Konstanz Eine Stadt feiert ein Weltereignis

Es war der größte Kongress des späten Mittelalters und dauerte vier Jahre: Vor 600 Jahren begann am Bodensee das Konstanzer Konzil. Zum einzigen Mal wurde damals auf deutschem Boden ein Papst gewählt - Intrigen, Sex und Skandale inklusive.

TMN

Mit großem Pomp war Johannes XXIII. aus Pisa auf einem Schimmel, von neun Kardinälen und der Kurie begleitet, am Morgen des 28. Oktober 1414 in Konstanz eingeritten. Als Knappe verkleidet und im Schutz der Nacht musste er einige Monate später wieder flüchten. Die Dinge beim Konstanzer Konzil, dem größten europäischen Kongress des späten Mittelalters, waren anders gelaufen, als er gehofft hatte.

Eigentlich war Johannes XXIII. an den Bodensee gekommen, um seine beiden Gegenpäpste auszustechen und selbst der einzige Stellvertreter Gottes auf Erden zu werden. "Doch es kam anders", erzählt Henry Gerlach. Er steht in blauer Strumpfhose und hellgrünem Umhang vor dem Konzilgebäude am Hafen und erzählt dem Publikum von bitterbösen Intrigen und handfesten Skandalen. Damals, als Konstanz für einen Moment in der Geschichte die Bühne der Weltpolitik war.

In diesem Jahr beginnen in der Stadt die großen Feierlichkeiten zum 600-jährigen Jubiläum des Konzils, das von 1414 bis 1418 Konstanz in Atem hielt. Henry Gerlach ist ein sehr guter Kenner der Geschichte. Vor dem Bauch hält er ein dickes Buch, die "Chronik des Konstanzer Konzils". Auf dem Stadtrundgang schlüpft er in die Rolle des Verfassers: Ulrich Richental war eine Art Boulevardjournalist des 15. Jahrhunderts. Der Sohn einer Patrizierfamilie schrieb auf, was er während des Konzils sah und hörte: die Inszenierungen von Adel und Klerus, aber auch das Banale und Alltägliche.

Lukrative Geschäfte für die Prostituierten der Stadt

Start von Gerlachs Tour ist der Hafen, wo sich vollbusig die neun Meter hohe Imperia-Statue dreht. Sie erinnert an das hitzige Treiben zu Zeiten des Konzils und verkörpert eine der rund 700 Prostituierten, die damals in der Stadt ein gutes Geschäft machten. Schließlich waren damals Zehntausende Besucher an den Bodensee gekommen. Man kann sich gut vorstellen, wie eng es in der Stadt, die zu jener Zeit nur rund 7000 Einwohner zählte, gewesen sein muss. Und erst die Versorgungslage!

Gerlach führt zum Fischmarkt, wo damals die Bodenseefelchen verkauft wurden. Nur: So viele Fische, wie es Hungrige gab, konnten die Angler gar nicht aus dem Wasser ziehen. Sogar von der Ostsee wurde gepökelter Fisch herangekarrt, Getreide kam aus Oberschwaben, der Wein aus dem Thurgau.

Das fruchtbare Umland war einer der Gründe, warum König Sigismund Konstanz als Ort des Konzils wählte. Außerdem war die Stadt Bischofssitz, als freie Reichsstadt nur dem König unterstellt. Sie lag nicht im Machtbereich von einem der drei Päpste. Und sie war ein Knotenpunkt. Hier kreuzten mehrere Fernstraßen, viele Besucher reisten über Rhein und Bodensee an. So auch Sigismund selbst am Heiligabend 1414.

Auch wenn seine Untertanen schon seit Stunden warteten - es dauerte bis nachts gegen 3 Uhr, bevor der König, der auf seinem Weg nach Konstanz noch eingekehrt war, endlich ins Münster einzog. Bis am nächsten Vormittag um 11 Uhr soll die feierliche Christmette gedauert haben. "Zumindest konnte niemand umfallen", sagt Gerlach. So dicht gedrängt standen damals die Gläubigen.

Ausstellungen, Konzerte und ein Konzil-Kochkurs

"Das Konzil war in den vergangenen 2000 Jahren das weltgeschichtlich wichtigste Ereignis im heutigen Baden-Württemberg", sagt Harald Siebenmorgen. Der Professor ist Leiter des Badischen Landesmuseums, das anläßlich der 600-Jahr-Feier die Große Landesausstellung ausrichtet. 300 Leihgaben aus ganz Europa werden ab dem 27. April im Konzilgebäude gezeigt, darunter Klappaltäre, Bischofskleider und verschiedene Ausgaben der Richental-Chronik.

Das Rosgartenmuseum baut seinem Exemplar eine neue Klimavitrine, das Historische Museum Thurgau restauriert seine Mitra. Es wird Ausstellungen, Festivals und Konzertreihen geben, einen Konzil-Kochkurs, mittelalterliche Gerichte in Restaurants und eine 300 Meter lange Sigismundtafel der Bürger von Konstanz und Kreuzlingen. Der Thurgau plant einen Rundweg auf den Spuren Richentals. Eine Radtour soll dem Fluchtweg von Johannes XXIII. folgen, der schließlich in Breisach verhaftet wurde.

Doch zurück ins Konstanzer Münster: Ins Innere fällt fahles Licht. Zu Zeiten des Konzils waren hier in U-Form Holztribünen aufgebaut: Kardinäle, Bischöfe und Professoren der Theologie, eingeteilt in Nationen, diskutierten über die wahre Lehre.

Am 6. Juli 1415 wurde Jan Hus hereingeführt. Noch trug er sein Priestergewand. Doch bald wurde es ihm heruntergerissen, die Tonsur mit einer Schere zerschnitten. Hus, der Häretiker, der auf Tschechisch gepredigt und die Autorität der Kirche in Frage gestellt hatte, sollte brennen, auf einem Scheiterhaufen draußen vor den Stadtmauern. "Die Hinrichtung von Jan Hus war ein mittelalterlicher Rummel mit Würstchen und Most", sagt Harald Siebenmorgen. In der Landesausstellung wird er ein neu entdecktes Stoffstück zeigen, angeblich von einem Hus-Kleid.

Das bedeutendste Exponat sei aber das Konzilgebäude selbst, als Handelskontor auf tausend Eichenstämmen am Seeufer gebaut. Die Balken in den beiden Sälen sollen noch original sein. Am 8. November 1417 schlossen sich hier die Kardinäle und Delegierte ein, um endlich einen neuen Papst, Martin V., zu wählen. Der Wahlmodus war kompliziert. Doch dann ging es schnell. Am 11. November wurde eines der zugenagelten Fenster aufgebrochen, und über Konstanz ertönte ein auf deutschem Boden einmaliger Ruf. "Habemus Papam!"

Florian Sanktjohanser/dpa/leh

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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
Tummel 02.03.2014
1. Johannes XXIII...
...sicher? Ganz sicher???
Elfsilbler 02.03.2014
2.
Zitat von Tummel...sicher? Ganz sicher???
GANZ sicher... http://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_XXIII._%28Gegenpapst%29
John.Moredread 02.03.2014
3.
---Zitat--- Johannes XXIII. (* 25. November 1881 in Sotto il Monte, Provinz Bergamo, Lombardei; † 3. Juni 1963 in der Vatikanstadt) ---Zitatende--- ...aus der Wikipedia. Und der hat vor 600 Jahren bitte was gemacht?
Stäffelesrutscher 02.03.2014
4.
Zitat von Tummel...sicher? Ganz sicher???
Ja. Ganz sicher. So sicher wie es Gegenpäpste gab, die später in der Nummerierung ignoriert wurden. Wikipedia dazu: »Letztendlich nahm Angelo Giuseppe Roncalli bei seiner Papstwahl 1958 den Namen Johannes XXIII. an, den vor ihm schon Baldassare Cossa als Gegenpapst geführt hatte. Dies wäre nicht möglich gewesen, wenn die Kirche letzteren als legitimes Oberhaupt angesehen hätte. Roncalli schrieb dazu selbst beim Amtsantritt: „Zweiundzwanzig Päpste mit dem Namen Johannes sind von unbestrittener Legitimität. Fast alle hatten ein kurzes Pontfikat. Wir wollen die Geringheit Unseres Namens hinter dieser herrlichen Reihe römischer Päpste verbergen.“«
Beem 02.03.2014
5. Nö, jetzt nicht mehr...
War das so ähnlich wie das hier: "Europa-Spitzenkandidat Martin Schulz: Krönungsmesse für den Buchhändler aus Würselen"? Nebenbei bemerkt: Wäre interessant zu erfahren, wie das Verhältnis von zensierten Beiträgen zu allen zugesandten Beiträgen bei Spon (und anderen Meinungs- und Demokratiegeschützen) ist.
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