Mikrobrauereien in Berlin Roggen Roll, frisch gezapft

Berlin avanciert zur Hauptstadt der deutschen Craft-Beer-Bewegung: Idealisten, Autodidakten und ehrgeizige Nachwuchsbrauer produzieren Bier nach alten Rezepten oder kühnen Ideen. Es sind längst nicht mehr nur amerikanische Touristen, die ihnen die Vorräte wegtrinken.

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Nina Anika Klotz

Die Honululu-Bar im Michelberger Hotel ist immer ein bisschen Babel: Zig verschiedene Sprachen, viel Englisch. Diesmal aber hört man ein besonderes Kauderwelsch: "Barrelaged Big Worster Bourbon" zum Beispiel. Was nach Cocktail klingt, ist in Wahrheit Bier. Und das geht hier in langstieligen Gläsern zu drei bis sechs Euro reichlich über den Tresen. Der Andrang ist groß, schon zehn Minuten nach der Öffnung ist der Raum voller meist junger Leute.

Sie alle nutzen eine seltene Gelegenheit: Die Mikkeller-Brauerei aus Kopenhagen ist für zwei Tage zu Gast, als Pop-up-Bar in dem Berliner Hotel auf der Grenze zwischen Kreuzberg und Friedrichshain. "Berlin verträgt eindeutig mehr gute Bier-Events", sagt Brauereigründer Mikkel Borg Bjergsø. Für ihn war die Pop-up-Bar ein Experiment. Würden die Berliner nach seinem Bier greifen?

In der vergangenen zwei Jahren haben sich die Vorlieben der Hauptstädter deutlich gewandelt. Jenseits von Marken wie Sterni, Köpi und Berliner Kindel verspürt das Volk Durst auf andere, ja, bessere Biere. Berlin avanciert zur deutschen Hauptstadt eines Trends, der in den Siebzigern in den USA ihren Anfang nahm und inzwischen auch in Großbritannien und Skandinavien längst riesig ist: Craft Beer.

Hinter dem "Handwerksbier" stecken kleine Brauereien, die experimentieren und unterschiedlichste, teils längst vergessene Bierstile wieder aufleben lassen. Sie verwenden besondere Malz- und Hopfensorten, aber auch Gewürze, Kaffee oder Früchte.

Lieber kleine Brauereien als Großkonzerne

Jetzt hat der Trend Berlin erobert. Zu verdanken sei dies, meint Mikkel Borg Bjergsø, auch den Touristen und Expats, die Craft Beer aus anderen Ländern kennen. Doch auch die Hipster in der Stadt machten mit. Wer sich vom Mainstream abheben will, der trinkt lieber ein dänisches Bier aus einer Mikrobrauerei als ein Fernsehbier aus einem Großkonzern.

1339 Brauereien gibt es laut Deutschem Brauer-Bund hierzulande, doch große Vielfalt bietet der Markt trotzdem nicht. Vor allem Untergärige (Helles und Pils) dominieren, außerdem ein bisschen Weißbier. Tom Crozier, David Spengler und Matt Walthall wollten dem etwas entgegensetzen.

Die drei amerikanischen Lehrer sind maßgeblich an der Craft-Beer-Verbreitung in der Hauptstadt beteiligt: Ohne das Handwerk je gelernt zu haben, eröffneten sie vor einem halben Jahr ihre Vagabund Brewery, einen einfachen, aber gemütlichen Brew Pub in Wedding mit ein paar Stühlen und einem selbst gezimmerter Tresen aus Holz.

"Wir haben pro Abend zwischen 50 und 250 Gäste. Manchmal ist es so voll, dass man sich nicht mehr bewegen kann", erzählt Spengler. Das beliebteste - und allzu oft ausverkaufte - Bier ist ihr selbstgebrautes Double IPA, ein helles, hopfenintensives India Pale Ale.

Natürlich kann man fragen: Brauchen die Deutschen, die Berliner, tatsächlich Nachhilfe in Sachen Bier - von Dänen und halbprofessionellen Amerikanern? Offenbar schon. Alle großen Berliner Marken, Schultheiss, Kindl, Berliner Pilsener und Bürgerbräu, gehören heute zur Radeberger-Gruppe. Und das ureigenste aller Berliner Biere droht als Touristen-Gag unterzugehen: die Berliner Weiße.

Eine Hefekultur aus dem VEB-Getränkekombinat Berlin

Die zu retten, hat sich ein Wahlberliner auf die Fahne geschrieben. Andreas Bogk, Hacker, IT-Sicherheitsspezialist, Pressesprecher der Piraten und Brauautodidakt. Er arbeitet mit einer fast 40 Jahre alten Hefekultur aus einer Original Berliner Weißen aus dem VEB-Getränkekombinat Berlin. In seinem umgebauten Kreuzberger Keller empfängt er alle paar Wochen sonntags seine Kunden.

Mit so knappen Öffnungszeiten kommt Johannes Heidenpeter nicht mehr aus. Der Künstler hat im Sommer seinen Geldverdienerjob in einer Galerie hingeschmissen, um sich ganz aufs Brauen zu verlegen. Der Amateur baute vor einem Jahr eine alte Fleischerei in ein kleines Sudhaus um. Dort, im Keller der Kreuzberger Markthalle Neun, braut und serviert er seitdem sein Bier. "Am Anfang waren es tatsächlich viele Amerikaner, die zu mir kamen", erzählt er, "aber mittlerweile ist das Publikum gut gemischt." Die meisten mögen seine Thirsty Lady, ein fruchtiges, helles, leichtes Bier.

Mittlerweile versucht er, 1200 Liter Bier pro Woche zu brauen. Sollte die Thirsty Lady trotzdem mal aus sein, nimmt Heidenpeter gern Biere seiner Craft-Kollegen auf den Hahn. Zum Beispiel das Pale Ale von den Beer4Wedding-Jungs. Die drei sind vom Fach, sie studieren Brauerei-und Getränketechnologie an der Technischen Universität Berlin. Das zieht sich allerdings. "Wie lange, das hängt davon ab, wie gut Beer4Wedding läuft", sagt Sebastian Mergel. Läuft es sehr gut, steht das Studium hinten an.

Mit ihren 27 Jahren konnten die drei sich keine eigene Brauerei leisten. So landeten sie bei Thorsten Schoppe, dem "Bierpaten von Berlin", könnte man sagen. "Ja, könnte man", murmelt Schoppe. So richtig recht scheint ihm das nicht. Fakt ist, dass kaum ein Berliner Mikrobrauer an Schoppe und seiner Brauerei am Südstern vorbeikommt. Alle haben schon mal bei ihm gebraut. In der Craft-Beer-Szene ist das üblich. Brauer mieten sich tageweise bei Kollegen ein.

Woody Woodpecker reift im Whiskeyfass

Schoppe wollte eigentlich mal Surfer werden, doch aus dem relaxten Leben wurde nichts. Seit er die Craft-Beer-Welle reitet, kommt er kaum zum Verschnaufen. Vor zwei Jahren braute er noch standardmäßig ein Helles, ein Dunkles und ein Weißbier - bis er sich langweilte. "Ich dachte: Was machst du hier eigentlich? Ich wollte immer eine eigene Brauerei, und jetzt stand ich da und braute jeden Tag helles Bier. Das hättest ich anderswo gemütlicher haben können."

So erfand er das XPA-X-Berg Pale Ale. "Das kam phänomenal gut an." Es folgten Schoppes Roggenbier Roggen Roll und ein zehnprozentiges Pale Ale, das er in einem Whiskeyfass nachreifen lässt: Woody Woodpecker. Wer Schoppes Biere probieren will, kann sie in seiner Braugaststätte am Südstern ordern oder im Bierkombinat Kreuzberg BKK.

Eine beachtliche Craft-Beer-Karte besitzt auch das Lokal Meisterstück in der Nähe des Gendarmenmarkts, ebenso die Weinbar Rutz in Mitte, die John Muir Bar in Kreuzberg und das Chicago Williams in Mitte. Eine richtige Craft-Beer-Bar aber fehlt in der neuen Hauptstadt der besseren Biere - noch.

Auch internationale Craft-Beer-Macher haben Berlin im Fokus. Greg Koch, Chef der Stone Brewing Company in Kalifornien, war vergangenen Sommer auf der Suche nach einem Platz für eine Brauerei. BrewDog aus Schottland, eine berühmte Craft Brewery, hält schon lange Ausschau nach einer Immobilie für eine Franchise-Bar, die Brooklyn Brewery guckt sich angeblich auch um.

Das erzählt ausgerechnet Mikkel Borg Bjergsø von Mikkeller. "Eigentlich wollten wir ja gar nicht mitmachen bei diesem Rennen um Berlin", sagt der Däne. "Und jetzt haben wir alle überholt. Wir waren schon da." Zumindest für zwei Tage, und wohl nicht zum letzten Mal: "Als Nächstes eröffnen wir eine Bar in Bangkok. Und danach - wer weiß, vielleicht in Berlin."

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