König Ludwigs Schachenschloss Berghütte mit vergoldeten Wänden

Der G7-Gipfel in den bayerischen Alpen wird Millionen kosten. Nicht weit von Elmau entfernt baute sich Ludwig II. einst eine Berghütte. Bescheiden von außen - und innen atemberaubend protzig.

Bayerische Schlösserverwaltung

Den Königsweg haben die Regierungschefs bei ihrem G7-Treffen im Wettersteingebirge direkt vor der Nase. An ihren Luxussuiten vorbei führt er von Elmau aus in eine wahre Traumwelt. Die hat Ludwig II. auf 1866 Meter Höhe erbauen lassen: ein einzigartiges, honigfarbenes Schlösschen am Schachen, auf einem Plateau knapp oberhalb der Baumgrenze und umgeben von einer schroffen Bergwelt.

Zurzeit ist der Pfad hinauf aus Sicherheitsgründen gesperrt. Bis zum 9. Juni riegeln ein drei Meter hoher Maschendrahtzaun und jede Menge Polizisten das Schloss Elmau, in dem sich Kanzlerin Angela Merkel und ihre präsidialen Gäste einquartiert haben, von der Umgebung ab. In Nicht-G7-Zeiten aber sind es dreieinhalb Stunden Fußmarsch oder eine knackige Mountainbike-Fahrt über den Königsweg ins Reich des verrückten Bayern-Monarchen.

Auf den ersten Blick erscheint die königliche Berghütte geradezu bescheiden im Vergleich zu Schloss Elmau. Auch im Inneren: Die Wände des königlichen Wohn- und Schlafgemachs sind mit Zirbelholz verkleidet, die Böden mit karierten Rosshaardecken gegen die aufsteigende Kälte belegt. In jedem bürgerlichen Haushalt könnten die bayerisch-blau bezogenen Möbel gestanden haben.

Geburtstagsfete à la Sultan Selim III.

Wer dann verschwitzt in Bergschuhen die enge Wendeltreppe in Ludwigs II. Schlösschen hinaufklettert, erreicht im "Türkischen Saal" eine andere Welt: vergoldete Wände, kostbare Teppiche, bestickte Diwane um einen prunkvollen Springbrunnen, riesige Pfauenfedern, Kandelaber, reich verzierte Räucherpfannen und ein tonnenschwerer Kronleuchter. Das Licht, das durch die bunten Glasfenster dringt, taucht den Raum in violette Farben - tausendundeine Nacht zwischen Edelweiß und Enzian.

Das Belvedere, das der König als Aussichtspunkt erbauen ließ, erlaubt einen weiten Blick ins Reintal. Am Horizont, hinter Garmisch-Partenkirchen, lässt sich ein Zipfel des Starnberger Sees erahnen. "Der Ludwig wusste schon, wo die schönsten Orte sind", sagt Andreas Leitenbauer. 130 Jahre nach dem König regieren er und seine Frau Marianne auf dem Schachen - in Dirndl und Lederhosen.

2005 pachteten sie als Hüttenwirte das ehemalige Gesindehaus gleich unterm Königspalais vom Freistaat Bayern. Das G7-Jahr ist für sie ihre zehnte Saison auf dem Gipfel. Vom Treffen der mächtigsten Staatenlenker unten im Tal lässt Leitenbauer sich nicht beeindrucken: "Zu uns werden halt weniger Leute hochkommen." In diesen Tagen führen nur anspruchsvollere Routen als der Königsweg zum Schachen hinauf - entweder durch die Partnachklamm und über den Kälbersteig, durchs Reintal oder von Mittenwald aus.

Ludwig II. entschwand alljährlich zu seinem Geburts- und Namenstag am 25. August in sein Bergrefugium. Während die Bauern auf den umliegenden Gipfeln Freudenfeuer entzündeten, zog er sich in seinen Türkischen Saal zurück. In einem englischen Magazin von 1840 hatte der fernwehkranke Bayer die Abbildung des historischen Saals im Palast von Sultan Selim III. entdeckt und nachbauen lassen.

Mitten im Wettersteingebirge warf sich der König dann in ein Sultansgewand. Seine Diener mussten sich als "Muselmanen" verkleiden, mit Turbanen und klimpernden Ohrringen, mit den Pfauenfedern wedeln, auf Teppich und Kissen herumlungern, Mokka schlürfen, Wasserpfeife rauchen - und vor allem den Mund halten. Kein bayerischer Laut sollte die Illusion zerstören. Wenn Ludwig II. genug hatte, brauchte er nur die Fenster zu öffnen. Schon war er wieder zurück in seinen bayerischen Bergen - und der Realität.

Im August 1885 feierte der Monarch seinen letzten Geburtstag hier oben. In einen schlabbrigen Seidenkaftan gehüllt, erklärte Graf Dürkheim ihm, dass er mittlerweile mit dem Bau seiner Schlösser fast 14 Millionen Mark Schulden habe. Das wollte Ludwig II. nicht hören. Zehn Monate später wurde er entmündigt.

Lammbraten vom eigenen Hof

Auf dem Schachen kann sich inzwischen auch das Fußvolk eine Übernachtung leisten. Allerdings nicht in den königlichen Gemächern, sondern nebenan in Leitenbauers Schachenhaus. 75 Übernachtungsplätze sind zu vergeben: neben drei Matratzenlagern auch acht "Suiten" mit einem, zwei, drei oder vier Betten. Alle sind mit Holz getäfelt, fast so wie die Räume im Königsschloss, nur um einiges kleiner. Dafür kostet die Nacht pro Person nur 17 Euro, während im Edelquartier von Merkel, Obama, Hollande & Co. die 125 Quadratmeter große Summit-Suite laut Internetrate bei 1860 Euro liegt.

"Alles, was im Schachenhaus auf den Tisch kommt, stammt aus unserer eigenen Landwirtschaft", sagt Andreas Leitenbauer. 60 Lämmer und zwei Ochsen sind das in einem Sommer von Ende Mai bis Anfang Oktober. Seine Familie betreibt unten im Tal einen Bauernhof. Im Hauptberuf ist Leitenbauer allerdings nicht Gastwirt, sondern Bankangestellter. Drei Tage arbeitet er pro Woche bei der Sparkasse. Die restlichen steht er auf dem Schachen am Herd: "Dann kocht der Chef persönlich", sagt er. "Lammbraten und Tellerfleisch und immer eine frische Rindssuppe."

Gegen ein anderes möchte Andreas Leitenbauer sein Leben nicht mehr tauschen: "Hier oben, das ist der schönste Arbeitsplatz, den man sich vorstellen kann, mit der schönsten Aussicht, die es gibt." Und inmitten einer großartigen Bergwelt ganz weit weg von politischen Gipfeln.


Informationen: Schachenhaus und Schachenschloss sind 2015 voraussichtlich vom 23. Mai bis 3. Oktober geöffnet. Der Aufstieg über den Königsweg von Elmau aus ist vom 30. Mai bis 9. Juni wegen des G7-Treffens gesperrt. Das Königsschloss kann nur mit einer Führung besichtigt werden. Sie findet täglich um 11, 13, 14 und 15 Uhr statt.

Angela Böhm/srt/abl

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insgesamt 10 Beiträge
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spon-facebook-1035483455 03.06.2015
1. Der Blick auf Garmisch-Partenkirchen
Vor etlichen Jahren frage mich ein Kollege, ein gebuertiger Partenkirchner, von welchem Punkt aus man den besten Blick auf Garmisch-Partenkirchen habe. Als ich mit der Antwort zoegerte, gab er selbst die Antwort auf seine Frage: Schloss Schachen. Nun war ich kurz zuvor dorthin aufgestiegen und kommentierte deswegen seine Antwort mit dem Hinweis, dass man doch vom Schloss Schachen aus den Ortsteil Garmisch gar nicht sehen koenne. Er grinste und erwiderte: "Genau deswegen."
odod 03.06.2015
2.
Was gern übersehen wird: Seine Schulden waren allesamt private Schulden und wurden auch schließlich aus dem Privatvermögen der Wittelsbacher beglichen. Hat die Staatskasse, die heutzutage davon mehr als profitiert, nicht zusätzlich belastet. Von dem "Gehalt", dass er jährlich bekam mal abgesehen, aber das wäre ja so oder so geflossen. Wo wäre denn der Freistaat heute ohne Ludwig II. ?!?
beteigueze 04.06.2015
3. Stilsicher
war er, der Kini. Kenne niemanden der für seine Phantasien perfektere "Locations" gefunden hätte. Und noch etwas: er war sicher ein Träumer und vlt. sogar ein Mann, der Frauen nicht mochte (außer Sissi). Aber er war ganz sicher nicht "verrückt", wie im Artikel beschrieben. Eher entrückt, was man bei König, dessen Reich an die 1.000 Jahre Bestand hatte und im Handstreich von einem preußischem Juncker geraubt wurde, durchaus erwarten kann.
Scheidungskind 04.06.2015
4. Weitere Attraktion am Schachen
Nicht zu vergessen ist der Alpengarten auf dem Schachen (vom 18.06. bis 08.09.2015 geöffnet), nur wenige Schritte vom Schachenhaus. Seit mehr als 100 Jahren betreut der Botanische Garten München diese Außenstation mit über 1.000 Pflanzenarten aus den verschiedensten Hochgebirgen von den Alpen bis zum Himalaja. Die betreuenden Studenten sind meist locker drauf und erzählen auch gerne mal abseits der Führungen die eine oder andere Anekdote aus dem Leben im Hochgebirge.
kasam 04.06.2015
5. Er arbeitet
im Grunde noch immer für Bayern und das nicht schlecht. Was wäre Bayern ohne ihn ? Kleinlauter
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