Radeln auf den Kykladen Immer gegen den Wind

Wenn die Sommerhitze nachlässt, entdecken Radfahrer die Kykladeninseln Naxos und Paros - und deren leere Strände und weiße Dörfer. Anstrengend ist es trotzdem: die Berge! Der Wind!

SRT/ Armin Herb

Die Radfahrer bremsen vor einer kleinen weißen Bergkirche mit blauer Tür. Fotostopp! Michalis Manios sagt: "Ich muss euch warnen. Wir können nicht vor jedem Gotteshaus halten. Es gibt rund 600 Kirchen und Kapellen auf Naxos. Eine fotogener als die andere. Fragt mich nicht, warum das so viele sind."

Aber auf Tour zwischendurch mal zu verschnaufen, ist auch ganz angenehm. "Andere Kykladen haben nur Hügel, Naxos hat richtige Berge", sagt Guide Manios von Activeland zur Topografie der Insel. Tatsächlich überragt der Berg Zas, benannt nach dem griechischen Göttervater Zeus, knapp die Tausendmetermarke. "Naxos ist landschaftlich so unterschiedlich und sehr grün - wie ein kleiner Kontinent inmitten der Kykladen."

Manios leitet die radelnden Urlauber über Straßen, die sich vom Hafenstädtchen Chora durch ein schattiges Flusstal stetig die Berge hinaufwinden. Während sich in Chora die Insel zu treffen scheint, lässt sich hier oben zwischen Olivenbäumen und Macchia kaum jemand sehen. Ab und zu bellt ein Hund, der ein Ferienhaus bewacht. Wenn die Sommerhitze nachlässt und die Strände sich leeren, findet Naxos wieder zu sich selbst.

Zur Quelle des Kitro-Likörs

Die alten Herren im Kafeneion von Chalki, einem gepflegten Bergdorf, scheinen ungerührt vom Kommen und Gehen der Urlauber auf der Insel. Sie sitzen jahraus, jahrein auf ihren Holzstühlen, schlürfen griechischen Kaffee, diskutieren und beobachten die Gassen. Sie wissen bestens Bescheid, was gerade los ist. Etwa, dass einige Besucher der alten Destillerie Vallindras heute mit ihren bunten Mountainbikes ankommen.

Dort hatte Grigorios Vallindras im 19. Jahrhundert begonnen, aus den Blättern des seltenen Zedratbaumes Likör zu machen. Rezeptur und Destillationsverfahren gehören zu den bestgehüteten Geheimnissen auf der Insel. Den Kitro gibt es auch nur auf Naxos und zwar in drei Farben und Varianten.

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Kykladen-Inseln: Radtouren über Naxos und Paros

Bei Vallindras sind historische Kupferkessel und mächtige Tontöpfe zu besichtigen, vor allem aber ist der Kitro zu probieren. Danach warten noch einige Kurven und Berge auf den Radler: vorbei an kahlen Felsen und wilden Ziegenherden, über staubige Feldwege und winzige Sträßchen. Ab und zu zeigt auch ein Schild die Richtung an. Kenntnisse des griechischen Alphabets könnten helfen.

Nächster Stopp ist die Ruine des Demeter-Tempels. Die Anlage wurde bereits 500 v. Chr. in dem sonnigen Hochtal errichtet und ist die bedeutendste antike Sehenswürdigkeit von Naxos. Berühmter sind auf der Insel nur die Strände, an denen sich seit Jahren Wind- und Kitesurfer aus aller Welt treffen. Im Herbst kann man sie alle in Ruhe abradeln: Agia Anna, Maragas, Plaka, Orkos, Kastraki - die Westküste ist quasi ein einziger langer Sandstrand mit herrlich klarem, tiefblauem Wasser.

Zeitweilig windet sich der Küstenweg durch tiefen Sand, dann wieder über ein schmales Asphaltband. Und bei der Rückfahrt nach Chora weiß jeder, warum sich hier die Surfer so wohl fühlen. Hier weht allzu oft kräftig der Meltemi, pusht die Stehbrettsegler und bremst die Radler.

So wie Kykladendörfer zu sein haben

Auch Manios Freund Teo auf der Nachbarinsel Paros bietet mit Go Cycle Radtouren an. Teodoris Chrysakis, wie Teo mit vollem Namen heißt, ist wie Manios ein leidenschaftlicher Radler und überrascht manche Gäste, weil er sie im engen Renndress begrüßt. Aber Chrysakis rast nicht los. Er zeigt und erklärt allen in Ruhe sein Paros. Am liebsten zieht es ihn in die hübschen Bergdörfer, weg vom Hafenstädtchen Naoussa, das viele an Mykonos erinnert.

Dazu bringen die Radler einige Höhenmeter hinauf in die Inselberge hinter sich - vorbei am alten Marmorsteinbruch und über eine noch viel ältere byzantinische Brücke. An Kostos scheinen alle Touristen vorbei zu fahren, um schnell ins aus Reiseführern bekannte Lefkes zu gelangen. Vielleicht, weil in Kostos die Gassen nicht ganz so eng und die Kirchen nicht so historisch sind? Dafür herrscht hier noch kykladischer Alltag. Hier wundern sich die alten Herren im Kafeneion wirklich noch, wenn mal wieder ein paar Radler um die Kirchen kurven.

Das benachbarte Lefkes quillt dagegen über vor Besuchern, die die weiß getünchten Gassen und Treppen erkunden und ein Selfie nach dem anderen schießen. Aber Lefkes ist eben wirklich so fotogen und so kitschig authentisch, wie sich der Urlauber ein altes Kykladendorf gemeinhin vorstellt. Ein paar Kilometer weiter, nach Podromos, kommen deutlich weniger Besucher, obwohl man auch dort sein Rad durch labyrinthartige Gassen schieben kann. Vielleicht fehlt der großartige Rundblick wie in Lefkes?

Paros hat wie Naxos wunderschöne Buchten. "Mein Tipp sind die Strände im Nordosten. Dorthin könnt ihr euch alleine auf den Weg machen", sagt Chrysakis. "Die Wege von Naoussa nach Santa Maria und Aliki sind kaum zu verfehlen. Vergesst nicht einen Stopp in Ambelas bei Christiana. Dort wird der beste Fisch weit und breit serviert!"

Chrysakis hat recht. Das Einzige, was den Radelgenuss etwas verzögert, ist ebenfalls wie auf der Nachbarinsel: Ab und zu bläst ein kräftiger, aber auch erfrischender Gegenwind.

Armin Herb, srt

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