"Ich grüße dich."
"Biste immer noch nicht umgezogen?"
"Nee"
"Haste noch Zeit."
"Am 23., wurde um eine Woche verschoben."
"Ach so. Und was macht die Frau?"
Peter schüttelt den Kopf.
"Wenn ich da hinkomme und zwei Tage nicht da bin, sagt sie: 'Oh bist du schon da'."
"Ich hab das ja mit meiner Mutter mitgemacht, die war genauso."
"Jaja."
"Die hat zu mir gesagt: 'Wer sind Sie denn?'"
"Erkennen tut sie mich noch. Auch die anderen Geschwister und so."
"Aber Werner, die Zeit kommt, da sagt sie: 'Wer sind Sie denn?'" Da musst du ganz, ganz hart sein. Da musst du denken, wir wollen alle alt werden."
"Neee, so will ich nicht alt werden".
Werner schüttelt den Kopf und steckt seine Zigarette an.

Gökens Bude ist ein bisschen Eckkneipe, Stadtteiltreffpunkt und Veranstaltungsort.

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
Haio Forler 06.05.2010
1. .
Zitat von sysopLakritzschnecken gibt's einzeln, die Flasche Bier mit Pfand für 65 Cent - und am wichtigsten: einen Plausch mit jedem Kunden. Die Bude ist im Ruhrgebiet der zentrale Nachbarschafts-Treffpunkt. So auch bei Kioskbesitzer Willy Göken in Essen. Jetzt soll er einem Neubauviertel weichen. http://www.spiegel.de/reise/deutschland/0,1518,688541,00.html
Willy Göken mag ja ganz nett sein. Aber muß man einem Laden hinterherweinen, der täglich 1000 Male von der Letzten Deutschen Arbeiterreserve zwecks Einkauf von Bier heimgesucht wird? Seltsam Vorstellungen von Romantik haben da so einige ...
john mcclane, 06.05.2010
2.
Was ist das denn jetzt? Vor ein paar Tagen hat der Autor noch anhand mehrerer Beispiele aufgezeigt, warum viele Ruhrpott-Klischees Unfug sind und die Einwohner oft lustvoll Selbstbetrug betreiben. Und jetzt trauert er ausgerechnet diesen Kaschemmen, die hauptverantwortlich sind für das Image des Ruhrgebiets als Säufer-Hochburg hinterher? Ich habe zwei Jahre lang in einer Seitenstraße der Altenessener Straße gewohnt. Von meiner Haustür bis an die Theke der Trinkhalle waren es genau 14 Schritte. Ich war heilfroh, das der Typ abends sein Geld verdient hatte und jeden Tag um 21.00 Uhr seine Bude dicht machte. Was daran Folklore sein soll, wenn ein Kaputter sich morgens um halb acht schon Kaffee-Cognac reintut oder ein anderer Nachmittags um fünf im öligen Blaumann, noch ehe er zu Hause vorbeiguckt ein paar Pullen Bier gönnt, war und ist mir völlig schleierhaft...
bateaubus 06.05.2010
3. Die Bude
Das hat mich weinen lassen. Sind wir alle jeck. Was wird aus uns? Die Griechen muessen sich tragisch wehren gegen die Geldscheindrucker (Familie Bauer, jetzt Rothschild genannt - hoeren Sie mich), die jetzt Europa untergehen wollen um das letzte Geld aus uns allen zu pressen, und wir halten nicht die eigene Menschlichkeit und Menschenwaerme aufrecht? Wohnen am See! Ohne Herz! Es liegt an uns zu lieben. Bitte sich nicht unterkriegen lassen :-)
Der Enttäuschte 06.05.2010
4. Mann...da kommt Wehmut auf
jaja, die Büdchen. Als Jahrgang ´62 kenn´ich diese Art von Büdchen nur zu gut. Untrennbarer Bestandteil der Kindheit und Jugend. Irgendwann sind ´se alle wech...schade.
FIutschfinger, 06.05.2010
5. Kultur?
Also hier im Rhein-Main-Gebiet (Frankfurt/Offenbach) haben diese Trinkhallen rein garnichts mit Kultur zu tun. Da stehen nur immer die gleichen traurigen Gestalten rum, die sich besaufen. Bin froh über jeden Kiosk der abgerissen wird. Obwohl das Problem vermutlich dadurch nicht gelöst wird. Treffen sich die ganzen Kiosk-Kinder dann halt an der nächsten Tankstelle.
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