Königsstuhl auf Rügen Ein paar Planken, viel Ärger

Am Königsstuhl auf Rügen gibt es Zoff. Die Insulaner wollen die Touristen halten - doch wie? Sie streiten um eine gesperrte Holztreppe und eine geplante Aussichtsplattform. Jetzt kommt ein Bürgerentscheid.

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Von Rügen berichtet Steve Przybilla


Die Erde ist staubig und trocken nach der Hitzeperiode, die Luft warm. Von oben rieseln gelbe Blätter auf den Weg, wie im Herbst. Mit Rucksäcken, Sonnenbrillen und Trinkflaschen stapfen die Wanderer durch den Wald von Rügen. Einer will sich eine Zigarette anstecken. Ein Park-Ranger, der das sieht, schreitet ein: "Waldbrandgefahr!", sagt er.

Bis zu 800.000 Besucher kommen jedes Jahr zum Königsstuhl im Nationalpark Jasmund. Sobald die Felsformation in Sichtweite kommt, zücken die meisten ihre Smartphones. Nur die Holztreppe in der Nähe von Lohme, die von dem berühmten Kreidefelsen hinunter zum Strand führt, betritt niemand mehr. Zwei Holzgitter und mehrere Warnschilder sollen Wagemutige abhalten:

"Betreten verboten!"
"Gefahr von Kliffabbrüchen"
"Gefahr von herabfallenden Ästen"
"Vorsicht Steinschlag"

Die meisten nehmen die Hinweise kommentarlos zur Kenntnis. Sie wandern weiter, schauen sich die Eiszeit-Ausstellung im Besucherzentrum des Nationalparks an. Von der Debatte, die auf der Insel seit Jahren um die maroden Holzplanken geführt wird, bekommen die Urlauber wenig mit - wenn sie nicht gerade Lokalzeitungen lesen.

"Wir wollen den Anblick vom Strand genießen"

Ein paar Kilometer weiter nördlich sitzt Jörg Burwitz auf der Terrasse seines Restaurants Daheim. Eigentlich könnte der 62-jährige Gastwirt aus Lohme sich zurücklehnen. Strandkörbe, Sonnenschirme und frisch gestrichene Holzstühle stehen für die Gäste bereit, es duftet nach überbackener Dorade. "Noch sind genügend Urlauber da", sagt Burwitz. "Aber wie lange noch? Wir erleben hier einen konstanten Rückgang an touristischen Angeboten."

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Rügen: Zoff am Königstuhl

Burwitz war bis 2009 Bürgermeister von Lohme, dem 450-Einwohner-Ort im Norden von Rügen. Politisch engagiert ist er noch, jetzt allerdings in einer Bürgerinitiative. "Bewahrt Lohme" heißt sie, wenngleich ihre Mitglieder nicht nur für den Ort, sondern für die ganze Insel kämpfen wollen. Im Fokus: jene Treppe, auf die im Mai 2016 ein Baum fiel und die seitdem gesperrt ist - aus Sicherheitsgründen, wie die Behörden mitteilen.

Die Sanierung der Treppe sei lange geplant und politisch gewollt gewesen, sagt Ingolf Stodian, 50, der den Nationalpark Jasmund leitet. "Das Geld stand zur Verfügung", aber der "Zwischenfall mit dem Baum" habe zu einer Neubewertung geführt und "das hat das ganze Projekt zum Einsturz gebracht". Der Mann im grau-grünen Hemd mit der randlosen Brille weiß, welche Emotionen die Holztreppe auf Rügen auslöst: "Ich bedauere das sehr, aber ich kann deswegen keine Rechtsbeugung betreiben."

Viele Rügener wollen das nicht hinnehmen. "Der Wunsch ist einfach da, nach unten zu kommen", sagt Marion Prager-Wiehn, die in Lohme eine Weberei betreibt. "Die Leute wollen den imposanten Anblick vom Strand aus genießen - und zwar nicht nur die Touristen, sondern auch wir Einwohner." Burkhard Rahn, 59, Fliesenleger, Gemeinderat und Mitglied der Bürgerinitiative, vermutet kommerzielle Interessen: Die Wanderer sollten ins Nationalparkzentrum gelockt werden. "Man kommt nicht mal mehr auf Toilette, ohne 9,50 Euro Eintritt zu bezahlen."

"Ewig gestrige Provinzler!"

Für weiteren Zoff auf Rügen sorgt in diesem Sommer eine sieben Millionen Euro teure Aussichtsplattform, die auf dem Königsstuhl entstehen soll. Seit Wochen ziehen Befürworter und Gegner in Leserbriefen in den lokalen Medien übereinander her. Die einen reden von "kalkuliertem Dummfang", die anderen von "ewig gestrigen Provinzlern".

Vor dem Nationalparkzentrum steht Mark Ehlers und betrachtet einen A3-Zettel mit Fotos. Die Aufnahmen zeigen den Königsstuhl von oben mit hineinmontierter Plattform. Wie ein Ring liegt das neue Bauwerk auf der Klippe und scheint zu schweben, gehalten nur von einem stählernen Abspannmast, der tief im Boden verankert ist.

Genau dieser Mast sorgt für Aufruhr unter den Rügenern: 40 Meter hoch wird er sein, und damit die Baumkronen um etwa zehn Meter überragen. Den einen gefällt der Eingriff in die Natur nicht. Sie befürchten einen Schandfleck, der Touristen vergrault. Die anderen nehmen ihn als filigrane Konstruktion wahr, die Tourismus fördert.

Ehlers, 46, ist Geschäftsführer des Nationalparkzentrums. Und Befürworter. Er zeigt auf den Aussichtsweg, der auf den hervorstehenden Felsen führt. "Wegen der Küstenerosion wird der Übergang immer schmaler", sagt er. "Wenn der Stein immer mehr abbricht, gibt es irgendwann keinen Zugang mehr." Genau deshalb brauche man die neue Plattform.

Aus 500 Meter Entfernung werde man das Bauwerk später nicht mehr sehen, meint Ehlers und ist überzeugt, dass die Mehrheit der Insulaner seine Meinung teilt. Sonst wird es das Bauwerk auch nicht geben, denn die Gegner konnten einen Bürgerentscheid durchsetzen. Bis 21. Oktober stimmen die Einwohner von Sassnitz per Briefwahl ab. Ausgang offen.

Zum Abschluss ein Gruß

Unten, im Wald, verteilt Matthias Ogilvie Werbeflyer: "Frische Waffeln, Kuchen, Kaffee." Der Gastwirt ist Bürgermeister von Lohme. Die gesperrte Holztreppe? "Muss bleiben." Der neue Ausguck? "Eine fantastische Attraktion." In diesem Moment kommt Burkhard Rahn vorbei, der Aktivist aus Lohme. Während Ogilvie von der Aussichtsplattform schwärmt, fällt ihm Rahn ins Wort: "So ein Blödsinn. Was wollen wir mit dem Ding? Dann wird der Eintritt noch teurer. Das frustriert die Leute."

Ein paar Minuten lang diskutieren die Männer über öffentliche Toiletten, Investitionen und Besucherströme. Niemand brüllt, und als Abschiedsgruß heben sie die Hand. Trotz aller Unterschiede vereint sie dann eben doch ein Ziel: den eigenen Ort attraktiv halten. Und die ganze Insel.

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insgesamt 14 Beiträge
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Leibdschor 16.08.2018
1. Immer das gleiche...
Gezeter. Die einen dafür, die anderen dagegen. Eins sollte klar sein: die Kreideküste ist instabil. Damit sollte man sich abfinden. Die Treppe zu sperren ist sinnvoll. Das Geschrei bei einem Unfall höre ich jetzt schon. Über die Brücke kann man streiten, ist jedenfalls sicherer als ein Abbruch des Königstuhls mit Besuchern herauf zuschwören. Und Urlauber gibt es genug auf Rügen und wird es auch in Zukunft geben. Also nur wieder das übliche Gezeter von ewig gestrigen und pragmatisch nach vorn denkenden Mitmenschen.
David McB 16.08.2018
2. Vor 3 Wochen...
... war ich auf Rügen. Wir fuhren mit der Fähre bis Sassnitz und dann mit dem Bus zum Königsstuhl, das kostete pro Person schon etwa 16€. Dann verlangten sie diese 9,50€ für den Königsstuhl. Keiner wollte für eine Plattform diese Summe zusätzlich bezahlen. Also boykottierten wir den Königsstuhl und gingen zur etwa 300m entfernten Plattform, welche zwar winzig ist, aber umsonst zu betreten. Auf dem Weg dahin passiert man jene Treppe zum Strand, leider tatsächlich gesperrt. Weshalb der kleine Schaden nicht sofort behoben wurde, stattdessen plötzlich diverse Gefahren aufzählte (welche es freilich schon immer gegeben haben sollte)? Vielleicht um mehr Menschen zur kostenpflichtigen Plattform zu leiten?
Armosa 16.08.2018
3. ich bin ganz
sicher nicht geizig, aber schon vor 3 Jahren habe ich mich geweigert, das Eintrittsgeld ins NPZ zu zahlen. Und ich war nicht allein!!! Viele der Besucher schüttelten nur den Kopf und sagten: reine Abzocke!
Augustusrex 16.08.2018
4. Die Zeiten ändern sich
Es gab Zeiten, da fuhr man mit der Rennpappe bis auf die Lichtung vor dem Königstuhl, stellte das Gefährt dort ab und betrat den Königstuhl. Kurz daneben führte ein schmaler Pfad nach unten zum Strand. Die letzten ca. 3 m ging es über eine Leiter. Später bezahlte man für den Zugang zum Königsstuhl 1 D-Mark. Der bequeme hölzerne Weg nach unten wurde gebaut. Jetzt parkt man mehrere Kilometer vorher, fährt mit dem kostenpflichtigen Bus vor, falls man nicht die ganze Strecke laufen will, und bezahlt dann den hohen Eintritt für das wenig Gegenwert bietende NPZ. Der schöne Weg nach unten ist dazu gesperrt. Das Ganze ist sicher von Nutzen für die Betreiber der Anlage. Ob das für den Besucher auch so ist, mag ich nicht unbedingt bejahen.
spiegelonlineleser01 16.08.2018
5. Wir waren...
...auch im letzten Monat im Urlaub auf Rügen. Mit unserer Tochter wollten wir uns auch den Königsstuhl ansehen. Am Abend vorher schaute ich mir mal die Homepage an und war ganz erschrocken, dass die Besichtigung über ein Besucherzentrum 9,5 € kosten, sollte zzgl. Parkgebühren. Wir sind dann von Sellin aus nach Sassnitz gefahren, 2 km einen Waldweg die Steilküste entlang mit ebenso schönen Ausblicken.
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