Radtour in Mecklenburg: Strampeln über die Schlossallee

Man kann sich verlieren im Klützer Winkel: Die idyllische Gegend an der Ostsee bietet gestressten Städtern reichlich Zerstreuung - und wagemutigen Radfahrern ein wenig Nervenkitzel auf alten Wegen.

Klützer Winkel: Idylle in Mecklenburg Fotos
TMN

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Autobahn 20 von Lübeck nach Rostock, Ausfahrt Schönberg - und dann geht es über schmale Landstraßen geht es nun geruhsam. Alleebäume im Herbstgelb, kleine Orte, Dorfteiche mit Entengrütze, abgeerntete Felder, Wiesen. Dann taucht am Horizont die sonnenbeschienene Marienkirche auf. Der Turm des gut 750 Jahre alten Gotteshauses überragt mit 56 Metern die gesamte Gegend, die ihren Namen dem 3000-Seelen-Städtchen Klütz verdankt. Auf einem Hügel über dem Ort thront die historische Windmühle, in der heute ein Restaurant mit weitem Blick über den Klützer Winkel zu Hause ist.

Auf ihrem Anwesen wartet Reinhild Ruhnke. "Bitte bedienen Sie sich", sagt sie und deutet auf die Apfel- und Wallnussbäume in ihrem Bauerngarten. Dann pflückt sie einen herbstlichen Strauß zur Begrüßung. Das frühere Herrenhauses ist ein Idyll mit absoluter Ruhe - und ein guter Ausgangspunkt für Touren in die Umgebung.

Der erste Ausflug per Fahrrad führt Richtung Steilküste. Familien bauen am Strand Steinmännchen, ein Pärchen hat es sich in der Nachmittagssonne auf einem großen Findling bequem gemacht. Vater und Sohn lassen einen Drachen steigen. Ein paar Minuten weiter mit ist man im Seebad Boltenhagen. Auch an diesem Herbstsonntag herrscht dort viel Betrieb. Die Cafés sind voll, auf der Seebrücke drängeln sich die Ausflügler.

Ganz anders sieht es aus am nächsten Morgen auf den kleinen Straßen im Hinterland. Von Klütz geht es über Arpshagen nach Goldbeck und Kühlenstein. Gänse schnattern durch Gärten, Pferde grasen auf weiten Wiesen. An den Straßenrändern stehen uralte Kopfweiden. Weiter hinten liegt der Leonorenwald. In Rankendorf ragt der Speckturm auf. Der Bau aus dem 19. Jahrhundert diente den Dorfbewohnern früher dazu, um Würste, Schinken und Speck zu räuchern - und den Touristen heute vor allem als Fotomotiv.

40 Meter Steilküste

Nicht weit vom ökologisch bewirtschafteten Gut Brook führt die Tour an den Strand. Richtung Westen erstreckt sich entlang eines Naturschutzgebietes einer der schönsten Küstenabschnitte Mecklenburgs. Man blickt von dort über die Lübecker Bucht bis nach Schleswig-Holstein. Kleine Bäche münden hier in die Ostsee. Schwäne starten zum Rundflug. Auf den Sandbänken hocken Möwen und Enten. Am Himmel kreist ein Seeadler.

Zurück geht es über den an vielen Stellen bestens ausgebauten Ostsee-Radweg. Etwas Kondition sollten Radler mitbringen: Auf der Stecke, die hier auf dem alten Kolonnenweg der DDR-Grenztruppen verläuft, geht es auf und ab. An manchen Stellen ragt die Steilküste 40 Meter auf.

Am nächsten Tag dauert es mit dem Auto rund 30 Minuten bis Wismar. Das historische Zentrum wurde 2002 in die Welterbeliste der Unesco aufgenommen. Obwohl Wismar ein Touristenmagnet ist, bereitet die Parkplatzsuche kaum Mühe. Schnell ist man anschließend zu Fuß auf dem Marktplatz. Die Fotoapparate richten sich auf das Rathaus - und auf den Alten Schweden, ein um 1380 erbautes Backsteinhaus, das als ältestes Gebäude Wismars gilt.

Beeindruckend sind die Backsteinkirchen wie St. Nikolai und St. Georgen. Ganz profan dagegen ist ein Jugendstilbau am Ende der Krämerstraße: Darin hat Rudolph Karstadt 1881 sein späteres Warenhausimperium gegründet. Am historischen Hafen wird frischer Räucherfisch verkauft.

Wismar vorgelagert ist die Insel Poel, die - Dank einer Brücke - verkehrstechnisch eigentlich nur eine Halbinsel ist. Alle Straßen führen durch den zentralen Ort Kirchdorf. Viele Tagesausflügler nutzen die Nachmittagssonne im Seebad Timmendorf für einen Strandaufenthalt. Wer die Küste entlang wandert, hat den Strand bald für sich allein - kilometerweit.

Imposante Anlage mit Wassergraben

Ähnlich ist es auf der Landspitze Hohe Wieschendorf Huk, die zwischen Klütz und Wismar gut zwei Kilometer weit in die Ostsee hinausragt. Ein kleiner Weg, der am Campingplatz an der Wohlenberger Wiek beginnt, führt oberhalb des Strandes um die Landspitze herum. Es gibt Abschnitte mit Steilküste, mehrere Aussichtspunkte und jede Menge Sanddorn. Die reifen Beeren leuchten überall tieforange in der Sonne.

Der Klützer Winkel ist reich an Schlössern und Gutshäusern. Die imposanteste Anlage ist jedoch nur von außen zu besichtigen: Schloss Bothmer direkt vor den Toren von Klütz. Das von Reichsgraf Hans Casper von Bothmer Anfang des 18. Jahrhunderts errichtete und von einem Wassergraben umgebene Ensemble gilt als größte barocke Schlossanlage Mecklenburg-Vorpommerns. Einzigartig ist die 300 Meter lange sogenannte Festonallee aus Linden. Schloss Bothmer ist seit 2008 im Besitz des Landes Mecklenburg-Vorpommern und wird schrittweise saniert.

Fast immer geöffnet ist das kleine Gartenhotel und Café "Landhaus Sophienhof", das in der Klützer Ortsmitte liegt - bekannt seine selbstgemachten Torten gerühmt. Wer für den Garten daheim etwas sucht, kann nicht weit davon in der Staudengärtnerei rund um eine denkmalgeschützte Fachwerkscheune ins Schwärmen geraten: 700 verschiedene Gewächse bieten Julia Schmoldt und Anne Frederich zum Kauf an.

Ein Angebot ganz anderer Art macht das "Literaturhaus Uwe Johnson" in der Nähe des Klützer Marktplatzes. In dem früheren Getreidespeicher aus dem 19. Jahrhundert hat der Schriftsteller zwar nie gelebt. Johnson (1934 bis 1984) hat Klütz vermutlich noch nicht einmal persönlich besucht. Die Stadt soll aber sein Vorbild gewesen sein für den fiktiven Ort Jerichow im Roman "Jahrestage". Wer das Buch liest und Klütz sieht, will es gerne glauben.

Matthias Brunnert/dpa/dkr

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