Kunst im Odenwald Steinerne Fratzen im Nebel

Düster und mystisch wirkt der Odenwald auch ohne Nachhilfe - doch ein Künstlerpaar in Seckach unterstützt die Stimmung noch mit Phantasie-Skulpturen aus Stein. Nicht jeder im Ort sieht das gern, doch gegen Vandalismus wirkt einfaches Maschinenfett.

Kurt F. de Swaaf

Das erste Tageslicht sickert fast unbemerkt in den Nebel hinein. Langsam werden die Konturen des Waldes sichtbar, die Bäume und ihre Wipfel, die sich verschwommen vom feuchtbleichen Himmel absetzen. Ein paar Kleinvögel huschen durchs Geäst. Sonst zeigen sich leider keine Tiere, weder die hier rottenweise vorkommenden Wildschweine noch Reh oder Fuchs. Wie auch. Die Sicht beträgt an diesem Herbstmorgen nur knapp hundert Meter. Ein gedämpftes Knacken, ein entferntes Rascheln; irgendetwas regt sich dort hinten. Man hält inne und lauscht. Sensible Gemüter könnten jetzt leicht auf unruhige Gedanken kommen.

Der Odenwald hat etwas Düsteres, Mythisches an sich. Kein Wunder, dass hier über die Zeiten reichlich Sagen blühten. Der Mensch hat diesen Mittelgebirgszug zwischen Main und Neckar lange gemieden. Eine echte Besiedlung kam erst ab dem 8. Jahrhundert langsam in Gang. Zuvor hatten die Römer hier einen Teil des Limes, des antigermanischen Schutzwalls an der Nordostgrenze ihres Reiches, errichtet. Spärliche Reste davon sind mancherorts noch erkennbar. Heutzutage ist die Region eine sehr beschauliche. Ihre weitläufige Landschaft lädt zu einsamen Wanderungen ein, Pilzsammler machen von Juli bis November Beute - oft reichlich.

Wer bei Eberbach das Neckartal verlässt und die Landesstraße 524 hinauf gen Osten fährt, kommt zuerst am Katzenbuckel, einem 626 Meter hohen Vulkanrest, vorbei, und findet sich anschließend nahe Strümpfelbrunn auf einer Art Hochebene wieder. "Winterhauch" nennen Einheimische diese Gegend. Aus gutem Grund, denn hier herrscht ein raues Klima. Auch während der warmen Jahreszeit bleibt die Temperatur regelmäßig weit unterhalb der 20-Grad-Marke hängen. Weiter östlich, wo der Odenwald langsam in das sogenannte Bauland übergeht, wird es klimatechnisch nicht besser.

Bronzefrau sorgte für Unmut

Doch der veränderte Zeitgeist hinterlässt auch im hintersten Odenwald seine Spuren. In Seckach, einem adretten Großdorf mit eigenem S-Bahn-Anschluss, steht eine leicht vorneüber gebeugte Statue am Straßenkreisel. Es ist die "Alt-Lastenträgerin", ein Werk der Bildhauerin Marianne Wagner. Die stämmige Bronzefrau mit praktischer Kurzhaarfrisur, die Augen fast geschlossen, den Kopf zwischen die Schultern gezogen, trägt in den Händen zwei zu Metall erstarrte Einkaufstüten. Vorbeigänger haben Müll rein gesteckt.

Die Figur ist angeeckt. Als Wagner ihr Kunstwerk 1991 aufstellte, regte sich Unmut im Dorf. "So sieht eine Seckacherin nicht aus", hieß es. Ein klarer Fall von gekränkter Eitelkeit. Es war nicht die erste Verstimmung zwischen der örtlichen Bevölkerung und der aus Berlin stammenden Künstlerin. Marianne Wagner kam 1987 zusammen mit ihrem Ehemann und den drei gemeinsamen Töchtern nach Seckach. Sie suchten einen Ort zum Leben und Arbeiten. "Hier war der Baugrund am billigsten", erinnert sich Paul August Wagner, ein gelernter Computerfachmann, der sich ebenfalls der Kunst verschrieben hat. Ihr Haus haben die Wagners selbst gebaut. Drei Jahre hat das gedauert.

Nachdem sie sich niedergelassen hatten, begann das Künstlerpaar, in einem auf der anderen Straßenseite liegenden Waldstück Statuen aufzustellen. Einfach so, ohne behördliche Genehmigung oder sonstige bürokratische Segnungen. Doch die Idee stieß nicht nur auf Ablehnung. Der damalige Bürgermeister Brand, ein CDU-Mann, fand Gefallen am Wagner'schen Wirken und unterstützte es. Das Grundstück gehörte der Gemeinde, da musste doch etwas machbar sein. Brand führte den Gemeinderat zur Besichtigung in das Wäldchen und konnte so eine Mehrheit für das Projekt "Skulpturenpark" gewinnen. Heute sind viele Seckacher stolz auf das kulturelle Kleinod mit seinen mehr als 80 Exponaten. Ein erfreulicher, aber leider kein selbstverständlicher Sinneswandel.

Mit Tricks gegen Vandalen

In den ersten Jahren litt der Park stark unter Vandalismus. Zerstörtes haben sie immer wieder aufgebaut, möglichst schnell, berichtet Marianne Wagner. "Wir wollten so zeigen, dass wir uns nicht unterkriegen lassen." Das Ehepaar lernte dazu, verwendete robustere Materialien und stellte sensible Statuen schwer erreichbar auf hohe Säulen. Paul August Wagner ersann noch einen besonderen Trick: Er schmiert gefährdete Teile wie etwa tragende Stangen mit Maschinenfett ein - sehr unangenehm zum Anfassen. "Seitdem ist Ruhe", sagt der Künstler mit einem zufriedenen Grinsen.

So etwas wie Heimatgefühle haben die Wagners in Seckach nie entwickelt. "Dafür ist mir doch zu vieles fremd", meint Paul August. "Wir haben auch keine echten Freundschaften zu Einheimischen gefunden." Unter mangelhaften Sozialkontakten leiden er und seine Frau aber nicht. Man tut sich unter Zugereisten zusammen. Die Wagners bereuen ihre Quasi-Emigration in den hinteren Odenwald jedenfalls nicht und fühlen sich wohl. "Es ist hier wie eine Insel mit Festland drum herum", umschreibt Marianne die Lage. Nach Berlin wolle sie keinesfalls zurück.

Als sehr angenehm bewertet das kreative Paar die hiesige Liebe zur Musik. Die kostenlosen Musikvereine haben regen Zulauf, deshalb spielen sehr viele Kinder und Erwachsene ein Instrument, erklärt Paul August. "Wir hatten hier recht schnell eine Jazz-Band zusammen." Allerdings kommen deren Musiker alle aus den umliegenden Dörfern, keiner aus Seckach. Marianne bespielt einen selbstgebauten, einsaitigen Bass, Paul August ist begeisterter Saxophonist. Im Altenheim von Limbach singe man zusammen mit den Senioren Volksweisen - und seit neuem auch Liedgut von Brecht. Subversiv vielleicht, aber auf jeden Fall eine interessante Abwechselung.

Alltag war bitter, der Tod ständig präsent

Sie wie die Wagner Steinernes in der Landschaft aufzustellen, hat im Hinteren Odenwald eine lange Tradition. So ist die Region bei Kunsthistorikern unter anderem wegen ihrer vielen Bildstöcke bekannt. Solche säulenartige Denkmäler sind gewissermaßen religiöse Baken am Wegesrand, Ausdruck einer großen katholischen Frömmigkeit. Auffallend viele Bildstöcke tragen das Motiv der Schmerzhaften Mutter Gottes - Maria, die ihren toten Sohn Jesus beweint. Der Anblick stimmt nachdenklich.

Warum hat man dieses leidvolle Bild hier derart verehrt? "Die Schmerzhafte Mutter Gottes kam dem Lebensbezug der hiesigen Bevölkerung wohl am nächsten", erklärt der Adelsheimer Pfarrer Andreas Schneider. Sie sei eben eine ideale Identifikationsfigur gewesen für Menschen, die vor allem im 17. Jahrhundert Krieg, Hunger, Armut und Pest über sich ergehen lassen mussten. Der Alltag war meist bitter, der Tod ständig präsent, aber man hatte sich zu fügen. Alles nach Seinem Willen.

Marianne und Paul August Wagner, die Künstler im Walde, wollen mit ihren Werken das genaue Gegenteil ausdrücken: "Wir sind hier die Gottlosen, aber wir glauben an das Leben", sagt das Ehepaar selbstbewusst.



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