Ein Eifelkrimi-Autor erzählt Wie ich den perfekten Tatort fand

Abgelegene Waldgebiete, zerfallene Bunker, verlassene Dörfer - die Eifel hat sich zu Deutschlands Krimischauplatz Nummer eins entwickelt. Auch Autor Linus Geschke versuchte dort, in Mordstimmung zu kommen.

Linus Geschke

Ich suchte ein Dorf mit interessanter Historie, gerne verlassen und abgeschieden, aber leicht erreichbar. Eigentlich sollte es kein Problem sein, in der Eifel einen Platz zu finden, der sich dazu eignet, ein paar belletristische Leichen loszuwerden. Mehr als 7000 Quadratkilometer groß ist das Mittelgebirge, das sich von Aachen bis Trier, von Koblenz bis an die belgische Grenze erstreckt. Hochmoore, erloschene Vulkane und 15 Talsperren. Dort suchte ich einen Schauplatz für Momente wie diesen:

Draußen knirschte es erneut. Kein Zweifel diesmal, da war jemand. Zu ihrer Erleichterung entfernten sich die Schritte jedoch kurz darauf in Richtung des Parkplatzes, der ein paar hundert Meter entfernt an der Bundesstraße lag. Britta stieß die angehaltene Luft aus, fast hätte sie sogar gelacht - wahrscheinlich waren es nur nächtliche Wanderer gewesen, die der Zufall an diesen gottverlassenen Ort in der Eifel geführt hatte.

Ich habe mit der Suche in Hillesheim begonnen. Das 4000 Einwohner zählende Städtchen ist so etwas wie das Epizentrum aller Eifelkrimis, die selbsternannte Krimihauptstadt Deutschlands. Hier ist der regionale Thriller zum bestimmenden Tourismusfaktor geworden: Es gibt Krimihotels und Krimi-Wanderwege, Krimi-Buchhandlungen und Krimi-Bustouren.

Schön für Touristen, schlecht für mich als Autor, weil meilenweit entfernt von dem, was ich mir vorgestellt habe. Wenigstens hat die freundliche Kellnerin im Café Sherlock zum Abschied noch einen Tipp für mich, als ich den Mafiatoast und die Chocolat Poirot bezahle: "Versuchen Sie es doch mal in Staudenhof. Das ist ein verlassenes Dorf bei Mauel, nicht weit von der deutsch-belgischen Grenze entfernt."

Den Horror spüren

In Staudenhof angekommen, parke ich den Wagen und laufe los. Sehe aufgegebene Häuser und dichte Wälder, in denen Hilferufe ungehört verhallen würden. Ein Gemisch aus Kies, Erde und Glassplittern knirscht unter den Füßen, als ich mich durch die ruinenartigen Behausungen des Dorfes fortbewege.

Hier passt wirklich alles: die Lage, die Atmosphäre. Spontan würde ich jetzt gerne einige Tage in Staudenhof verbringen. Weil man einen Ort nicht richtig beschreiben kann, wenn man nur kurz da gewesen ist. Man muss ihn um sich herum spüren, beim Einschlafen und beim Aufwachen, muss seine Gerüche wahrnehmen, seine Stimmen hören.

Linus Geschke

Damals war die Angst lediglich ihrer kindlichen Fantasie geschuldet gewesen. Monster, die unter dem Bett lauerten, irgendwelche dämonischen Kreaturen, die in finsteren Kellern hausten - Albträume einer Sechsjährigen, die in der Dunkelheit geboren wurden. Jetzt war es wieder dunkel. Stockfinster sogar. Und Britta fühlte sich, als ob sie wieder sechs wäre.

Die erste reale Stimme, die ich in Staudenhof höre, ist die eines Wanderers im Rentenalter, der mir entgegen kommt und wissen möchte, was ich hier mache. Ich erzähle es ihm. Er findet die Idee großartig und erzählt, dass ein anderer Autor genau die gleiche hatte. Rudi Jagosch, den ich in diesem Moment verfluche - sein Krimi "Mordsommer" erschien bereits im März 2015.

Die nächsten Versuche enden genauso frustrierend. Am Nürburgring hat Jaques Berndorf schon morden lassen. In Dörresheim Andreas Izquierdo, in Gemünd Elke Pistor. Leichen pflastern meinen Weg, und dies in einer der friedlichsten Gegenden der Republik. Ich bin mir nicht mehr so sicher, ob es wirklich eine so gute Idee war, meinen Protagonisten ausgerechnet hierher zu schicken.

Dafür verstehe ich mittlerweile, warum Stephen King sich seinen bevorzugten Handlungsort Derry nur ausgedacht hat - da kommen ihm wenigstens keine Kollegen in die Quere. So wie mir hier. Am liebsten würde ich mir aus allen Orten jetzt den perfekten zusammenbauen und ihm einen passenden Namen verleihen. Tannenstein vielleicht. Aber mein Verlag sagt, bei deutschen Krimis sei Authentizität sehr wichtig. So soll es dann sein. Auch Monschau, wo ich anschließend bin, ist Krimi-mäßig nicht unbelastet (Berndorf natürlich!), gibt aber wenigstens eine passende Szene her:

In dieser Nacht lag Monschau wie ausgestorben da. Wie ein Ort, an dem ein Virus alle Menschen getötet hatte und die Häuser dunkel und leer zurückgeblieben waren ... Langsam ging der Mann die kopfsteinbedeckte Hauptstraße entlang, die den Ortskern in zwei Hälften teilte.

Am Ziel aller Wünsche

Auf der Rückfahrt dann ein Straßenschild. Die ehemalige NS-Ordensburg Vogelsang, mitten im Nationalpark Eifel gelegen. Ganz in der Nähe liegt ein Ort, den die Bewohner nach Ende des Zweiten Weltkriegs räumen mussten: Wollseifen. Hier wurde der Truppenübungsplatz Vogelsang angelegt, genutzt erst von den britischen Streitkräften, später vom belgischen Militär.

Die Wüstung ist einfach zu erreichen über Wanderwege, die sich über die Dreiborner Hochebene schlängeln. Ginsterbüsche stehen am Wegesrand, und in einer dieser langen, blauen Abenddämmerungen kreist ein Schwarzmilan. Dann kommt der Ort in Sicht, am Rande eines Wäldchens, als müsse er sich dahinter verstecken. Ich sehe die Ruine der ehemaligen Dorfschule, eine alte Kirche. Dazu ein paar Kulissenhäuser, in denen die belgische Armee einst den Häuserkampf übte.

Linus Geschke

Wollseifen wurde erst 2006 für die Öffentlichkeit freigegeben - und alles hier ist perfekt. Wie geschaffen für den Moment, in dem Protagonist und Antagonist das erste Mal aufeinandertreffen. Für das vorsichtige Anschleichen, die ständig steigende Bedrohung. Für Sätze wie diese:

Dann endete plötzlich der Wald und wir blickten auf eine Lichtung, an deren Rand sich die Konturen einer Dorfkirche abzeichneten. Sie bestand aus einem Turm mit quadratischem Grundriss, an den sich ein steinernes Kirchenschiff anschloss, und musste ziemlich alt sein, zumindest war der Putz an den Wänden bereits breitflächig abgebröckelt ... Während unsere Augen sich immer besser an die Dunkelheit gewöhnten, versuchten wir, den leise herübergewehten Wortfetzen irgendwelche Einzelheiten zu entnehmen.

Auf dem Heimweg bin ich erleichtert und zufrieden. Auch zukünftig wird die dünn besiedelte Eifel mit ihren dichten Tannenwäldern einer der beliebtesten Krimischauplätze sein. Auch nach meinem Krimi werden Autoren kommen, um nach geeigneten Orten, nach unheimlichen Schauplätzen zu suchen. Und ich weiß: Sie werden es dann wieder ein kleines Bisschen schwerer haben.

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
taffy-61 18.03.2016
1. Mutig, mutig...
Solche Originalzitate einfließen lassen würde sich auch nicht jeder trauen. Stilistisch so grottenschlecht, dass es zumindest kaufentscheidungsentscheidend ist. Warum fühlt sich eigentlich jede gelangweilte Hausfrau und jeder VHS-kreativschreibkursangetörnte Möchtegern aufgerufen, die Welt mit bestenfalls mediokren Ergüssen zu belästigen?
fred2013 18.03.2016
2. Ich dachte immer
das Epizentrum des deutschen Verbrechens läge in Hengasch (Eifel) , gefolgt vom nicht minder gefährlichen Münster (nicht Eifel). :-)
CommonSense2006 18.03.2016
3.
Zitat von taffy-61Solche Originalzitate einfließen lassen würde sich auch nicht jeder trauen. Stilistisch so grottenschlecht, dass es zumindest kaufentscheidungsentscheidend ist. Warum fühlt sich eigentlich jede gelangweilte Hausfrau und jeder VHS-kreativschreibkursangetörnte Möchtegern aufgerufen, die Welt mit bestenfalls mediokren Ergüssen zu belästigen?
Wenn Sie's nicht mögen, dann brauchen Sie das Buch ja nicht zu kaufen, aber Sie müssen auch nicht gleich mit solch brachialer Kritik über den Autor herfallen. Es gibt halt Unterhltungsliteratur, die nicht so einen hohen stilistischen Anspruch hat und die mehr Wert darauf legt, eine Handlung voranzutreiben. Bei aller Kritik an "creative-writing-Kursen, aber die amerikanische Methode, zuerst einmal die Handlung im Blic zu haben und diese voranzutreiben, bringt halt meistens einen hohen Unterhaltungswert. Nicht umsonst haben amerikanische Autoren bei Büchern, die als Blockbuster verfilmt werden, die Nase vorn.
jujo 18.03.2016
4. ...
Die schöne Eifel, das Tal der Olef und die beidseitigen Anhöhen zwischen Schleiden und Gemünd waren das Eldorado meiner Kindheit zwischen 1954 und 1960. Wilde unberührte Natur, dazwischen gesprengte Bunker und zugewucherte Schützengräben. Für mich als Trümmerkind aus Berlin in den Ferien ein einziger riesiger Abenteuerspielplatz! Wir waren frei konnten und haben gemacht was wir wollten, es gab keine Verbote, es war da niemand der etwas verbieten konnte oder auch wollte.
dt1700744 19.03.2016
5. Naja, Hillesheim ist vielleicht ...
... das Epizentrum der Eifelkrimis geworden, weil sich die zugezogenen Autoren nicht weiter vor getraut haben. Die wahre Eifel ist die Vulkaneifel um Daun herum und dann Richtung Trier und Mosel. Hier findet man die Dörfchen, die Maare und endlose Wälder, wie man es mit der Eifel verbindet. Aber - die Großzentren Aachen und Köln kann man natürlich leichter über die nahe Autobahn erreichen
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