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Luxusyachten-Werft Lürssen: Quietscheenten für Superreiche

Von Mare-Autor Peter Sandmeyer

Die Kunden sind Ölscheichs, Software-Millionäre und reiche Russen: In der Bremer Lürssen-Werft entstehen die luxuriösesten Yachten der Welt. "Geht nicht" gibt es hier nicht - selbst die absurdesten Kundenwünsche werden erfüllt. Deshalb zählt der Betrieb zu den Weltmarktführern.

Bremer Luxusyachten: Geld spielt keine Rolle Fotos

Wer in diesen Tagen die Website www.iyc.com, International Yacht Collection, anklickt, findet sie im Angebot der Charteryachten an erster Stelle: "Martha Ann", 230 Fuß (70,20 Meter), sechs Decks, 17-köpfige Crew, Platz für zwölf Gäste, eine Eignersuite, eine VIP-Kabine, vier Gästekabinen, gläserner Aufzug, drei Innen-, drei Außenbars, eine direkt am Pool, sodass man auf Barhockern im Wasser sitzen kann - "available for select charter", Preis: 755.097 Dollar die Woche. Purer Luxus, der schwimmt.

Seine Vorgeschichte beginnt irgendwann im Jahr 2003. Ein amerikanischer Interessent erkundigt sich bei der Lürssen-Werft nach den Konditionen für den Bau einer Superyacht. Die Gespräche über verschiedene Varianten von Schiffen und Preise ziehen sich hin, zwei Jahre später wird der Vertrag unterschrieben.

Und dann ein früher Dezembermorgen im Jahr 2007 am Nord-Ostsee-Kanal, dunkel, windig und kalt. Jetzt beginnt die wirkliche Geschichte der "Martha Ann". Es ist laut. Stahl donnert gegen Stahl, Schweißbrenner fauchen, Bohrer rattern, Hämmer lärmen, Sägen fressen sich kreischend in Holz, ein auf Schienen rumpelnder Kran gellt Warnsignale. Eine Wiege des Luxus stellt man sich anders vor.

Es ist der Tag null minus 100. Auf dem Hallenboden der Lürssen-Kröger-Werft bei Rendsburg ist noch nicht mehr zu sehen als ein paar Träger aus Rohstahl. Tag null soll der 4. April 2008 sein, der Tag der vereinbarten Übergabe der Yacht. Bis dahin müssen 70,20 Meter Schiff entstehen, 12,80 Meter breit, sechs Decks, alles in Luxusausführung, Preis irgendwo zwischen 70 und 80 Millionen, Genaueres unterliegt der Diskretion der Werft.

Jedes Schiff ein Unikat

Die Lürssen-Werft, 1300 Mitarbeiter, die Hälfte davon im Yachtbau, stellt erlesene Produkte her. Oder "Quietschentchen für große Jungs", wie Jörg Beiderbeck sagt. Der ehemalige Chefentwickler hat sie zehn Jahre lang entworfen: Megayachten. Lürssen baut die größten, die schönsten, die luxuriösesten, die teuersten. Für die Superreichen haben die Erzeugnisse der Werft den Ruf, den ein Maybach unter Limousinen genießt, wobei der Vergleich hinkt. Denn ein Maybach sieht aus wie der andere, bei Lürssen aber gibt es nichts Serielles. Jedes Schiff ist ein Unikat, es wird nur einmal geplant, einmal gebaut, einmal exakt zugeschnitten auf den Bedarf eines besonderen Kunden und maßgeschneidert nach seinen Wünschen.

Zum Kundenkreis gehören der saudische Sultan bin Abdulaziz, Oracle-Boss und Softwaremilliardär Larry Ellison, Microsoft-Mitbegründer Paul Allen, Microsoft-Word-Erfinder und Weltraumtourist Charles Simonyi und der russische Ölzar Roman Abramowitsch. Außer Geld haben sie alle eine Einstellung gemeinsam, die Werft-CEO Peter Lürßen, 50, silbergraues Haar, gedeckte Anzugfarben, hanseatischer Stil, ganz schlicht formuliert: "Unsere Kunden haben kein Verständnis für den Satz 'Das geht nicht'."

Ursprünglich war die Traditionswerft an der Weser spezialisiert auf "graue" Produkte. Von den Helligen in Vegesack rutschte während der Hochkonjunktur des Krieges jede Woche ein neues Schnellboot ins Weserwasser, tarngrau lackiert; die Probefahrt führte nach Bremerhaven, von da ging es gleich weiter zur Feindfahrt gegen Engelland. Das exzellente marinetechnische Know-how überlebte Kriegsende und Zusammenbruch des deutschen Schiffbaus, und es dauerte nicht lange, bis die Bundesmarine neuer Hauptkunde wurde. "Lürssen Defence" baute wieder Schnellboote, Korvetten, Fregatten, auch ein paar Seenotrettungskreuzer - und kam so gut ins Geschäft, dass das Unternehmen als weiteres Standbein die Kröger-Werft am Nord-Ostsee-Kanal angliederte.

Ein Clown zwischen Admiralen

Aber 1988 veranstalteten Peter und Friedrich Lürßen, die das Unternehmen inzwischen in vierter Generation führten, ein Strategieseminar. Wie wird die Weltlage? Wohin entwickelten sich Märkte, Waffensysteme, Bündnisse? Haben Schnellboote im Raketenzeitalter noch Zukunft? Eines der Denkspiele des Seminars skizzierte den schlimmsten anzunehmenden Fall für die Werft: Der Warschauer Pakt zerfällt, und die Berliner Mauer wird abgerissen. Es gab herzhaftes Gelächter und eine Rüge des Seminarleiters: Mit vollkommen abstrusen Spinnereien sollte man nicht die kostbare Zeit vertun! Doch der Denkanstoß brachte die Werftchefs dazu, intensiver als bisher über eine zweite Fertigungslinie nachzudenken.

Das war auch der Grund, weswegen Jörg Beiderbeck vor 22 Jahren einen überraschenden Anruf bekam. Der Schiffbauer aus Kiel hatte gerade die Hochschule hinter sich, er segelte gern und hatte eigentlich vor, schnelle Regattaboote zu entwerfen; nun bekam er das Angebot, an die Weser zu kommen und für Lürssen Luxusyachten zu konzipieren. Beiderbeck war langhaarig, links, voller verrückter Einfälle und passte zur grauen Lürssen-Truppe wie ein Clown auf einen Empfang für pensionierte Admirale. Aber der Paradiesvogel und die Panzerstahlbauer rauften sich zusammen und wurden ein Dream-Team.

Das Entree in die Welt der reichen Schiffseigner hatte Kaufhauskönig Helmut Horten der Werft verschafft. 1971 hatte er die "Carinthia V" an der Weser geordert, die schnittige Yacht dann aber gleich auf der Jungfernfahrt nach Kollision mit einem Felsen in der Ägäis eingebüßt; woraufhin er unverzüglich die fast identische "Carinthia VI" bestellte, ein Schiff, das wegen seiner - damals außergewöhnlichen - 70 Meter Länge und seiner auffallend schönen Linien für Aufsehen sorgte. Jon Bannenberg hatte es gezeichnet, legendärer Name im internationalen Yachtdesign.

Länger, höher, luxuriöser

Die erste Yacht, die von Lürssen in neuerer Zeit gebaut wurde, hieß "Be Mine", war 40 Meter lang und bei der großen Bootsschau in Fort Lauderdale das längste Schiff. Seitdem sind die Reichen dieser Welt reicher und zahlreicher geworden, die Nachfrage nach imponierenden Schiffen ist rasant gestiegen, aus Yachten wurden Megayachten. "Der Markt kam uns entgegen", umschreibt Peter Lürßen das Phänomen, "wir waren zum richtigen Zeitpunkt mit dem richtigen Angebot da."

Bis zur Finanz- und Wirtschaftskrise 2009 expandierte der Markt anhaltend. Zu den reichen Amerikanern und Scheichs kamen reiche Russen und Inder. Die "Be Mine" sucht man heute in der alljährlich aktualisierten Liste der 100 größten Yachten vergebens. 62 Meter sind derzeit das Minimum, um dazuzugehören. Lürssen ist unter den 30 allergrößten zehnmal vertreten, mehr als jede andere Werft der Welt.

Die Schiffe wurden länger, höher, luxuriöser. Schwimmbad, Sauna, Fitnessraum, Helikopterlandeplatz sind Selbstverständlichkeiten. Kino oder eigenes Klein-U-Boot sind nichts Besonderes mehr. Eher schon ausklappbare Sonnenterrassen oder das von Unterwasserscheinwerfern gesäumte Zwei-mal-drei-Meter-Fenster, das sich Paul Allen in den Schiffsboden seiner 126 Meter langen "Octopus" einpassen ließ.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 36 Beiträge
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1. ...
roflem 27.09.2010
Zitat von sysopDie Kunden sind Ölscheichs, Softwaremillionäre und reiche Russen: In der Bremer Lürssen-Werft entstehen die luxuriösesten Yachten der Welt. "Geht nicht" gibt es hier nicht - selbst die absurdesten Kundenwünsche müssen erfüllt werden. Dafür zählt der Betrieb zu den Weltmarktführern. http://www.spiegel.de/reise/deutschland/0,1518,718684,00.html
Es gibt mehrere solcher Werften! Am besten finde ich, dass diese Luxus Joghurtbecher vom Bauprinzip her soviel Wasser ziehen, dass sie nur mit elektronischen Lenzpumpensystemen überleben! Was meinen Sie wie viele von diesen Plastiktöpfen schon abgesoffen sind weil der Strom ausfiel? Und in letzter Zeit war die Kundschaft so verteilt: von 10 verkauften Joghurtbechern gingen 6 an Russen 3 an ölige Scheichs 1 an einen selfmade Millionär ( wobei der auch öfter ruzzisch konnte).
2. ....
pietro-del-cesare 27.09.2010
Zitat von sysopDie Kunden sind Ölscheichs, Softwaremillionäre und reiche Russen: In der Bremer Lürssen-Werft entstehen die luxuriösesten Yachten der Welt. "Geht nicht" gibt es hier nicht - selbst die absurdesten Kundenwünsche müssen erfüllt werden. Dafür zählt der Betrieb zu den Weltmarktführern. http://www.spiegel.de/reise/deutschland/0,1518,718684,00.html
So ist halt die Einteilung: Lürssen erfüllt die absurdesten Kundenwünsche, SpOn erfüllt die absurdesten Leserwünsche.
3. Demnach auch eine Welt-Gesamt-Visitenkarte
Roßtäuscher 27.09.2010
Zitat von sysopDie Kunden sind Ölscheichs, Softwaremillionäre und reiche Russen: In der Bremer Lürssen-Werft entstehen die luxuriösesten Yachten der Welt. "Geht nicht" gibt es hier nicht - selbst die absurdesten Kundenwünsche müssen erfüllt werden. Dafür zählt der Betrieb zu den Weltmarktführern. http://www.spiegel.de/reise/deutschland/0,1518,718684,00.html
der Ausbeuter und Sklaventreiber unserer Kugel, weil sie dort auch noch "quietsch"-vergnügt sind. Nur dumm, wenn man mit Familiennamen auch noch Quietsch heißt.
4. Mist!
hilfloser, 27.09.2010
wenn ich gewußt hätte das auch Lürßen Yachten baut hätte ich doch dort bestellt und nicht bei Blohm und Voss. Nun hab ich den Salat.
5. Finde ich gut...
sappelkopp 27.09.2010
...wenn es so was tolles für die Superreichen gibt. Sollen ja auch was haben vom Leben. Gähn!
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