Landvergnügen-Tour in Deutschland Camper sucht Bauer

Bauernhof, Weingut, Straußenfarm: Kleine Höfe aus ganz Deutschland haben sich zum Netzwerk "Landvergnügen" zusammengeschlossen. Sie beherbergen Camper jeweils für eine Nacht.

Landvergnügen/ TMN

Die Straußenküken haben heute keine Lust auf Bettruhe. Immer wieder entwischt einer der flauschigen Minis vor der Tür des Holzstalls. Mein fünfjähriger Sohn ist fasziniert. "Ich geh' heute auch nicht ins Bett", verkündet er. Als später drei Sterne am Himmel leuchten und Fledermäuse über unsere Köpfe sausen, fallen ihm doch die Augen zu: Er ist müde von den Entdeckungen der vergangenen Tagen.

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Landvergnügen: Ein Netzwerk für Wohnmobile

Wir sind mit dem Wohnmobil durch Deutschland unterwegs, wollen wandern, baden, Rad fahren, die Natur erleben. Zu etwas Besonderem wird unsere Reise, weil wir mit dem "Landvergnügen" unterwegs sind: Nicht Campingplätze oder die vielerorts von Gemeinden angebotenen Stellplätze sind unser Ziel, sondern Bauern- und Gasthöfe, Weingüter und eben Straußenfarmen.

Rund 600 solcher Anbieter beteiligen sich derzeit am "Landvergnügen" und bieten einen Stellplatz für Wohnmobile oder Wohnwagen. Reisende dürfen für jeweils 24 Stunden kostenlos zu Gast sein.

Das Konzept stammt aus Frankreich, wo es schon lange möglich ist, die regionale und kulinarische Vielfalt des Landes auf diese Weise kennenzulernen. Auf Deutschland übertragen hat es der Berliner Marketingexperte Ole Schnack, der mit seiner Familie 2012 im Wohnmobil mit "France Passion" durch Frankreich reiste und von der Idee begeistert war.

2014 war sein erster "Landvergnügen"-Führer fertig, 239 Höfe boten darin Plätze an. "Es kommen jährlich 20 bis 30 Prozent dazu, etwa zehn Prozent steigen aus, zum Beispiel, weil der Hof aufgegeben wird", sagt er. Neue Gastgeber sind immer willkommen. Wer das Konzept als Reisender nutzen möchte, kauft sich ein "Landvergnügen"-Buch, das eine Vignette enthält und den Zugang zur in diesem Jahr erstmals verfügbaren App ermöglicht.

Für uns ist das Angebot ein Traum: Noch nie waren wir auf Deutschlandreise an so vielen versteckten hübschen Orten, nie sind wir so leicht mit Menschen der verschiedenen Regionen ins Gespräch gekommen. Und selten war es so leicht, unseren Kindern zu vermitteln, woher die Nahrungsmittel auf ihrem Teller kommen - grast doch die Kuh, von der Milch und Käse auf unserem Tisch stammen, direkt neben uns auf der Weide.

Freilandferkel und Hundebabys

Unser geliehenes Gefährt steht mal unterm Apfelbaum, mal am Weinberg und gleich zweimal direkt an einer Burg. Auf dem Biohof Kohler im Westallgäu können wir von unserem Bett aus weit in die Landschaft schauen. Immer gibt es Wander- und Radwege, die direkt vor der Tür beginnen. Immer stehen wir umgeben von ganz viel Grün, können uns im Hofladen mit regionalen Produkten eindecken oder im Restaurant des Gastgebers essen.

Und meist gibt es Tiere, denen sich unsere Söhne begeistert widmen: Beim Freilandschwein-Biohof in Gömnigk (Brandenburg) gucken sie Ferkeln beim Buddeln zu. Am Weingut Thürkind in Gröst (Thüringen) begleitet uns die Haushündin auf Ausflüge. Auf dem Biohof Kohler in Heimenkirch (Bayern) liest der Große dem Kleinen die auf Tafeln über den Köpfen notierten Namen der Allgäu-Kühe vor.

Weiße Minihühner werden von uns am Weingut Schloss Saaleck in Hammelburg (Bayern) ins Bett gebracht. Und auf dem Talhof Heidenheim (Baden-Württemberg), einem der ältesten Demeterhöfe weltweit, legt das Riesenhundebaby Grimm seine dicken Pfoten auf die Schultern des Zehnjährigen, der ob so viel Zuneigung lächelt - und umfällt.

Für Städter wie uns ist es wundervoll, so viel Landleben erfahren zu können, wobei es meist kleine Höfe und Biobauern sind, die beim "Landvergnügen" mitmachen. Für sie ist der Verkauf an die Camper im Hofladen - der keine Pflicht ist, aber als kleines Dankeschön empfohlen wird - ein willkommenes Zubrot. Zu den entscheidenden Gründen mitzumachen, zähle für die Anbieter zudem, zeigen zu wollen, wie ihre Landwirtschaft funktioniert, sagt Schnack. "Und oft hören wir auch: Wir kommen selten weg vom Hof und freuen uns darauf, Menschen kennenzulernen."

Reglementierte Anzahl der Vignetten

Wir wiederum haben Spaß, im Reiseführer zu stöbern und einen Hof auszuwählen. Ist das als Wunsch angegeben, melden wir uns einige Stunden vorab telefonisch beim Gastgeber und fragen, ob es ein freies Plätzchen gibt. Am Hof Stettenfels in Untergruppenbach (Baden-Württemberg) empfangen uns Brigitte und Karl Fritz, die im hübsch gestalteten Hofladen Produkte "von glücklichen Bauern" verkaufen. Unser Kleiner möchte am liebsten gleich alle Brombeeren vernaschen, der Große trägt eine geräucherte Lachsforelle herbei.

Und dann öffnet Karl Fritz die Tür zur Scheune, wo neben echten Treckern auch allerlei Tretfahrzeuge seines Enkels stehen - und die dürfen nun auch die Gastkinder nutzen. Auf der Straußenfarm Hegau-Bodensee in Stockach (Baden-Württemberg) hüpfen die Jungs auf dem Trampolin, auf dem Etzdorfer Hof in Heideland (Thüringen) können sie begleitet von zwei jungen Helfern auf gescheckten Ponys umherreiten.

Mit dem generellen Anspruch, alles nutzen zu können, sollten Gäste aber nicht anreisen. "Es ist ein Gast-Gastgeber-Netzwerk, kein Kunde-Anbieter-Konzept", betont Schnack. Zehn "Goldene Regeln" sind im Buch notiert, zu denen es zählt, seinen Gastgeber zu begrüßen und einen sauberen Stellplatz zu hinterlassen. Klar muss "Landvergnügen"-Nutzern sein, dass sie nicht zwingend die Ordnung prämierter Campingplätze erwartet.

"Generell ist die Anzahl der Bücher und damit der Vignetten reglementiert", sagt Schnack. "Wir wollen das Netzwerk nicht zum Platzen bringen." Derzeit habe jeder Gastgeber im Mittel etwa 60 Gäste jährlich, meist Familien oder ältere Paare. Vergleichsweise wenig Anbieter gibt es in östlichen Regionen wie Sachsen und Sachsen-Anhalt. "Dafür sind das oft spannende Höfe, wo ungewöhnliche Ideen umgesetzt werden", so Schnack. Im Westen und Süden hingegen dominieren kleine, oft familiengeführte Betriebe.

Immer wenn wir nach unserer Heimkehr Marmelade, Holundersirup oder Wein aus dem Vorratsregal holen, wird die Erinnerung an den Hof und die Menschen wach, von denen das Produkt stammt. Und einen Termin, auf den wir uns freuen, gibt es auch schon: Mitte Februar erscheint die nächste Ausgabe des "Landvergnügens".

Annett Stein, dpa/abl

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
odenkirchener 18.09.2018
1. Wohnmobil
Das scheint mir ein guter Grund zu sein, doch mal ein Wohnmobil zu leihen. . .
h.nurtiger 18.09.2018
2. Schade, ein Netzwerk für diese Rentnersärge ...
... automobile Pest der 10 und kommenden 20er Jahre. Schön wäre gewesen, das ganze für Zelter auzuziehen. Von mir aus auch welche, die mit Auto kommen, sonst aber Rad- oder (ja, das gibt es tatsächlich) zu Fuß-Wanderer! Krasse Idee heutzutage, ich weiß.
3daniel 18.09.2018
3. Wow
Ich bin begeistert! Das wusste ich nicht. Hoffentlich werden die jetzt nicht überrannt. Was ein gutes Konzept. Werde ich gleich mal meiner Holden erzählen.
c.PAF 18.09.2018
4.
Zitat von h.nurtiger... automobile Pest der 10 und kommenden 20er Jahre. Schön wäre gewesen, das ganze für Zelter auzuziehen. Von mir aus auch welche, die mit Auto kommen, sonst aber Rad- oder (ja, das gibt es tatsächlich) zu Fuß-Wanderer! Krasse Idee heutzutage, ich weiß.
Was spricht dagegen, das so zu nutzen? Wo sehen Sie da ein Problem?
franzkanns 18.09.2018
5.
Zitat von h.nurtiger... automobile Pest der 10 und kommenden 20er Jahre. Schön wäre gewesen, das ganze für Zelter auzuziehen. Von mir aus auch welche, die mit Auto kommen, sonst aber Rad- oder (ja, das gibt es tatsächlich) zu Fuß-Wanderer! Krasse Idee heutzutage, ich weiß.
Idee ist toll. Ich habe auch gleich den Text durchgelesen und nach Zeltmöglichkeiten gesucht. Aber es scheint tatsächlich nur für Fahrzeuge zu gelten. Da man sich aber vorher anmelden sollte, kann das ja individuell mit den Anbietern geklärt werden. Auch toll, dass es viele Betriebe/Höfe/Menschen/Familien gibt, die da mitmachen. Hoffentlich artet das nicht so aus, dass nur noch Party-/Besserwisser-/Egoisten-/AllesUmsonsthabenwill-Deppen das nutzen, denn dann ist ganz schnell wieder Schluss damit.
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