Kult ums Ruhrgebiet: Fünf Mythen aus dem Malocherparadies

Lüge Nummer fünf - der Pottler liebt seine Region

Foto: SPIEGEL ONLINE

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Hier bin, hier bleibe ich, hier gehöre ich hin - den Bewohnern des Ruhrgebiets wird stets ein Fable für Regionalpatriotismus nachgesagt. Tatsache aber ist, dass die Menschen hier entweder zum Größenwahn oder zum Fatalismus neigen. Es gibt einen unbändigen Drang, die Region als fertig zu deklarieren, unschöne Folgen des planlosen Wachstums als rauen Charme umzudeuten und zu feiern. Solche Sätze fangen oft mit "Nirgendwo auf der Welt" an und hören dann irgendwann auf, nachdem der Begriff Ruhrgebiet gefallen ist. Allein für dieses Satzschema gibt es gut 5000 Google-Treffer.

Das kann in einer Gegend nicht funktionieren, wo die Vorfahren der meisten Einwohner erst vor ein paar Generation gestrandet sind.

Hier ist fast gar nichts fertig. Den Nahverkehr hat jede Stadt für sich geplant - wer in die Nachbargemeinde will, fährt viel zu lange. Und egal ob es um Kultur, Wirtschaftsförderung oder Einkaufszentren geht, immer leidet das Ruhrgebiet am Suppen-Syndrom: Überall ist von denselben Dingen gleichmäßig wenig. Jede Stadt ist stolz auf ihr Theater - selten, weil es so phantastisch, meistens weil es ihres ist.

Die am häufigsten zu beobachtenden Reaktionen der Einwohner auf diesen Zustand können einem nach einiger Zeit aber ziemlich auf die Nerven gehen. Die eine ist der Größenwahn, in dem das Ruhrgebiet dann zur Metropole des 21. Jahrhunderts erklärt wird. Der zweite Standpunkt ist die Weigerung, überhaupt einen einzunehmen. Eine Mischung aus Fatalismus und Bequemlichkeit gebiert Sätze wie "Woanders is auch scheiße". Statt zu benennen, was das Revier ausmacht, wird pauschal rumgenölt.

Beide Reaktionen ignorieren die Probleme der zersiedelten, armen Region völlig. Die Arbeitslosenquote im Ruhrgebiet ist seit Jahrzehnten höher als im Rest Nordrhein-Westfalens, am höchsten im Norden, wo der Bergbau zuletzt angekommen ist (16,9 Prozent im September 2009 in Gelsenkirchen), das Durchschnittseinkommen und die Abiturientenquote mit Ausnahme von Städten wie Essen und Mülheim durchweg geringer.

Die geologischen Wände und Bergbaumuseen nutzen die Reiseleiter heute, um zu erklären, dass der Himmel über dem Ruhrgebiet jetzt tatsächlich blau und die Industrie gar nicht mehr so wichtig ist. Aber was ist die Region dann? 1926 schrieb der Journalist Herbert Iheringer: "Das Ruhrgebiet ist Anfang. Hier hat sich nichts gesetzt. Nichts ist fertig. Nichts abgeschlossen. Nicht übersehbar." 80 Jahre später ist viel zu früh, dieses Projekt als abgeschlossen zu feiern.

Hier ist gar nichts fertig. Deshalb mag ich das Ruhrgebiet so sehr.


Ruhr Museum - Fotografie: Ruhrgebietsbilder. Klartext Verlag. CD-Rom, 1400 Bilder, inkl. Booklet; 14,95 Euro

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insgesamt 45 Beiträge
Haio Forler 04.05.2010
Man muß halt selbst für der häßlichste Region Deutschland noch romantische Worte worten. Wie sonst sollte man es dort aushalten.
Zitat von sysopHier treffen sich Kumpel und Kreative, hier tobt das Leben, hier geht es aufwärts: Die Kulturhauptstadt Ruhrgebiet feiert den Pott als Metropolenmodell der Zukunft. Dieses Bild ist falsch, sagt SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Konrad Lischka - und entlarvt einige Lebenslügen des Reviers. http://www.spiegel.de/reise/deutschland/0,1518,688538,00.html
Man muß halt selbst für der häßlichste Region Deutschland noch romantische Worte worten. Wie sonst sollte man es dort aushalten.
jorie 04.05.2010
Meine Kinder haben zum 18. jeweisl ein Auto bekommen, anders gehts im Ruhrgebiet kaum.
Meine Kinder haben zum 18. jeweisl ein Auto bekommen, anders gehts im Ruhrgebiet kaum.
ray71 04.05.2010
Ein schönes Bild, der Todesstern, besonders meine Schülerferienjobs auf Thyssen sind mir noch in lebhafter Erinnerung. Mit schrägen Typen in alten Gängen herumkriechen und Armdicke, mit Stoff und Teer umwickelte Kabel aus dem [...]
Ein schönes Bild, der Todesstern, besonders meine Schülerferienjobs auf Thyssen sind mir noch in lebhafter Erinnerung. Mit schrägen Typen in alten Gängen herumkriechen und Armdicke, mit Stoff und Teer umwickelte Kabel aus dem vorletzten Jahrhundert zerteilen und zwecks Rohstoffrückgewinnung abtransportieren. Dazu Currywurst zum Frühstück und die Weltsicht der Kollegen - ganz groß. Musste dann aber weg, da die unendliche Wiederholung der immergleichen Strassenzüge in Schattierungen von grau und beige auf das Gemüt schlugen. Nie ist klar, ob man am Anfang oder am Ende steht, alles sieht identisch aus, Duisburg oder Bochum, egal. Todesstern halt. Zum Thema Selbstbetrug: Wenn an den Pfützenrändern und auf den Fensterbänken mal wieder morgens Farben blühten holte mein Opa immer zu weitschweifenden Erklärungen über Sandstürme und die großen Wüsten in Afrika aus. Vater freute sich weil die Hütte mal wieder ne Runde Autowaschen sponserte. Ich lernte erst viel später Sand von Schwefel zu unterscheiden.
Alangasi 04.05.2010
Ich reise seit 20 Jahren Deutschlandweit rauf und runter. Und es gibt 1000 Ecken die schöner, schlauer und reicher sind, aber: Hohle Folklore gibt es überall. Zersiedelung auch. "Richtig" voran geht es woanders auch [...]
Ich reise seit 20 Jahren Deutschlandweit rauf und runter. Und es gibt 1000 Ecken die schöner, schlauer und reicher sind, aber: Hohle Folklore gibt es überall. Zersiedelung auch. "Richtig" voran geht es woanders auch nicht. Nur eines steht fest. Nirgendwo sonst in diesem Land schauen dich die Leute beim Reden direkter an als hier. Und genau das Herr Lischka, genau das, wird in Ihnen eines Tages eine ganz große Sehnsucht wecken. Ein Vorgeschmack darauf haben Sie ja schon in München erfahren können.
solarfighter 04.05.2010
Wieder mal ein Artikel, der mehr über die Probleme des Autors mit der Region aussagt, als über die Region selbst. Nur mal ein kleiner Tipp: Einfach mal den Begriff Ruhrgebiet durch einen unserer Metropolen Hamburg, Berlin, [...]
Wieder mal ein Artikel, der mehr über die Probleme des Autors mit der Region aussagt, als über die Region selbst. Nur mal ein kleiner Tipp: Einfach mal den Begriff Ruhrgebiet durch einen unserer Metropolen Hamburg, Berlin, Frankfurt oder München ersetzen und die Aussagen treffen ähnlich gut zu. Was hat das Kind aus dem Stadtteil Blankenese mit dem Hartz IV-Kind aus St. Pauli zu schaffen? Auch nichts. Wie sieht das Durchschnittseinkommen in den jeweiligen Stadtteilen aus? Oder wenn man mal Frankfurt nimmt: Mal vom Westend zur Galluswarte fahren. Um die kulturelle Vielfalt genießen zu können, steht auch außer Frage. Dafür ist das Ruhrgebiet aber auch ein vielfaches größer, als oben genannte Städte. Auch oben genannte Städte habe sich im Laufe der Zeit stark geändert. In Frankfurt oder München eine „alteingesessene Familie“ zu finden ist auch selten. Also keine überzeichneten Ansprüche an das Ruhrgebiet stellen, die keine Stadt oder Region einer ähnlichen Größe überhaupt erfüllen kann.
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  • Datum: Dienstag 04.05.2010 | 06:28 Uhr
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Ruhr-Statistik: So tickt der Pott
Jahreseinkommen
Stadt 2006 2007
Gelsenkirchen 15.481 15.624
Hamm 15.513 15.689
Duisburg 15.551 15.722
Herne 15.746 15.985
Oberhausen 16.143 16.344
Dortmund 16.723 16.901
Bottrop 17.173 17.389
Bochum 17,46 17.739
Essen 18.357 18.596
Hagen 18.747 19.088
Mülheim an der Ruhr 20.849 21.195
Regionalverband Ruhr (RVR) 17.454 17.711
NRW 18.984 19.290
Quelle: Landesbetrieb für Information und Technik, NRW; Statistisches Bundesamt Wiesbaden; RVR-Datenbank.
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