Lüneburger Heide "Haben Sie den Kuckuck immer angeschaltet?"

Knorrige Eichen, blühendes Wollgras, langhaarige Schnucken und ungewohnte Stille: Großstädtern verschafft die Lüneburger Heide eine Atempause vom Alltag - und so manche Einsicht in die Natur.

National Geographic / Getty Images

Von Birte Bredow


Eine junge Frau liegt im Gras und schaut in die Weite. Vielleicht folgen ihre Augen der Heidschnuckenherde, die der Schäfer weit hinten auf der Magerrasenfläche vorbeitreibt, vielleicht ist sie auch in Gedanken versunken. Nur wenige Schritte hinter ihr, hier inmitten der Lüneburger Heide, liegt die Hotellobby des Camps Reinsehlen, mit Holzboden und riesigen Fenstern.

Viele seiner Gäste hier wollen einfach "zwei, drei, vier Tage raus aus der Stadt, den Akku aufladen", sagt Hoteldirektor Helko Riedinger. Seit 2010 steigen die Zahlen der Übernachtungen in der Region konstant an, 2016 waren es mehr als 5,4 Millionen. Die meisten Besucher kommen laut des Tourismusverbands der Lüneburger Heide wegen der Natur.

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Lüneburger Heide: Moore und Schnucken

Das Camp Reinsehlen gehört zu den sogenannten Naturotels, einem Zusammenschluss nachhaltiger und naturnaher Betriebe. Nur wenige Minuten zu Fuß entfernt beginnen Heideflächen. Auch zu Riedingers Lieblingsplatz in der Region, dem Pietzmoor, sind nur rund zehn Kilometer: "Das Moor hat etwas Mystisches, immer ein anderes Gesicht. Der Lichteinfall ist unterschiedlich, und zur Wollgrasblüte oder während der Paarungszeit der Moorfrösche sieht es noch einmal anders aus."

Jetzt zirpen die Grillen ununterbrochen, gelegentlich tschilpt ein Vogel, nur leise ist das Rauschen von Autos in der Ferne zu hören. Winzige Eidechsen huschen vorbei, eine Kreuzotter sonnt sich direkt neben dem Holzbohlenweg. Je weiter er vom Parkplatz weg und in das Pietzmoor hineinführt, desto stiller wird es. Blaue Libellen schwirren über dem Wasser, in dem sich Bäume spiegeln.

Spezialitäten aus der Region

Auch Hof Tütsberg ist ein Naturotel. Wirkt das Camp Reinsehlen recht modern, erinnern der ehemalige Gutshof und seine Nebengebäude eher an ein Freilichtmuseum. Der Verein Naturschutzpark Lüneburger Heide pflanzt auf den umliegenden Feldern Buchweizen und alte Getreidearten wie Champagnerroggen an - in ökologischer Landwirtschaft.

Küchenchef Daniel Pompetzki serviert die selbst angebauten Produkte seinen Gästen: Im Laufe der vergangenen Jahre habe er gemerkt, dass die Qualitätsansprüche gewachsen seien. Oft wollen die Gäste wissen, woher ihr Essen kommt. "Heidschnucke und Buchweizen laufen immer", sagt er - traditionelle Heideprodukte. Allerdings interpretiert er sie oft kreativ und verzichtet auch nicht auf Exotisches mit langem Transportweg: In den Tütsberger Labskaus kommt außer Heidschnuckenhüfte und Heideforelle auch Avocadopüree.

Nicht alle Heideurlauber wollen nur entspannen und regional essen. Viele kommen wegen der Natur, die sie gar nicht mehr so genau kennen. Pompetzki erzählt von einem Gast, der nicht glauben konnte, dass hier ein Kuckuck lebt. Der hätte gefragt: "Haben Sie den immer angeschaltet?"

Jan Brockmann sitzt auf einer Holzbank vor dem Hotel und lacht ebenfalls über die Anekdote. Der 52-Jährige mit der olivfarbenen Fleecejacke und dem beigen Stoffhut auf den kurzen weißen Haaren nennt sich Heideranger und versteht sich als Vermittler zwischen Mensch und Natur.

Nicht das Orlando Deutschlands

Seit gut zehn Jahren bietet er die Dienstleistungen eines selbstständigen Rangers an: Er leitet Führungen in die Heide, hält Vorträge, ist aber auch in die Beobachtung seltener Tierarten und die Zertifizierung von Wanderwegen eingebunden. Mit unvernünftigen Urlaubern hat er wenig Ärger: "Wenn man Wanderern erklärt, dass es hier die letzten Birkhühner gibt, akzeptieren sie meist auch, dass sie auf dem Weg bleiben müssen", sagt er.

Kurz zuvor hat Brockmann seinen schwarzen Geländewagen in Bispingen vorbei an dem Ralf Schumacher Kartcenter, der Indoor-Skihalle Snowdome und dem Verrückten Haus gelenkt. "Vor zehn Jahren wollten hier noch alle das Orlando Deutschlands mit Freizeitparks schaffen, das hat sich ziemlich gewandelt", sagt er. Heute liege der Fokus wieder mehr auf der Natur. Ihn freut das: "Eine Skihalle kann man abbauen und woanders wieder aufbauen, die Landschaft hier ist aber einzigartig."

Nirgendwo sonst in Mitteleuropa gibt es so große zusammenhängende Heideflächen wie rund um den Wilseder Berg, schon seit 1921 stehen sie unter Naturschutz. Doch nicht nur die Blütemonate August und September sind für Brockmann reizvoll: "Ich mag die Heide immer, auch im November. Diese weite, offene Landschaft."

Am Wulfsberg angekommen, geht er vor dem leicht bemoosten Pfahl eines Informationsschilds auf die Knie und schraubt eine runde Plakette an. Sie ist der Hinweis darauf, dass sich hier ein sogenanntes Naturwunder der Lüneburger Heide befindet. Orte, vorgeschlagen von Anwohnern und Touristikern, die den Besuchern der Region zeigen sollen, dass die Heide nicht nur schön, sondern auch vielfältig ist.

"Wenn morgens der Nebel wabert, fehlt eigentlich nur noch das Einhorn", sagt der Heideranger und blickt auf die knorrigen Eichenstämme, die dicht aneinander gedrängt aus dem Boden wachsen. Sogenannte Stühbüsche, ein Relikt der intensiven Holzgewinnung des 19. Jahrhunderts. Immer wieder wurden die Bäume knapp über dem Boden abgeholzt und trieben dann erneut mit mehreren Stämmen aus. Nachdem diese Nutzung aufgegeben wurde, konnten die Bäume sich zu ihrer heutigen Form entwickeln.

Heide bei Vollmond

Am Abend führt Waldpädagogin Katrin Riedel rund 20 Menschen durch die Misselhorner Heide. Seit drei Jahren bietet die 55-Jährige Vollmondwanderungen in der Region an. Früher arbeitete sie als Diplomkauffrau und lebte in Hannover. Den Job- und Ortswechsel hat sie nicht bereut: "Die Ruhe ist überwältigend, und man kann einfach entschleunigter leben als in der Großstadt."

Zwei Freundinnen, Mitte 40, mit Louis-Vuitton-Rucksäcken sind dieses Mal dabei. Und eine Großmutter mit ihrem Enkel, der etwas von Natternlöchern und Wildschweinen im Gebüsch erzählt. Eine Familie, die Mutter läuft mit ihren Freundinnen den 223 Kilometer langen Heidschnuckenweg in Etappen. Den Abschnitt über den die Vollmondwanderung führt, haben sie noch nicht erreicht. "Dann kann ich später sagen: Hier war ich schon", sagt sie und lacht.

Graue Wolken schieben sich immer wieder vor den Mond. Doch wenn diese sich verziehen, scheint es fast, als strahle ein Stadionscheinwerfer die Gruppe, die am späten Abend über sandige Pfade wandert, von hinten an. Von dem lilafarbenen Hauch der ersten Heideblüten ist trotzdem schon lange nichts mehr zu erkennen. Ein einzeln stehender Baum wirft Schatten auf den Boden des angrenzenden Tiefentals.

Jemand fragt: "Ist das normal, dass das hier so ruhig ist?"

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insgesamt 19 Beiträge
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mundusvultdecipi 15.08.2017
1. Guter Artikel..
..mein Tipp.Einfach 50 Km gegen Osten fahren und man ist im Wendland.Noch ruhiger und noch schöner(Nemitzer Heide)
spon-facebook-10000427818 15.08.2017
2. Ade, schnarchige Vergangenheit!
Löns? Müssen wir nicht haben. Völkischen Schutz von Heimat? Auch nicht. Aber die Region braucht sich als Kulturlandschaft nicht zu verstecken, warum denn auch. Wenn wir so eine Gegend ganz weit weg entdecken, stockt uns der Atem. Hier geht es uns inzwischen genauso: https://wegsite.net/ins-blaue/wandern-in-der-heide/um-den-wilseder-berg/
marthaimschnee 15.08.2017
3. ja, der Kuckkuck ist immer an
im Sommer ab 4 Uhr, wenn es hell wird, bis weit nach 22 Uhr. Und dann wechselt er für ein paar Stunden das Tonband gegen "Nachtigall". Da weiß man, warum man dann doch lieber auf dem Land lebt.
Ottokar 15.08.2017
4. Meine Erinnerungen an die Heide
sind nicht sooo gut. Meine Ausbildung beim Bundesgrenzschutz, vor vielen vielen Jahren, fand in Bodenteich statt. Unser Ausbilder meinte das die Heide mit Heidekraut ziemlich zugewachsen war und das wir die Heide etwas umpflügen müssten. Gesagt getan, nach neun Monaten war das Kraut weg.
kruderich 15.08.2017
5. Laßt
die Heide mal Heide sein und schaut euch erstmal vor der Haustür um. Wir wohnen am Rand einer ostwestfälischen "Großstadt" und es ist immer wieder umwerfend welche Natur direkt vor der Haustür zu finden ist. Der Kuckuck, der Steinkauz, Reiher, Störche...all das gehört zum Standardrepertoire. Besonders schön bei Spaziergängen mit dem Hund zu erkunden. Und sicherlich gilt das nicht nur für unsere Stadt...man muß sich einfach nicht ins Auto setzen und hunderte von Kilometern fahren, das Schöne fängt oft schon vor der Haustür an....
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