Hier bin, hier bleibe ich, hier gehöre ich hin - den Bewohnern des Ruhrgebiets wird stets ein Fable für Regionalpatriotismus nachgesagt. Tatsache aber ist, dass die Menschen hier entweder zum Größenwahn oder zum Fatalismus neigen. Es gibt einen unbändigen Drang, die Region als fertig zu deklarieren, unschöne Folgen des planlosen Wachstums als rauen Charme umzudeuten und zu feiern. Solche Sätze fangen oft mit "Nirgendwo auf der Welt" an und hören dann irgendwann auf, nachdem der Begriff Ruhrgebiet gefallen ist. Allein für dieses Satzschema gibt es gut 5000 Google-Treffer.
Das kann in einer Gegend nicht funktionieren, wo die Vorfahren der meisten Einwohner erst vor ein paar Generation gestrandet sind.
Hier ist fast gar nichts fertig. Den Nahverkehr hat jede Stadt für sich geplant - wer in die Nachbargemeinde will, fährt viel zu lange. Und egal ob es um Kultur, Wirtschaftsförderung oder Einkaufszentren geht, immer leidet das Ruhrgebiet am Suppen-Syndrom: Überall ist von denselben Dingen gleichmäßig wenig. Jede Stadt ist stolz auf ihr Theater - selten, weil es so phantastisch, meistens weil es ihres ist.
Die am häufigsten zu beobachtenden Reaktionen der Einwohner auf diesen Zustand können einem nach einiger Zeit aber ziemlich auf die Nerven gehen. Die eine ist der Größenwahn, in dem das Ruhrgebiet dann zur Metropole des 21. Jahrhunderts erklärt wird. Der zweite Standpunkt ist die Weigerung, überhaupt einen einzunehmen. Eine Mischung aus Fatalismus und Bequemlichkeit gebiert Sätze wie "Woanders is auch scheiße". Statt zu benennen, was das Revier ausmacht, wird pauschal rumgenölt.
Beide Reaktionen ignorieren die Probleme der zersiedelten, armen Region völlig. Die Arbeitslosenquote im Ruhrgebiet ist seit Jahrzehnten höher als im Rest Nordrhein-Westfalens, am höchsten im Norden, wo der Bergbau zuletzt angekommen ist (16,9 Prozent im September 2009 in Gelsenkirchen), das Durchschnittseinkommen und die Abiturientenquote mit Ausnahme von Städten wie Essen und Mülheim durchweg geringer.
Die geologischen Wände und Bergbaumuseen nutzen die Reiseleiter heute, um zu erklären, dass der Himmel über dem Ruhrgebiet jetzt tatsächlich blau und die Industrie gar nicht mehr so wichtig ist. Aber was ist die Region dann? 1926 schrieb der Journalist Herbert Iheringer: "Das Ruhrgebiet ist Anfang. Hier hat sich nichts gesetzt. Nichts ist fertig. Nichts abgeschlossen. Nicht übersehbar." 80 Jahre später ist viel zu früh, dieses Projekt als abgeschlossen zu feiern.
Hier ist gar nichts fertig. Deshalb mag ich das Ruhrgebiet so sehr.
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