Kreuzfahrt-Segler "Sea Cloud": Lady lässt sich liften

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Auszeit für die legendäre "Sea Cloud": Das Luxus-Kreuzfahrtschiff liegt für eine millionenschwere Renovierung in einer Bremerhavener Werft. Ihre Pause hat sich die 80-jährige Segelyacht verdient - in ihrer bewegten Vergangenheit überlebte sie Diven und Diktatoren, Kriege und Orgien.

"Sea Cloud": Legendäre Luxuskreuzyacht in der Werft Fotos
Sea Cloud Cruises

Als Marjorie Merriweather Post ihr nagelneues Spielzeug sah, war die US-Millionärin begeistert. "Great kick!", schrieb sie in ihr Tagebuch, "sie hat alle unsere Erwartungen erfüllt." Im November 1931 lag vor ihr die größte und teuerste private Segelyacht ihrer Zeit, die vier Masten reckten sich in den Himmel von Monica Bonita in Florida.

"Great kick!", hätte die erfolgreiche Cornflakes-Unternehmerin im März 2011 wohl kaum gesagt, hätte sie ihr geliebtes Schiff in der Bremerhavener MWB-Werft sehen können: Bar aller Segel und des goldenen Galions-Adlers, umzingelt von Kränen und Gerüsten, umweht vom Gestank der Schweißbrenner und Bohrmaschinenlärm, liegt die 110 Meter lange "Sea Cloud" reichlich flügellahm am Kai.

Die 80-jährige Lady hat sich eine Pause verdient. In ihrer bewegten Vergangenheit war sie Glamour- und Kriegsschiff, diente Diplomaten und Diktatoren, war Zeugin von Orgien und transportierte Leichen. Heute rauscht sie unter vollen Segeln als Luxuskreuzer über die Ozeane der Welt. Erzwungen wurde ihr Lifting in dem Nordsee-Hafen durch die neue Uno-Konvention zur Schiffssicherheit (Solas), die etwa Brandschotten, Rauchgastüren und Stahlböden nötig macht. Eine grundlegende Überholung und einen vollkommen neu gestalteten Crewbereich setzten die Ingenieure von Sea Cloud Cruises zusätzlich auf die To-do-Liste.

Ungewöhnlich lange fünf Monate benötigen die Werftarbeiter, Crew-Mitglieder, Rigger, Tischler und Elektriker. Doch sie müssen die alte "Sea Cloud" erst Stück für Stück auseinandernehmen, dann reparieren und Teile ersetzen, um am Ende das Holz-Stahl-Gebilde wieder zusammenzupuzzeln, zu polieren und anzustreichen. "Ihre Patina bleibt erhalten", sagt Peter Mackeprang, Geschäftsführer der Reederei Hansa Shipping und zuständig für die Schiffe von Sea Cloud Cruises, "aber technisch wird sie wie neu sein." An diesem Märztag ragt ein Kran über die Bark, gerade wurde der Hauptmast wieder eingesetzt. An seiner hölzernen Spitze balanciert ein Arbeiter im Sicherheitsgurt rund 50 Meter über dem Deck.

"Marjorie wollte Power!"

Der Alltag auf einer deutschen Werft war Merriweather Post, die die Crew nur mit ihrem Vornamen nennt, bekannt: "Marjorie kam jeden Monat nach Kiel", erzählt Simon Kwinta, Hotelmanager und gebürtiger Pole. Der kompakte 63-Jährige lehnt an der Reling des Promenadendecks und spricht in hartem, schnellem Englisch. In Kiel nämlich wurde die Yacht unter dem Namen "Hussar 2" in der Friedrich Krupp Germaniawerft erbaut. Kwinta, seit 25 Jahren an Bord und die gute Seele des Schiffs, sagt: "Marjorie wollte Power!" und ballt demonstrativ die Faust - so orderte die selbstbewusste Amerikanerin aus Illinois für die ursprünglich als Dreimastbark geplante Yacht einen zusätzlichen Mast.

Marjorie Merriweather Post, die 1973 als 86-Jährige in Washington D.C. starb, ist noch heute in den USA eine Legende. "Deutsche Gäste kommen an Bord und fragen: 'Wo ist das Restaurant?'", sagt Kwinta, "die Amerikaner fragen: 'Wo hat Marjorie gewohnt?'." Marjorie, der die "Hussar 2" eigentlich von ihrem zweiten Ehemann geschenkt worden war, hat in "der eins" logiert, der 38 Quadratmeter großen Kabine mit der Nummer 1, einer der beiden größten Suiten auf dem Hauptdeck.

Wie die gesamte Einrichtung des Schiffs - Geschmacksverirrungen wie ausgestopfte Fische über dem Esstisch inbegriffen - hat Marjorie auch ihr prunkvolles Boudoir entworfen, bis heute im Design unverändert: in einem königlichem Schloss-Neuschwanstein-Weiß-Gold, mit Carrara-Marmor-Kamin, goldenen Wasserhähnen in Schwanenform und einem elfenbeinfarbenen Himmelbett im Louis-XIV.-Stil.

Für Nostalgiker und Seefahrtromantiker

Nur erahnen lässt sich diese Pracht in der Bremerhavener Werft: Die Holzpaneele sind abgenommen, Farbeimer stehen im Weg. Klimaanlagenrohre, Kabel und Isolierungsmaterial ragen aus Decken und Wänden, an denen noch die Schäden eines lokalen Schweißbrands vom Januar repariert werden. "Wir liegen aber im Plan", sagt Ingenieur Mackeprang, in sechs Wochen sei alles fertig. Und wenn die "Sea Cloud" im Mai wieder in See sticht, dann wird die begehrte Suite für knapp 4000 Euro pro Person für eine fünftägige Nordseereise längst vergeben sein. Die Nachfrage nach dem Luxuskreuzer ist stärker denn je. Die Renovierung macht vor allem die Stammkundschaft neugierig, die sich - seitdem es die deutlich hightechmäßiger ausgestattete "Sea Cloud 2" mit Flachbildschirmen und Minibar gibt - noch mehr als Nostalgiker und Seefahrtromantiker outen.

Und die nicht nur Klüver- von Besanmast, back- von steuerbord und Großen von Kleinem Wagen unterscheiden können, sondern auch die Historie der "Sea Cloud" parat haben. Die "Sea Cloud" war dabei, als Marjorie 1937 ihrem zweiten Mann, einem US-Botschafter, nach Moskau folgte, dort fungierte die Yacht als abhörsicherer Konferenzsaal. Im Zweiten Weltkrieg diente sie - grau angestrichen und ohne Masten - als U-Boot-Jäger im Atlantik, bevor Marjorie sie schließlich 1955 an Rafael Trujillo verkaufte. Der Diktator der Dominikanischen Republik und Hitler-Verehrer überließ sie bald seinem Lieblingssohn Ramfis.

Nun räkelten sich nicht mehr Diplomaten, Geschäftsleute und Royals in der "Blauen Lagune", wie die Polsterlandschaft auf dem Promenadendeck genannt wird. Dort, wo philippinische Crewmitglieder die letzten, sorgfältig abgeschliffenden Teakverkleidungen anschrauben. Playboy Ramfis lud vielmehr die Hollywood-Prominenz der Fünfziger ein: Kim Novak und Joan Collins spazierten über das Promenadendeck, das jetzt in Bremerhaven Bohle für Bohle abgehoben und restauriert wurde. "Floating funhouse" nannte die Presse die in Florida liegende Yacht, jemand verzierte den Stahlrumpf mit: "Zsa Zsa Gabor slept here". Mit der Ermordung von Vater Trujillo - dessen Leiche tagelang an Bord war - und der Revolution auf Hispaniola ging es dann abwärts mit der "Sea Cloud".

Dreimal so hoher Arbeitsaufwand wie geplant

Jahrelang dümpelte sie in tropischem Klima, mit Moos und Gras bewachsen am Panamakanal vor sich hin. Zur Rettung der legendären Yacht eilte schließlich 1978 ein Gruppe Hamburger Reeder und Kaufleute, die die angeschlagene Schönheit unter dramatischen Umständen über den Atlantik in die Hansestadt überführten. Nur ein Jahr später nahm die ehemalige Privatyacht als Kreuzfahrtsegler Fahrt auf, heute wird "Sea Cloud" als Fünf-Sterne-Schiff von Sea Cloud Cruises betrieben. Ein Aufbau schaffte Platz für 32 Kabinen und bis zu 64 Gäste. 60 Crewmitglieder bedienen wie zu Marjories Zeiten die 30 Segel per Hand, versorgen und unterhalten die Gäste. Kwinta meint: "Der Spirit" an Bord der alten Lady sei es, was die Kreuzfahrer so lieben, "we are all family!"

Geld dürfte für die betuchten, meist älteren Gäste, die sich an Bord für kurze Zeit in die dreißiger Jahre zurückversetzt fühlen, wohl kaum ein Rolle spielen. So wie für Marjorie Merriweather Post, eine der vermögendsten Amerikanerinnen ihrer Zeit, die nie über den Preis der "Hussar 2" gesprochen hat. Und allzu gern lässt sich auch Geschäftsführer Mackeprang nicht über die Kosten aus, die für die Überholung der heutigen "Sea Cloud" anfallen. Fünf Millionen Euro waren veranschlagt, doch die Techniker erlebten so manche unangenehme Überraschung unter den Paneelen. Auf das dreifache Volumen sei der Arbeitsaufwand angeschwollen, "eine zweistellige Millionenzahl in Euro sei aber nicht erreicht worden", sagt Mackeprang.

Eine achtzigjährige Lady ist eben eine anspruchsvolle Lady.


Die "Sea Cloud" wird beim 822. Hamburger Hafengeburtstag (6. bis 8. Mai 2011) dabei sein.

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Manchmal wünschte
hilfloser 24.03.2011
ich mir n bißchen Vermögend zu sein. Für die Fahrt auf solch einem tollen Schiff würde ich gern tief in die Tasche greifen. Einfach wunderschön dieser Segler!
2. .
klokschieter 24.03.2011
... und ich wünschte mir, daß Artikel über maritime Themen im SPON von Leuten geschrieben werden, die von der Materie wenigstens etwas Ahnung haben. Es genügte wirklich schon, wenn sie etwas ahnten, profunde Kenntnisse will ich ja gar nicht verlangen. Die blaue Lagune befindet sich nicht auf dem Promenadendeck, auch wenn sich das Wort so schön kreuzfahrtschiffig anhört, sondern auf dem Hauptdeck! Und auf Reede (Eine Reede ist ein Ankerplatz vor einem Hafen!) ist die Arche garantiert nicht repariert worden, sie lag statt dessen an einem Reparaturkai. (Wie auf dem dazugehörigen Bild auch deutlich sichtbar.) Über die restlichen Dummbüdeleien in dem Artikel schweigt des Seemanns Höflichkeit... Ahoi, Ihr Redaktionslandratten!
3. Vergleich zur Gorch Fock
moderne21 24.03.2011
Die Bundesrepublik besitzt ebenfalls solch ein schönes Schiff. Das wird aber vermutlich demnächst im Sturm der Gender-Politik (http://www.wir-sind-wichtig.de) auf Grund laufen.
4.
nurnochwunder 24.03.2011
Zitat von klokschieter... und ich wünschte mir, daß Artikel über maritime Themen im SPON von Leuten geschrieben werden, die von der Materie wenigstens etwas Ahnung haben. Es genügte wirklich schon, wenn sie etwas ahnten, profunde Kenntnisse will ich ja gar nicht verlangen. Die blaue Lagune befindet sich nicht auf dem Promenadendeck, auch wenn sich das Wort so schön kreuzfahrtschiffig anhört, sondern auf dem Hauptdeck! Und auf Reede (Eine Reede ist ein Ankerplatz vor einem Hafen!) ist die Arche garantiert nicht repariert worden, sie lag statt dessen an einem Reparaturkai. (Wie auf dem dazugehörigen Bild auch deutlich sichtbar.) Über die restlichen Dummbüdeleien in dem Artikel schweigt des Seemanns Höflichkeit... Ahoi, Ihr Redaktionslandratten!
und wie wichtig und wertvoll ist es nun, dass sie unwesentliche Details laut und besserwisserisch zum Besten gegeben haben? Trotz dieser Ungenauigkeiten ist der Artikel gut und lesenswert!
5. ..
bicyclerepairmen 24.03.2011
Zitat von hilfloserich mir n bißchen Vermögend zu sein. Für die Fahrt auf solch einem tollen Schiff würde ich gern tief in die Tasche greifen. Einfach wunderschön dieser Segler!
Zu meiner (Jugend)Zeit konnte man noch als "Kadett", eine Hand fürs Schiff, eine... auf der Sea Cloud segeln. Gab zwar nix aus vergoldenen Wasserhähnen sondern morgens nur was aus dem grossen Kanister polnischer Erdbeermarmelade, aber immerhin. War eine Erfahrung fürs Leben. Den "ökonomischen Zwängen" der ersten Eigner geschuldet war natürlich alles für die erlauchten Passagiere auf Vordermann gebracht, bei dem laufenden Gut etc. war das allerdings zu merken. So haben wir damals die erste, richtige Wende mit dem Kahn ohne irgendwelche "elektrische" Unterstützung hinbekommen, ganz wie der mein Ursenior weiland auf der Pinnas Anfang der 20er jahre. Trotzdem haben wir als Bunt zusammengewürfelte Crew (Amis, Holländer, ein Haufen Molukker und einen 70 Jährigen Cap Hoornier der fürs Seglerische zuständig war ) immerhin die "Motoria" mehrmals überholt... -:)
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"Sea Cloud"
Reederei Sea Cloud Cruises
Schiffsregister Malta
Werft Friedrich Krupp Germaniawerft, Kiel
Schiffstyp Viermastbark
Bau 1931
Tonnage 2492 BRZ
Länge 109,50 Meter
Breite 14,94
Tiefgang 5,13 Meter
Höhe des Hauptmastes 54,20 Meter
Segelfläche 30 Segel mit 3000 Quadratmeter
Geschwindigkeit u. Motor 12 Knoten
Kabinen 32
Max. Passagierzahl 64
Crew 60
Quelle: Sea Cloud Cruises

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