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Radeln durch Ostfriesland: Wo die dicken Pötte kreuzen

Von Bernd Ellerbrock

Von der Papenburger Dockschleuse bis ans offene Meer: Auf der Ems beginnt für viele Ozeanriesen die große Fahrt. Auch Radler können hier eine Tour durch Ostfriesland starten. Der "Kreuzfahrtweg" informiert über Sperrwerke und Krabbenkutter - aber verschweigt die großen Konflikte der Region.

Papenburg bis Emden: Radtour am Kreuzfahrtweg Fotos
dapd

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Achtern zwei Baudocks, steuerbord Seeschleuse mit Aussichtsturm, backbord die Dockschleuse, die Ems voraus. Hier in Papenburg, direkt am Meyer-Werft-Gelände mit werkseigenem Hafen, beginnt der "Kreuzfahrtweg". Wer ihn abradelt, befindet sich weder im Mittelalter noch auf Pilgerfahrt, sondern auf einer maritimen Wissensroute rund um riesige Kreuzfahrtschiffe. Denn hier werden sie gebaut, dann ausgedockt. Die erste Reise führt den Strom abwärts, 42 Seemeilen weit, bis in die Nordsee - dann haben sie es geschafft.

Zwei- oder dreimal pro Jahr lockt eine solche "Überführung" der Ozeanriesen Zehntausende von Schaulustigen an die Ems. Und für alle die nicht bei dem Spektakel dabei sein können, gibt es den im September 2010 eröffneten Radweg mit zehn Info-Stationen. Wer hier losradelt, muss sich entscheiden: links-emsisch oder rechts-emsisch? Denn die Route verläuft auf beiden Seiten der Ems, drei Querungen ermöglichen aber einen Wechsel. Wer nichts verpassen möchte, fährt eh stromabwärts wie aufwärts - Talfahrt und Bergfahrt würden Binnenschiffer sagen - was an zwei Tagen auch gut zu schaffen ist. 42 Seemeilen, das sind 78 Kilometer.

Die Strecke führt, dem Fernradwanderweg Ems folgend, durch das platte, dünn besiedelte und von sattgrünen Wiesen geprägte Land zwischen Südlichem Ostfriesland und dem Rheiderland. Es ist feucht hier, im Morgennebel erfrischend kühl, und immer mal mehr, mal weniger windig. Schäfchenwolken am Himmel, Schafe auf den Deichen. Eine Strecke ohne Steigungen, man rollt so vor sich hin. Wer gegen den Wind schon mal kräftiger in die Pedale treten muss, wird irgendwann durch Schiebewind entschädigt.

Mühle gegen Riesenschiff

Bis zur nächsten größeren Stadt Leer sind es nur 20 Kilometer. Da die Ems immer tiefer ausgebaggert und aufgestaut werden muss, um die Kreuzfahrtpötte überführen zu können, sollte für dieses Teilstück sogar ein Kanal gebaut werden. Die Idee scheiterte schließlich an den gewaltigen Kosten von über einer Milliarde Euro. Die im Unterlauf zur Bundeswasserstraße ausgebaute Ems wird also weiterhin für die Handbreit Wasser unterm Kiel herhalten müssen.

Wie hünenhaft groß solche Luxusliner sind, wird den Radwanderern schon bei der nächsten Station verdeutlicht: Die historische, 1843 errichtete Holländermühle Mitling Mark dient als Höhenvergleich. Bis zur Flügelspitze misst sie 27 Meter. Wenn aber hinterm Deich ein Schiff mit 60 Meter Höhe auftaucht, schrumpft sie zum Miniaturwunderlandobjekt, wie eine Grafik verdeutlicht.

Auch die nächste Infostation ist so eine, bei der man die Bilder aus Zeitung und Fernsehen sofort im Kopf hat: die alte, rostbraune Friesenbrücke in Weener. Sie ist mit 335 Meter Länge die längste Klappbrücke für Eisenbahnen in Deutschland und wird für die Sport- und Berufsschifffahrt gelegentlich auch geöffnet. Doch die Lücke von 25 Metern reicht inzwischen nicht mehr aus für die Traumschiffe aus Papenburg. Daher wird bei einer Überführung ein Teil der Brücke kurzerhand durch einen Schwimmkran ausgehängt.

Die Brücke ist zugleich laut scheppernde Querung für Radfahrer und Fußgänger. Links gelangt man nach Weener mit seinem sehenswerten Museumshafen. Rechts geht es weiter nach Leer, dem "Tor Ostfrieslands", mit Teemuseum, schnuckelige Altstadt und Seehafen. Leer ist - was die wenigsten wissen - auch zweitgrößter Reederstandort Deutschlands.

Verfahren kann man sich auf der Route nicht, dafür sorgt eine perfekte grünweiße Ausschilderung mit Wegepfeilen und Entfernungsangaben - zur groben Orientierung reicht das Begleit-Faltblatt aus. Der Verlauf des "Kreuzfahrtweges" ist überdies gar nicht zu verfehlen: Zum einen wurden als Erkennungszeichen rot leuchtende quadratische Schilder mit einem stilisierten Kompass unter die bereits vorhandenen Pfeilmarkierungen angebracht.

Naturschützer protestieren

Und dann weisen noch Silhouetten von Kreuzfahrtschiffen die Richtung. Die Lehrlingswerkstatt der Meyer Werft hat sie im Maßstab 1:200 aus zwei Zentimeter dicken Schiffsstahlplatten hergestellt. So findet man zum Beispiel die "Celebrity Eclipse" und die "Crown Odyssey" am Start des Kreuzfahrtweges und die "'Celebrity Solstice" kurz vorm Ziel in Emden.

Genau diese 30 Silhouetten wurden Stein des Anstoßes von Umweltschützern, Naturschutzverbänden, der Arbeitsgemeinschaft "Rettet die Ems" und der Bürgerinitiative "De Dyklopes": Bei den auf eine Metallplatte eingravierten Schiffsdaten fehlen die Angaben zum Tiefgang. Kritiker werten das als Ausdruck schlechten Gewissens derjenigen, die die Ems durch jahrelanges Baggern und Begradigen den Interessen der Werft geopfert hätten: Die "Aida Sol" mit einem Tiefgang von 7,50 Metern zum Beispiel passierte einen Flussabschnitt, der vor Jahren noch an manchen Stellen gerade 3,50 Meter tief war.

"Marketing-Kreuzzug für die Ems verhunzende Meyer Werft", wird deshalb gegrantelt. Oder: "Der Werfttourismus ist Leichenbeschau an der Ems." Die verschlickt nämlich, verliert ihre Sandbänke, hat Probleme mit Sauerstoff und Salzgehalt und eine erhöhte Fließgeschwindigkeit. Auf den Infostelen wird all dies weder thematisiert noch diskutiert. So wurde ein gut gemeinter und weltweit einmaliger Radwanderweg zum Politikum - kurz vor der offiziellen Eröffnung wurden einige der schiffsförmigen Wegweiser abgesägt.

Kurioserweise bekommt der Radwanderer das Objekt des Streits, also die Ems, selbst nur selten zu sehen, verläuft der Radweg doch konsequent hinterm Deich. Wer das Bedürfnis danach hat, kann ja immer wieder rüberschauen, ob die Ems noch da ist. Denn je näher man dem offenen Meer kommt, umso ausgeprägter der Tideeinfluss, der sich stromaufwärts bis hinter Papenburg bemerkbar macht.

Kunterbunte Krabbenkutter

Die Gezeiten sind es auch, die der Ems zu einem gewaltigen Sperrwerk verholfen haben, das den Fluss bei Gandersum 476 Meter weit überspannt. Weithin sichtbar sind die gelben Verstrebungen der großen Hubtore, die bei Fluten mit 3,70 Meter über Normal geschlossen werden, um das Hinterland zu schützen. Oder eben, um die Ems so aufzustauen, dass Kreuzfahrtschiffe mit bis zu 8,50 Metern Tiefgang von der Werft überführt werden können.

Zwischen sechs und zehn Stunden brauchen die Luxusliner vom "Leinen los!" in Papenburg bis zum Sperrwerk für die rund 40 Kilometer. Denn eine Überführung findet im Zeitlupentempo statt, die Schiffe schieben sich vorsichtig Meter für Meter mit Schlepperunterstützung die Ems hinunter. Und zwar rückwärts, also mit dem Heck voraus. Laut der Infostele lassen sich die Schiffe so leichter manövrieren. Das Lesen aller Informationen - immer auch zur Umgebung und weiteren touristischen Zielen - dauert fast länger als das Radfahren selbst.

Am Sielhafenort Ditzum quer der Radwanderweg ein drittes Mal die Ems. Eine Überfahrt dauert 20 Minuten, die kleine Fähre ist die Letzte von acht ihrer Art. Die letzten Kilometer geht es nun auch schon mal auf und vor dem Deich längs; die Lungen füllen sich mit salzhaltiger, frischer Seeluft. Die Seehafenstadt Emden und damit das Ende des Themenradweges sind erreicht. Wer Glück hat, erwischt eins der Kreuzfahrtschiffe, wenn sie im Hafen endausgerüstet werden, wie etwa die gesamte Aida-Flotte. Die dicken Pötte sind weithin sichtbar - und auch ohne Infotafel nicht zu verfehlen.

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1. Nachhilfe
jdf2530 27.06.2012
Papenburg ist nicht in Ostfriesland; das sind Emsländer!
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