Lahnwanderweg Wo Goethe seinen Liebeskummer verarbeitet hat

Der Lahnwanderweg in Hessen hat Goethe schon einmal über Liebeskummer hinweggeholfen. Heute folgen Wanderer auf felsigen Pfaden den Spuren des Dichters - und erfahren bei Wein und Leckereien viel über dessen Jugendsünden.

Heidrun Braun

Schon Goethe liebte das Lahntal. Als junger Dichter saß er auf dem Felsvorsprung über dem Fachwerkort Obernhof, von dem aus man über Taunus und Westerwald sieht. Der Anblick sei "zum Sterben schön", sagte er damals.

Das war schon vor mehr als 100 Jahren Grund genug, dort eine Aussichtsplattform zu bauen und dem Platz den Namen "Goethestein" zu geben. Er ist ein Highlight auf dem Lahnwanderweg.

Winzer Norbert Massengeil-Beck führt daher gern seine Gäste hierher - über felsige Pfade zu einer Weinprobe in luftiger Höhe. Sein Wein ist selten. Von 100 Hektar Rebfläche an der Lahn, die sich im 17. Jahrhundert bis nach Marburg erstreckte, sind nur noch sieben Hektar übrig geblieben, die von fünf Winzern in Obernhof und im Nachbarort Weinähr bewirtschaftet werden.

Der spritzige Riesling vom Goetheberg hätte auch dem Namensgeber geschmeckt, als er hier die Aussicht genoss. Da hatte er wohl schon seinen Roman "Die Leiden des jungen Werther" im Kopf, denn seine Lahnwanderung war eine Flucht vor der unerwiderten Liebe zu Charlotte Buff aus Wetzlar. Das Genie machte aus seinem Liebeskummer ein literarisches Meisterwerk. Aber auch als Wanderer war er geübt. In nur drei Tagen ging er die rund 85 Kilometer von Wetzlar nach Bad Ems zu Fuß.

Goethe, Gartenschau, Gießkannen

Drei Wochen sollte man sich Zeit nehmen, um den 290 Kilometer langen Lahnwanderweg von der Quelle der Lahn im Rothaargebirge bis zu ihrer Mündung in den Rhein bei Lahnstein in einem Stück zu erkunden. Er führt von den stillen Lahnhöhen mit schönen Aussichten immer wieder zurück ins Tal durch Städtchen wie Wetzlar, das in diesem Sommer das "Goethejahr" ausgerufen hat.

Schließlich sind hier die Originalschauplätze des vor 240 Jahren herausgegebenen Werther-Romans zu besichtigen. Goethe, der auf Wunsch seines Vaters in die damalige "Hauptstadt des Rechts" kam, um ein juristisches Praktikum am Reichskammergericht anzutreten, hielt sich allerdings weniger bei Gericht auf. Dafür besuchte er oft den Deutschordenshof, wo Lotte wohnte, die heute bei Stadtführungen mit ihrem berühmten Schleifenkleid aufersteht und die Geschichte aus ihrer Sicht erzählt.

Auf dem Lahnwanderweg eignen sich viele Orte als Ausgangspunkt. Ein möglicher Start für Etappenwanderungen wäre die Anreise zum ICE-Bahnhof in Gießen, ziemlich genau auf der Mitte des Lahnwanderweges. Die grüne Universitätsstadt könnte man als Gartenstadt bezeichnen. Vor allem in diesem Jahr, denn bis zum Oktober findet hier die hessische Bundesgartenschau statt. Die zu einer grünen Oase umgestaltete Wieseckaue beweist, dass mitten in der Stadt Platz für 35 Hektar Parkfläche mit Blumenbeeten und Teichlandschaften ist.

Als kleiner Nebeneffekt der Landesgartenschau entstand das Gießkannenmuseum, das wohl das einzige in Deutschland ist und auch vom Namen her nach Gießen gehört. "Seit 2011 haben wir 852 Gießkannen oder zum Gießen umfunktionierte Kannen gesammelt. Dabei geht es nicht nur um das Gefäß, sondern vor allem um seine Geschichte, die die ehemaligen Besitzer mitliefern", sagt Jörg Wagner, der sich als bildender Künstler mit Projekten der Alltagskultur beschäftigt und auch das Gießkannenmuseum betreut.

Handkäse, Cremefüllung und Törtchen

Eine genussvolle Etappe zur Einstimmung auf den Lahnwanderweg ist die zwölf Kilometer lange Tour durch das Gleiberger Land von Fronhausen nach Lollar. Über Wiesenauen geht es durch das Salzbödetal, in dem einst Mühle an Mühle stand. Eine davon ist die Schmelzmühle, deren Brotzeitangebot mit Handkäse und Hausgemachtem aus der Region Wanderer und Radler stärken.

Über den Altenberg mit einem schönen Rastplatz und weiter Aussicht bis zum Marburger Schloss endet die Etappe in Lollar, wo eine süße Versuchung wartet. Konditormeister Thomas Walther macht im schönen Fachwerkensemble der Schönemühle aus frischen Früchten, feinen Cremefüllungen und leichten Biskuitböden verführerisch gute Kuchen und Torten. Genießen kann man die Schlemmerei an den Tischen im kopfsteingepflasterten Innenhof mit einem guten Kaffee und dem Geplätscher des sich leise drehenden Mühlrades.

Steine aus Marmor und mit Moos

Flussabwärts empfiehlt sich die 13,5 Kilometer lange Etappe von Villmar in die Bischofsstadt Limburg. In der Lahnbrücke bei Villmar ist eine Menge Marmor verbaut, der im Lahntal bis 1970 abgebaut wurde. Steinmetz Wolfgang Höhler, der seinerzeit selbst in den Marmorbrüchen arbeitete, weist außerdem darauf hin, dass der Begriff "Marmor" weit gefasst sei und es sich hier eigentlich nur um polierbaren Sandstein handele.

So übel kann dieser Sandstein nicht sein, sonst wäre er nicht für die Eingangshalle des Empire State Buildings, den Palast des Maharadschas von Tagore, die St. Petersburger Eremitage und den Kreml in Moskau sowie für den Berliner, Würzburger und Mainzer Dom verwendet worden. Auch direkt am Lahnwanderweg, zum Beispiel im Weilburger Schloss und in den Brunnenhallen des Kaiserbades Bad Ems, glänzt der Lahnmarmor in leuchtendem Grau und Rot. Im nächsten Frühjahr eröffnet am Villmarer Bahnhof das neue Lahnmarmor-Museum.

Bevor die Lahn in den Rhein mündet, läuft der Lahnwanderweg noch einmal zu großer Form auf. Auf der letzten Etappe passiert er die wildromantische Ruppertsklamm. Auf zwei Kilometern hat sich der Wildbach tief in den Devonschiefer gegraben und plätschert den Wanderern beim Aufstieg munter entgegen. In der Schlucht ist festes Schuhwerk angesagt, denn die bemoosten Steine sind rutschig.

An schwierigen Stellen kann man sich an Fixseilen Stück für Stück entlanghangeln. Über Brücken, unter denen sich kleine Wasserfälle zu Tal stürzen, und auf Steinen im flachen Wasser wird die Klamm mehrmals überquert. Goethe ist diesen Weg auf keinen Fall gegangen, denn die Klamm wurde erst 1910 begehbar gemacht. Doch ist man den Lahnwanderweg gegangen, versteht man den Satz von Goethe: "Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen."

Weitere Informationen
Lahnwanderweg
Von der Lahn-Quelle im Rothaargebirge 290 Kilometer (19 Etappen) durchs Wittgensteiner Land nach Bad Laasphe. Über Biedenkopf nach Marburg, durchs Gießener Becken nach Wetzlar. Weilburg, Limburg und Diez, durchs Nassauer Land zum Kaiserbad Bad Ems und zur Mündung der Lahn in den Rhein nach Lahnstein.
Reisetipp für Goethe-Fans
Vor 240 Jahren erschien Goethes Roman "Die Leiden des jungen Werther". Bei der Kostümführung "Goethe und Lotte - ein charmantes Scharmützel" wird erzählt, was die beiden 1772 gemeinsam erlebten (Termine: 23./24. und 30./31. August 2014). Außerdem stehen weitere Kostümführungen, Stadtspaziergänge, Theater- und Kinovorstellungen auf dem Programm. Mehr Informationen unter wetzlar-tourismus.de.
Kontakt
Lahntal Tourismus Verband, Brückenstr. 2, 35576 Wetzlar, Tel. 06441/309980, Fax 03212/1239508, info@daslahntal.de, lahnwanderweg.de, daslahntal.de, gastlandschaften.de.

Heidrun Braun/srt

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insgesamt 9 Beiträge
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KillerGurke 10.08.2014
1. ICE-Bahnhof in Gießen?
Ich habe längere Zeit in Gießen gelebt und kann mich nicht erinnern, dass dort planmäßig ICE-Züge halten. Es gibt bestenfalls mal Umleitungen über Gießen, wenn andere Strecken gesperrt sind. Oder gibt's da Neuigkeiten, die ich verpasst habe? Viele Grüße
Garibaldi_wz 10.08.2014
2. Noch eine kleine Korrektur...
...es ist nicht die hessische Bundesgartenschau sonder die Landesgartenschau, die in Gießßen derzeit stattfindet. Herzliche Grüße aus Wetzlar
Hosch2 10.08.2014
3. Netter Versuch...
...der hessischen Tourismuslobby sich mit fremden Federn zu schmücken oder der Artikel ist miserabel recherchiert. Bad Ems und Lahnstein und somit die gesamte Unterlahn ab Diez liegen nämlich in Rheinland-Pfalz.
ohms 10.08.2014
4. PR-Desaster für Rheinland-Pfalz Tourismus GmbH
Unter folgendem Link kann mann sehen, dass es sich hier um einen PR-Artikel handelt, denn die abgebildete Dame ist Mitarbeiterin der Rheinland-Pfalz Tourismus GmbH, ohna dass dies hier genannt wird: https://www.xing.com/profile/Karin_HuenerfauthBrixius http://www.tourismusnetzwerk.info/author/karin/
deko49 10.08.2014
5. Ergänzung
Ausgerechnet Limburg und Nassau kommen in der Beschreibung überhaupt nicht vor. Geschichtlich bedeutend und immer einen Aufenthalt wert.
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