Modellbau mit Flasche ...und eine Buddel voll Schiff!

Wie kommt die "Titanic" in die Flasche? Kein Problem für Buddelschiffbauer. Ihrem maritimen Kunsthandwerk droht allerdings der Untergang, denn der Nachwuchs fehlt. Mit Ferien-Mitmachkursen wollen die Bastler das ändern.

Bernd Ellerbrock

Von Bernd Ellerbrock


Mitten im Seebad Boltenhagen liegt eine ganz besondere Flotte vor Anker: Jürgen Kubatz betreibt hier ein Buddelschiffmuseum. Vor der Tür des urigen Häuschens in der Ostseeallee hat jemand eine Tüte mit Leergut abgestellt. Im Laufe der Jahre hat es sich herumgesprochen, dass er immer Flaschen braucht, sagt der 70-Jährige. Vielleicht ist diesmal eine besondere dabei. Dann wird Kubatz die Buddel wieder füllen - mit einem Miniaturschiff, mühselig in Feinstarbeit gefertigt.

Buddelschiffbau ist nichts für Zappelphilippe und Ungeduldige. Man braucht dafür vor allem eines: unendlich viel Zeit. Für sein Meisterstück, einen breiten Kabelleger, hat Kubatz 450 Stunden gewerkelt. Nicht ohne Grund wurden die Vorläufer der Buddelschiffe auch "Geduldsflaschen" genannt. Sie wurden im Allgäu und im Erzgebirge hergestellt, wo vor allem Krippen- und Passionsszenen als Miniatur ins Glas kamen, lange bevor Seeleute dies als Zeitvertreib auf Reisen für sich entdeckten.

Kubatz und seine Kollegen gehören einer Zunft mit einem angestaubten Image an. 1988 schlossen sie sich zur Deutschen Buddelschiffer Gilde zusammen, zu deren Gründung 1988 Delegationen aus Ost und West im Warnemünder Hotel Neptun zusammenkamen. Von den einst 130 Mitgliedern ist nur noch weniger als die Hälfte übrig, sagt Peter Hollander.

Miniaturwerft in der Besenkammer einer Hochhauswohnung

Der Feinmechaniker aus Hamburg-Lurup ist Sprecher des Gilderats. Seine Miniaturwerft befindet sich in der Besenkammer seiner Hochhauswohnung. Dort hat er auf engstem Raum alle Utensilien, die er für den Schiffsbau braucht, untergebracht: feine Bohrer, Papiere, Sekundenkleber, Schleifpapier, Polystyrolplättchen, Nähgarn, Farben, Pinsel, Lupen und so weiter.

Die Arbeit an den Schiffchen ist kleinteilig, man muss sehr genau sein - vielleicht ist das eine zu große Mühsal für die Jugendlichen von heute. "Wir sind eine Gilde von Graumelierten", sagt Hollander und lächelt das Nachwuchsproblem schnell ein wenig weg. Das Durchschnittsalter liege deutlich über 60 Jahre.

Schon 2001 ist Hans Euler verstorben, der fleißigste Buddelschiffbauer aller Zeiten. 16.517 Schiffe hat er laut Guinnessbuch der Rekorde ins Glas gebracht. Zu DDR-Zeiten verdiente Euler seinen Lebensunterhalt mit dem Bau der Flaschenschiffe. Sein Nachlass ist im Heimatmuseum von Tangerhütte ausgestellt, darunter ein Großmodell von einer Seeschlacht im 18. Jahrhundert.

Euler zwängte dafür eine ganze Armada durch den engen Hals eines 50-Liter-Weinballons. Da zersplittern Masten mit Segeln aus fixiertem Fotopapier, Schiffe gehen im Plastilinmeer unter, Besatzungen rudern um ihr Leben - ein kleines Meisterwerk.

Mitmachaktionen für Kinder zur Ferienzeit

Drei Jahre nach Euler starb der "King of Bottleship", Jonny Reinert aus Herne. Nach der Arbeit als Hauer auf einer Zeche entdeckte Reinert Ende der Fünfzigerjahre seine Liebe zum Miniaturschiffbau und baute wohl 800 Modelle, angefangen von der Schnapsbuddel bis hin zu seinem Weltrekord, einer 129-Liter-Flasche mit einer Walfangszene.

Mehrere Tausend Euro kosten Reinerts Arbeiten heute, gelangen sie mal auf den Markt. Auch Prominente wie Spaniens ehemaliger König Juan Carlos oder Entertainer Hans-Joachim Kulenkampff zählten zu seinen Kunden. Und für das Buddelschiffmuseum im Fischerdorf Neuharlingersiel fertigte er eine Flaschenserie zur Schifffahrtsgeschichte, darunter Nelsons "Victory" und das Fünfmastvollschiff "Preussen".

Besucher der Ausstellungsräume an der Nordseeküste können sich selbst einen Eindruck verschaffen, wie viel Konzentration diese Arbeit erfordert. Bei Mitmachaktionen lernen Kinder, wie ein Segelschiff in die Flasche kommt: Die Mini-Masten werden samt Rahen, Segeln und Takelage mit winzigen Drahtscharnieren zusammengeklappt am Schiffsrumpf angebracht und nach dem Einschieben in die Flasche - immer das Heck voran - mithilfe langer Zugfäden wieder aufgerichtet. Ein Zurück gibt es nicht mehr, alles ist auf den Millimeter genau berechnet.

Auch zu Jürgen Kubatz nach Boltenhagen kommen in der Urlaubszeit Kinder und schnippeln, schnitzen, kleben, pinseln einen Nachmittag lang unter seiner Anleitung. Am Ende des Tages nehmen sie stolz ein Flachmann-Schiffchen aus Zahnstochern, Schaschlikspießen, Betttuch und vorgefertigten Rümpfen aus Lindenholz mit nach Hause. Ein kleines Urlaubsmitbringsel - und vielleicht der Einstieg als Buddelschiffbauer.

Fragt man heute nach den wirklich "Großen" der Szene, fällt immer wieder der Name Albertus Looden aus Lüneburg. Der ehemalige Kapitän einer Borkum-Fähre entstammt einer Krabbenfischerfamilie aus Greetsiel in Ostfriesland und fertigt ausschließlich Auftragsarbeiten für Reedereien, Museen, private Schiffseigner und Liebhaber.

"Alexander von Humboldt" in der Beck's-Flasche

Looden beschafft sich dafür alte Bauzeichnungen, Fotografien und Unterlagen, er ist ins Detail verliebt wie kaum ein anderer: Seine aus Fensterkitt modellierten Wellenkämme haben fotorealistische Qualität, den Figuren aus dem H0-Sortiment verleiht er echte Gesichtszüge. Pro Jahr fertigt er nur eine Handvoll filigrane Werke.

Eine der wenigen bekannten Buddelschiffbauerinnen ist Michaela Richter aus Hamburg. Die 38-Jährige hat eine Halle in einem Gewerbehof angemietet, in der die Flaschen gleich palettenweise lagern. Vor knapp zehn Jahren machte sie sich mit einer Geschäftsidee selbstständig, die das Buddelschiffbauen modernisierte: Ihren in Serie handgefertigten Modellen wie die "Gorch Fock" verpasst sie auf Kundenwunsch bedruckte Segel, Flaggen mit Logos oder gravierte Messingschilder. Unternehmen, Reedereien oder Hotels bestellen bei ihr Präsente und Werbegeschenke. Den Handel betreibt sie fast ausschließlich über das Internet.

Nachwuchsprobleme kennt Richter nicht: Ihren Renner verkauft sie vor allem an jugendliche Kunden. Eine "Alexander von Humboldt" in einer original Beck's-Bierflasche ist für diese Kult. Die zeitgemäße Neuinterpretation könnte die Tradition der Buddelschiffe also doch noch vor dem Untergang bewahren.

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insgesamt 7 Beiträge
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vulcan 03.08.2014
1. Nachwuchs
Tja, Buddelschiff-Erbauer sind nicht die einzigen Modellbauer, denen der Nachwuchs fast vollständig abgeht... Gegen Fehler sind die alten Hasen aber auch nicht gefeit.. :-) - der vierte Schornstein der Titanic war auch beim Original nur eine Attrappe, dürfte also nicht qualmen...
Oberleerer 03.08.2014
2.
Zitat von vulcanTja, Buddelschiff-Erbauer sind nicht die einzigen Modellbauer, denen der Nachwuchs fast vollständig abgeht... Gegen Fehler sind die alten Hasen aber auch nicht gefeit.. :-) - der vierte Schornstein der Titanic war auch beim Original nur eine Attrappe, dürfte also nicht qualmen...
Das ist mir auch sofort aufgefallen. Außerdem ist das 1. was einem im Zusammenhang mit dem Umtergang der Titanic erklärt wird, daß ein Eisberg unter Wasser 6x größer ist. Für Kinder ist Funktionsmodellbau interessanter. Mal ehrlich, das mit den Flaschen ist nur Selbstzweck und man produziert Staubfänger. Trotzdem weiß der Leser nun immer noch nicht, wie ein breiter Schiffsrumpf durch den Hals paßt.
Hamberliner 03.08.2014
3. Die Gelbe Gefahr
Zitat von sysopBernd EllerbrockWie kommt der Dreimaster in die Flasche? Kein Problem für Buddelschiffbauer. Ihrem maritimen Kunsthandwerk droht allerdings der Untergang, denn der Nachwuchs fehlt. Mit Ferien-Mitmachkursen wollen die Bastler das ändern. http://www.spiegel.de/reise/deutschland/modellbau-mit-flasche-buddelschiffe-und-ihre-erbauer-a-984006.html
Ich fürchte, sehr bald wird es das bei alibaba.com geben. 10 Stück zu 2,99 EUR. Made in China. Mit dem 3D-Drucker.
Jochen Binikowski 03.08.2014
4.
Ich habe eine zeitlang mit Jonny Reinert zusammengearbeitet und deshalb weiß ich aus erster Hand dass die Sache mit dem Rauch in der Schornsteinatrappe gewollt war. Im Gegensatz zu maßstabsgetreuen Schiffsmodellen kommt es bei Buddelschiffen auf einen für Laien möglichst attaktiven Gesamteindruck an. Es gab und gibt nur wenige Menschen die mehr Ahnung von historischen Schiffen haben als Jonny. Wer wissen möchte wie kommerzielle Buddelschiffe heutzutage hergestellt werden: https://www.youtube.com/watch?v=nmgvW0mZ-b0 und so sieht das in Hamburg aus: https://www.youtube.com/watch?v=x-M3-F6WeFA
Jochen Binikowski 03.08.2014
5.
Zitat von OberleererDas ist mir auch sofort aufgefallen. Außerdem ist das 1. was einem im Zusammenhang mit dem Umtergang der Titanic erklärt wird, daß ein Eisberg unter Wasser 6x größer ist. Für Kinder ist Funktionsmodellbau interessanter. Mal ehrlich, das mit den Flaschen ist nur Selbstzweck und man produziert Staubfänger. Trotzdem weiß der Leser nun immer noch nicht, wie ein breiter Schiffsrumpf durch den Hals paßt.
Der Rumpf besteht aus mehreren Teilen die jedes für sich durch den Flaschenhals passen. Die Kunst besteht darin, die Nähte bzw. Übergänge zu verdecken. So ist z.B. das Deck aus Karton oder Furnierholz gefertigt und lässt sich aufrollen damit es durch den Hals passt. Die Decksaufbauten und vor allem die Masten und Takelage kommen separat in die Flasche. Hauptschwierigkeit dabei: Die Fäden der Takelage müssen straff sitzen. Das ist genauso kompliziert wie es sich anhört und es gibt nicht viele Buddelschiffbauer die das perfekt hinbekommen.
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